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Cool und doch gefühlsecht? Wie authentisch sind Sie?

Cool! Dieses Wort findet sich seit einigen Jahren im Sprachgebrauch so oft wie kaum ein anderes für das, was wir gut oder toll finden, was uns begeistert. Und zugleich sind wir selbst oft alles andere als cool. Wir leben vielmehr im Zeitalter der Gefühle und extremen Reaktionen. Dieser Diagnose unserer heutigen Zeit, die Wolf Lotter kürzlich in der brand eins stellte, kann ich mich anschließen. Wie aber passt beides zusammen? Authentizität ist hier für viele das Zauberwort, das alle Widersprüche aufzuheben scheint. Ist das so?

Das Soziale Netz im Internet lädt permanent zu spontanen Reaktionen ein. Und spontan heißt, aus dem Bauch heraus dem ersten Gefühlsimpuls zu folgen. Nicht lange zögern, nicht lange nachdenken. Kein Innehalten. Schnell und unmittelbar reagieren. Ist das wirklich authentisch? Und kann es nicht sein, dass Authentizität – so verstanden – missverstanden wird? Dass sie sogar problematisch ist?

Gefügig durch gefühlig

Wer die Klaviatur der Gefühle beherrscht, kann punkten. Das gilt für Werbung und Politik genauso wie für zwischenmenschliche Beziehungen im Alltag. Sehnsüchte zu wecken und Versprechungen zu machen ist der eine Teil der Tastatur. Neid, Angst oder auch Wut zu schüren ist der andere. Ob eine Babywindel verkauft wird oder ein politisches Statement – Gefühle sind Hebel, um die Menschen zu packen. Aber gerade in der Politik, und unsere deutsche Geschichte ist hier reich an beklemmenden Beispielen, wird eines deutlich: Wer zu gefühlig ist, wird schnell gefügig gemacht.

Wer sich allein auf seine Gefühle verlässt, läuft leicht Gefahr, dass er wie eine Marionette an seinen Gefühlsfäden entlang fremdgesteuert wird. 

Für mich ist das ein Missverständnis, Gefühlen per se den Nimbus der Authentizität zu verleihen. Denn unsere Gefühle von heute können morgen schon wieder anders sein. Wenn Sie auf die Entwicklungsgeschichte Ihres eigenen Gefühlslebens zurückblicken, werden Sie vielleicht selbst feststellen, dass manches, was vor einem, zehn oder zwanzig Jahren für sie gefühlsmäßig ultimativ richtig war, sich heute in anderem Licht darstellt. Das Gegenteil gilt also: Die Gefühlskultur, wie sie herrscht, verdeckt viel Authentizität. 

Wirklich authentisch sein

Kochen die Gefühle bei einem Menschen hoch, dann wird eines deutlich: Der Mensch ist außer sich – zum Beispiel vor Freude oder vor Wut. Er ist also nicht bei sich. Er ist nicht authentisch.

Authentisch sein bedeutet für mich, dass ich fähig bin, meine eigenen Gedanken und Gefühle im Zusammenhang und Vergleich mit den übereinstimmenden oder widersprechenden Gedanken und Gefühlen anderer zu hinterfragen und so eine gewisse Distanz zu ihnen zu entwickeln – bevor ich sie lauthals in die Welt hinaus trage. Ich nenne das Selbstführung. Sie ist für mich ein wesentliches Element von Authentizität. Ein Fähnchen im Wind der Gefühle ist nicht authentisch. 

Und es bedeutet für mich auch, sich kontinuierlich um rationale Überprüfung der eigenen Gefühlslage zu bemühen. Gefühle sind wichtig, können aber auch trügerisch sein. Ihnen blind zu vertrauen mag manchmal naheliegen, aber empfehlenswert ist es ganz sicher nicht.

„Will ich mich authentisch zeigen oder mich hinter meinen Gefühlen verstecken?“ Das ist für mich die Frage, mit der Sie, ich und jeder andere auch eine beruhigende Distanz zu der emotionalen Schnelligkeit, die heutzutage herrscht, schaffen kann. „In der Ruhe liegt die Kraft“ mag ein altmodischer Gedanke sein. Man könnte ihn aber auch einfach cool finden.

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