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Entropie und Transzendenz – Jenseits der Null

"Auslöschung kennt die Natur nicht; sie kennt nur die Verwandlung. Alles was die Wissenschaft mich gelehrt hat und immer noch lehrt, stärkt meinen Glauben an die Kontinuität unserer spirituellen Existenz nach dem Tode.“ – Wernher von Braun

Thomas Pynchon stellt dieses Zitat dem ersten Kapitel seines monumentalen Romanwerks Die Enden der Parabel/Gravity´s Rainbow voraus. Dieses erste Kapitel trägt die Überschrift Jenseits der Null und eröffnet bereits nach kurzem Lesen jede Menge Fragen, die der Mathematikunterricht nicht einmal gestellt, geschweige denn je beantwortet hat.

Was man erlebt, wenn man im Roman weiterliest, ist ein wilder Ritt durch die Zeiten von Chaos und Ordnung in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. London, Los Angeles, vor allem aber das vom Endsieg durch den erhofften Einsatz der Vernichtungsrakete V2 besessene nationalsozialistische Deutschland. Dazwischen jede Menge historischer Ausflüge in die dunklen Seiten der Geschichte: Evolution, Religion, Revolution, Kolonialismus. Ein komplexes Beziehungsnetz von Organisationen und Personen. Und weit und breit keine Figur, mit der man sich identifizieren könnte. Die einen gehen unter, verflüchtigen oder verlieren sich, die anderen manipulieren unverfroren und unbeirrt bis zum Ende weiter, die eigenen Interessen immer fest im Blick. Über allem steht symbolisch die ballistische Flugbahn der Rakete – die Parabel, die Pynchon im originalen Titel des Romans wesentlich poetischer als  Regenbogen beschreibt. Als Leser des Romans bin ich staunend, irritiert, erschrocken und manchmal auch angewidert, aber immer allein. Das bis zum Ende durchzuhalten ist anstrengend, aber aller Mühen wert.

Dass dieser Roman, der in den sechziger Jahren entstand und 1973, vor nahezu fünfzig Jahren, im Original erstmals veröffentlicht wurde, von Exegeten mit großer Lust an der eigenen Sicht auf diese Welt immer wieder subjektiv interpretiert wurde und mittlerweile als Meisterwerk der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt, wusste ich nicht, als ich mit dem Lesen begann. Ich hatte bis dahin nicht einmal den Namen Thomas Pynchon gehört. So habe ich damit begonnen, unbedarft drauf los zu lesen. Das war gut so.

Wer mich dazu brachte, einen beachtlichen Teil meiner begrenzten Lebenszeit diesen rund 1200 auf hauchdünnem Gesangbuchpapier gedruckten Seiten zu schenken, war OUBEY. Er hatte sich den Roman gekauft, bevor sein tödlicher Unfall dazu führte, dass er ihn selbst nie würde lesen können. Als ich das Buch vor einigen Jahren zufällig beim Auf- oder Umräumen zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich von diesem Fund genauso wie vom Klappentext des Buches fasziniert.

Das Zusammenspiel von Chaos, Ordnung und Entropie im Zusammenwirken dynamischer Komplexität, wie es die Thermodynamik wissenschaftlich untersucht, gehörte zu den Themen, die OUBEY schon sehr früh und besonders stark beschäftigten. Fasziniert von Turbulenzen jeder Art, in denen dieses Kräftespiel ebenso wild wie mathematisch berechenbar Gestalt annimmt, entwickelte er eine ganz eigene Technik, um seinen Erkenntnissen und Gefühlen in Farben und Strukturen, die er auf die beschichtete Hartfaserplatte brachte, seine eigene künstlerische Ausdrucksform zu verleihen.

Genau das ist es was Thomas Pynchon in den Enden der Parabel tut. Er nutzt seine ganz eigene Technik der Sprache, die voll ist von Bezügen zu Poeten, Philosophen und Romanciers, um dem Zusammenspiel der Kräfte von Chaos und Ordnung und der dynamischen Komplexität des Weltgeschehens seine eigene, literarische Ausdrucksform zu verleihen.

Am Ende erscheint die Entropie, die Kraft zur Selbstzerstörung, die wohl allen dynamisch-komplexen Systemen innewohnt, nicht mehr als etwas Bedrohliches, sondern geradezu als natürlich und notwendig. Denn sie eröffnet die alternative Perspektive der Transzendenz. Nicht für jeden. Aber für alle, die in ihrem Leben eine zweite Ebene der Realität gewinnen, die über den zweidimensional- linearen Verlauf irdischer Ereignisse hinausgeht. Es sind, nach Pynchon, diejenigen, die in ihrem Leben im übertragenen Sinn „vom Blitz getroffen“ wurden, die einen Einschlag erlebt und überlebt haben, der alles, ihre eigene Existenz eingeschlossen, in Frage stellte. Dieses Erlebnis eröffnet den individuellen Ausweg aus der Entropie durch die Möglichkeit einer Transzendenz.

Und doch hat sie etwas Gutes, diese immanente Bewegung hin zur Entropie. Gäbe es sie nicht, wären wir womöglich noch heute an dem Entwicklungspunkt, an dem die Menschheit vor vielen tausend Jahren war. Wir haben Aufstieg und Untergang so vieler kultureller Systeme erlebt – von den Mayas, Azteken und Babyloniern über die Griechen und Römer bis hin zum zum „Tausendjährigen Reich“. Doch in unserem kollektiven Bewusstsein sind wir tatsächlich noch nicht sehr viel weiter als wir bereits vor ein paar tausend Jahren waren. In Krisenzeiten brechen sich immer wieder die alten Verhaltensmuster ihr Bahn. Technisch haben wir uns dagegen in atemberaubendem Tempo nach vorne katapultiert. Nicht zuletzt deshalb, weil wir industriell und wirtschaftlich erwünschte Kriege führen wie sie vor einhundertfünfzig Jahren noch nicht im Entferntesten vorstellbar waren. Auch davon handelt der Roman.

Welche Rolle aber spielt in dieser Geschichte vom Aufstieg und Untergang menschlicher Reiche die Natur? Was ist mit unserem Verständnis von der Natur? Bei Pynchon ist sie wahrer Zufluchtsort und Trost für die „Übergangenen“. Doch ihre „Stämme und Äste ächzen voll Kummer über die technische Wunde, die durch ihr Gelände geschlagen ist“, heißt es ganz am Ende des Romans auf Seite 1150. Mehr als fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Thomas Pynchon´s Roman ächzt und stöhnt die Natur nicht mehr nur, sie bäumt sich auf, rebelliert und erteilt uns eine Lektion, die der Mensch möglicherweise erst lernt, wenn es zu spät ist – für ihn, nicht für die Natur. Der Mensch, den Pynchon als „Verheerer“ bezeichnet, nähert sich, und das allein aus eigener Kraft, Absicht und einem fatalen Unverständnis der Zusammenhänge, dem „tipping point“ seiner eigenen Existenz. Echte Entropie in Sichtweite.

In dem 1992 mit ihm geführten und aufgezeichneten Gespräch machte OUBEY auch klare Aussagen zum Verhältnis des Menschen zur Natur und zu ihrem Heimatplanet, der Erde. Ich glaube begriffen zu haben, weshalb dieser Roman ihn so sehr interessierte, dass er ihn lesen wollte – was äußerst selten vorkam. Wie spannend wäre es gerade deshalb gewesen, wenn er diesen Roman selbst hätte lesen und sich dazu äußern können. Wie schade, dass das nicht mehr möglich war.

 

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