Thoughts & Insights

Metamorphosen des Vergessenen

"Dieses Bild ist wie eine Erinnerung an nie Gesehenes" meinte ein junges Mädchen, das gemeinsam mit ihrer Schulklasse die Ausstellung der OUBEY Global Encounter Tour in Berlin besuchte, spontan. Was für ein faszinierender Gedanke! Kann es sein, dass man sich an etwas erinnert, was man noch nie gesehen hat? Und wenn ja, wie könnte das möglich sein?

Damals stellte sich mir diese Frage zum ersten Mal. Nachdem sie mich nun eine ganze Weile beschäftigt hat, möchte ich sagen: ja, das geht – vorausgesetzt man löst sich ein wenig von der vertrauten Bedeutung dessen, was wir als Erinnern und Sehen bezeichnen.

Wenn wir von Erinnerung sprechen, dann meinen wir zu allermeist, dass in der Vergangenheit Erlebtes in unserem Gedächtnis hochgespült und manchmal sogar so lebendig wird, als wäre es gerade in diesem Moment des Erinnerns geschehen. Beim Erinnern kommen sich Vergangenheit und Gegenwart so nah als würden sie sich umarmen oder miteinander tanzen. Doch niemals wird unsere Erinnerung identisch mit dem, was einst wirklich geschah und auch nicht mit dem, was durch die Erinnerung nun in unsere Gegenwart zurückkehrt.

Mit der Fotografie ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Dimension des Erinnerns möglich geworden. Ein Moment wird unveränderbar festgehalten. Frei und unabhängig von den Wirkungsmechanismen unseres Gedächtnisses. Unsere Erinnerung an diesen Moment verändert sich im Laufe unseres Lebens. Das Foto bleibt immer dasselbe. Heute kann man permanent und ohne Mühe alles fotografisch oder sogar filmisch festhalten, was einem über den Weg läuft. Eine Art externes Gedächtnis ist entstanden. Beim Betrachten alter Fotografien werden oft Erinnerungen wach, die vergessen zu sein schienen und die ihrerseits ganze Ketten weiterer Erinnerungen auslösen.

Auch wenn wir uns manchmal vielleicht von ganzem Herzen wünschen, dass ein vergangener Moment wieder zur Gegenwart wird – es ist niemals dasselbe, woran wir uns erinnern. Wir befinden uns in einem permanenten Werden, nichts bleibt so wie es war. Das gilt für die äußere Welt genauso wie für die innere. Alles beginnt jeden Moment aufs Neue. Alles kann sich von einem Moment auf den anderen vollkommen und radikal verändern. Und selbst wenn es ein ruhiger Fluss ist, in dem sich das Leben bewegt: Niemand steigt zweimal in denselben Fluss.

Es ist so etwas wie eine Metamorphose, die in unserem Gehirn stattfindet. Unser Gedächtnis ist ein lebendiges System, in dem sich Erinnerungen permanent neu miteinander wie auch mit den Erlebnissen der Gegenwart verknüpfen. Aus dem Vergangenen, das Jahre und Jahrzehnte hinweg wie ein Sediment erhalten geblieben ist, erwachsen – angereichert durch die seitherigen Erfahrungen und hinzugewonnenen Erkenntnisse – neue Strukturen. Es entsteht ein Gewebe, in dem sich die Schichten des Vergessenen mit dem Erlebnis des Erinnerns in einem Moment der Gegenwart verbinden. Eine Erinnerung ist niemals eine geistige Reproduktion des Erlebten, niemals die Wiederholung des Moments, an den sie erinnert.

Und damit nicht genug. Der Erinnerungsschatz unseres Gehirns geht ja weit über das, was wir tatsächlich erinnern können, hinaus. Er bleibt eine unbekannte, unbewusste Größe, die unsere Wahrnehmung, unser Fühlen, Denken und Handeln beeinflusst. Alles, was wir in unserem Leben je erlebt, gehört oder gesehen haben, ist in unserem Gedächtnis vorhanden – unabhängig davon, ob wir uns an daran erinnern können oder nicht.  und unser Gedächtnis ist ein lebendiges System, in dem sich Erinnerungen permanent neu miteinander wie auch mit den Erlebnissen der Gegenwart verknüpfen.

Menschen, die in Hypnose versetzt wurden, erinnerten sich an Dinge, die sie einmal gehört oder gesehen haben, ohne dass ihnen dies bis dahin je bewusst gewesen wäre. Nach dem Aufwachen aus diesem Ausnahmezustand ihres Gehirns konnten sie sich daran ebenso wenig erinnern wie zuvor – obwohl sie diese Erinnerung(en) in der Hypnose gerade noch ganz konkret geäußert oder beschrieben haben. Alle Erinnerungen sind da, aber nur wenige sind in unserem Zugriff. Ausgelöst werden sie oft durch sinnliche Katalysatoren wie Gerüche, Düfte, Geräusche, Musik, und auch durch den Anblick von Landschaften oder Gebäuden.

Aber wie ist das mit dem Sehen? Von der Erinnerung an „nie zuvor Gesehenes“ sprach das Mädchen beim Betrachten des Bildes. Das Sehen beziehen wir zumeist auf Menschen, Gegenstände, Landschaften etc., die real existieren. „Ich glaube nur, was ich sehe“ heißt es oft. Doch mit dem Sehen verhält es sich nicht so eindeutig wie wir gerne glauben mögen.

Wenn zwei Menschen das selbe sehen, heißt es noch lange nicht, dass sie dasselbe sehen. Und wenn sie sich an das selbe Gesehene erinnern, können ihre Beschreibungen durchaus erheblich, manchmal sogar extrem voneinander abweichen, obwohl sich das selbe gemeinsam Gesehene real vor ihnen befunden hat. Und manche sehen etwas überhaupt nicht, was dem anderen sofort ins Auge springt. Was wir sehen oder nicht sehen, wird durch den Fokus unseres Interesses im Moment des Sehens bestimmt. Im Extremfall haben wir einen regelrechten „blinden Fleck“, indem wir dasselbe immer und immer wieder übersehen – aus welchen Gründen auch immer.

„Nie zuvor Gesehenes“ kann also identisch sein mit dem bislang nicht Erinnerbaren, das in den unbewussten Tiefen unseres Gedächtnisses versunken war und nun durch das bislang unbekannte Bild eines Künstlers erinnerbar wird. Es wird wiedererkannt und kommt damit zu Bewusstsein.

Gut möglich, dass OUBEYs Bilder nicht nur die Qualität eines sinnlichen Katalysators haben, der vergessene Erinnerungen beim Betrachter wachküsst. Vielleicht entsteht bei ihrer Betrachtung aus dem Unbewussten heraus auch ein übereinstimmendes Sehen? So etwas wie das Erinnern des kollektiven Unbewussten, über das C.G.Jung einst nachdachte und schrieb, und das der Komplexitätsforscher, Biologe und Arzt Prof. Stuart Kauffman in seiner Begegnung mit einem Bild von OUBEY einmal ins Spiel brachte. Kauffman sprach allerdings über ein ganz anderes Bild als das, auf das die junge Schülerin in Berlin so spontan reagierte. Und genau das lässt diese Vorstellung keineswegs so abwegig erscheinen wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Ein zweites Hinschauen ist es allemal wert.

More Projekt

Newsletter