Wenn Sie sich “Take A Pebble” anhören, lernen Sie deshalb nicht nur ein einzigartiges Musikstück kennen, sondern können dabei auch OUBEY ein wenig besser kennenlernen.

Lyrics

Just take a pebble and cast it to the sea
Then watch the ripples that unfold into me
My face spill so gently into your eyes
Disturbing the waters of our lives

Shreads of our memories are lying on your grass
Wounded words of laughter are graveyards of the past
Photographs are grey and torn, scattered in your fields
Letters of your memories are not real

Well, sadness on your shoulders like a wornout overcoat
In pockets creased and tattered hang the rags of your hope
The daybreak is your midnight, the colours have all died
Disturbing the waters of our lives,
Of our lives, lives, lives

 

Quelle: LyricFind

 

Was ist neu? Was verbirgt sich hinter dem Titel „The Art of Resonance“?

„Wie machen Sie das?“ wurde und werde ich als Initiatorin dieses Projekts immer wieder gefragt. Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten.

Finde die richtigen Partner

Die erste Antwort auf diese Frage lautet: Indem ich immer wieder die richtigen Partner finde, die sich für OUBEYs Kunst und dieses Projekt genauso begeistern können wie ich selbst. Die den Geist dieses Projekts verstehen, der immer noch der Geist ist, aus dem heraus OUBEY sein Werk erschuf in der kurzen Zeit seines Lebens. Denen es nicht um Ruhm oder Reichtum geht. Die Spaß daran haben, ihre außerordentlichen Fähigkeiten in den Dienst einer Sache zu stellen, die für jeden, der sich in dieses Projekt hinein begibt, eine Herausforderung besonderer Art darstellt. Eine Herausforderung, die aber auch Möglichkeiten und Freiheiten der Gestaltung und Mitgestaltung bietet wie man sie nicht überall findet. Denn diese Sache stellt so ziemlich alles in Frage und auf den Kopf was üblich oder normal ist.

Über die lange Zeit von fünfzehn Jahren hinweg immer wieder und auch jetzt, nach der dreieinhalbjährigen Projektpause erneut solche Partner gefunden zu haben, bezeichne ich als großes Glück.

Mach es wie OUBEY

Als ich das MINDKISS Projekt ins Leben rief, war ich allein. Anders und doch ähnlich wie auch OUBEY allein war, als er zwölf Jahre lang seine Bilder malte. Er brauchte den Rückzug aus der Öffentlichkeit, um die Bilder malen zu können, die in seinem Kopf entstanden – unabhängig von irgendeiner außenstehenden Meinung oder gar der Idee eines Verkaufs auf dem Markt.

Auch ich zog mich nach seinem Tod erst einmal zurück, sichtete sein Werk und vertiefte mich hinein. Das war gut, wichtig und richtig. Doch irgendwann kam der Moment, in dem für mich klar war, dass ich an die Öffentlichkeit gehen möchte mit seinem Werk, um das zu tun, was er am Ende seines Rückzugs vorhatte, aber selbst nicht mehr tun konnte. Mir war bewusst, dass ich zu diesem Zeitpunkt die einzige war, die das wollte. Also brauchte ich als „One Woman Enterprise“ auf jeden Fall Verbündete. Dennoch blieben OUBEYs Statements, seine Wünsche und Hoffnungen immer mein bester Kompass – bis heute.

Kümmere dich nicht um Ignoranten

Vor allem in den ersten beiden Jahren stieß ich bei meinen Erkundungen oft auf Unverständnis, Ignoranz, manchmal sogar auf Ablehnung. Zum Glück machte ich damals nicht den Fehler, den Grund hierfür bei OUBEY oder mir zu suchen, sondern da, wo er tatsächlich lag – bei der normierten selektiven Wahrnehmung dieser Menschen, die mir nichts zutrauen wollten, weil sie sich selbst nichts zutrauten – betriebsblind und befangen, in den gängigen Mustern ihres Betriebs verhaftet. Diese Erfahrungen habe ich nicht vergessen. Sie haben mich nicht geschwächt, sondern stark und widerstandsfähig gemacht in einer Zeit, in der das Nachbeben von OUBEYs Unfalltod noch täglich zu spüren war.

Lass dir Zeit

Meine Standhaftigkeit und Ausdauer zahlten sich aus. Es waren zunächst nicht die „großen“ Namen, sondern Menschen aus meinem näheren Umfeld, die mich aus anderen Kontexten kannten und denen ich von meinen Ideen erzählte, die sich für die Projektidee zu begeistern begannen. Irgendwann wusste ich was ich will und traf die bis heute nachwirkende wichtige Entscheidung, unabhängig von den etablierten Institutionen des Kunstbetriebs meinen eigenen Weg zu gehen und hierfür das Internet zu nutzen, wo ich genau das und nur das machen kann, was ich will und was nach meinem Verständnis auch in OUBEYs Sinn ist. An dieser radikalen Entscheidung fanden andere ihr ganz eigenes Vergnügen und begannen mich zu unterstützen, halfen mir dabei, Breschen in den Dschungel  dieser mir bis dahin vollkommen unbekannten Welt zu schlagen. Auch das habe ich nicht vergessen. Das war der Beginn des Gemeinschaftswerks, das ich heute hier zum inoffiziellen 15thAnniversary des MINDKISS Projekts einmal öffentlich würdigen möchte.

 Trau dich zu fragen

Zu den leisen Unterstützern aus Sympathie im Hintergrund kamen nach und nach immer mehr professionelle Partner hinzu. Mit ihnen arbeitete ich fünf Jahre lang hinter den Kulissen an dem, was 2010 dann mit dem Launch seinen ersten öffentlichen Auftritt im ZKM Karlsruhe feierte. Was sich danach entwickelte, war eine Kooperationsexplosion.

Menschen überall auf der Welt erklärten sich bereit, das Projekt zu unterstützen, indem sie entweder bereit waren, einem von OUBEYs Bildern vor laufender Kamera zu begegnen oder mir dabei halfen, weitere Partner für eine Station der Global Encounter Tour von San Francisco über Neuseeland bis nach Uganda zu finden. Menschen, von denen ich mir bis dahin kaum vorstellen konnte, dass sie sich je auf so ein Experiment einlassen und einen persönlichen Beitrag leisten würden. Dennoch fragte ich sie und die allermeisten sagten „Ja“. Die 25 Encounter Videos, die auf diese Weise zustande kamen, sind und bleiben eins der Fundamente des Projekts, denn sie zeigen unmittelbar und ohne weitere Erklärung, worum es in diesem Projekt eigentlich geht.

Sei offen für das Unerwartete und nutze den Zufall

Ich hatte die Hoffnung, irgendwann noch einen Encounter mit einem Ureinwohner Australiens zu machen, fast aufgegeben. Da hörte ich morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Bericht im Radio über den Kampf der Maori für die Rückkehr der Schrumpfköpfe ihrer Vorfahren aus den Museen der Welt nach Neuseeland. Nie zuvor hatte daran gedacht, Maori zu fragen, ob sie vielleicht bereit wären, OUBEYs Kunst zu begegnen. Mit Hilfe der Radioreporterin, die ich ausfindig machte, kamen drei Encounters und ein halbes Jahr später sogar eine Station der Global Tour in einer Maorischule zustande.

Und die Idee einer Station der Tour in Uganda wurde bei einem internationalen Forum für Menschenrechte in Oslo geboren. Ein Freund, der ebenfalls an diesem Forum teilnahm, sprach in der Pause mit einem norwegischen Teilnehmer über das MINDKISS Projekt, woraufhin der mich spontan nach Uganda einlud, wo er seit vielen Jahren ein Kunst- und Ausbildungsprojekt für junge Menschen betreut. Ich gebe zu, dass ich einen Moment lang zweifelte, ob daraus wirklich etwas werden könnte. Der Zweifel war unberechtigt. Es wurde etwas ganz Wunderbares daraus.

Liebe was du tust

Das MINDKISS Projekt wäre niemals das geworden was es heute ist ohne die wunderbare Zusammenarbeit mit so vielen großartigen Partnern und Unterstützern, dass ich sie hier gar nicht alle nennen kann. Es war niemals der Geist einer Geschäftsbeziehung, der diese Zusammenarbeit getragen und beflügelt hat. Es war etwas, was ich eine liebevolle Hingabe nennen möchte. Liebevolle Hingabe zu finden in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit des Projekts ist für mich nichts, was ich selbstverständlich finde. Zumal es in diesen Kooperationen ja immer um eine Art von Dreiecksbeziehung geht: Auf den ersten Blick geht es um den jeweiligen Partner und mich. Aber es geht immer auch um OUBEY. Deshalb ist das Verständnis für OUBEY immer eine unbedingte Voraussetzung dafür, dass die Zusammenarbeit zu einem guten Ergebnis führt. Bisher führte sie immer zu sehr guten, manchmal sogar ausgezeichnet herausragenden Ergebnissen.

Bleib nicht stehen

Seit ich im letzten Jahr nach meiner Projektpause die Arbeit wieder aufgenommen habe, wird der Geist eines Gemeinschaftswerks in der Zusammenarbeit mit den aktuellen Partnern immer stärker spürbar. Wir arbeiten nicht nur punktuell in Einzelprojekten zusammen, um „Virtual Reality Experiences“, „Emotionale Resonanzbilder“ zu OUBEYs Kunst oder einen „OUBEY Explorer“ zu erschaffen. Wir verstehen uns auch als Kooperationspartner für die Roadshow, die im September im Rahmen des Science Fiction/Science & Art Festivals in Moskau ihren Kick Off haben wird – sofern COVID-19 es zulässt.

Lass es sich entwickeln

Let it happen – dieses Prinzip hat sich im MINDKISS Projekt über nunmehr fünfzehn Jahre hinweg bewährt. Natürlich muss ab einem bestimmten Entwicklungspunkt auch geplant werden. Doch bis dahin lebt die Qualität der Entwicklung von einem interaktiv und offen gestalteten Prozess des Zusammenwirkens.

Wir stehen nun am Beginn einer neuen Etappe, die mehr denn je von einem gemeinsamen Geist der kreativen Kooperation getragen wird in einem Prozess, der offener ist als alles bisher – ein Gemeinschaftswerk. Nicht zu wissen, wie es sich wohin entwickeln wird, lässt der Zukunft bewusst den Raum, den sie sich ohnehin immer nimmt – in Zeiten der Pandemie mehr denn je – und macht das Ganze noch einmal auf neue Weise interessant und spannend. Ich freue mich darauf.

Der großartige Physiker Richard Feynman

Sie selbst gibt in dem Video von dieser Begegnung eine erste Antwort auf diese Frage, wenn sie sagt: „Noch sind wir nicht so weit, dass wir das mit unseren Teleskopen heute sehen können. Erst in zwei oder drei Jahren.“ Das sagte sie im Jahr 2010. Selbst vierundzwanzig Jahre nach der Entstehung dieses Bildes war es noch immer ein Blick, den bis dahin kein Mensch ins All hatte werfen können. OUBEY konnte das. Er machte in diesem Bild etwas sichtbar, was bis dahin noch kein menschliches Auge je erblickt hatte. Das fand sie mutig.

OUBEY erschuf dieses Bild im Jahr 1986. In diesem Jahr sollte das Weltraumteleskop Hubble seine Mission antreten. Doch der Start dieser Mission wurde aufgrund des tragischen Unglücks der „Space Shuttle Challenger“, bei dem am 28. Januar 1986 sieben Astronauten ihr Leben verloren, ins Jahr 1990 verschoben. Als das Teleskop im Jahr 1990 dann seine ersten Aufnahmen zur Erde schickte, waren diese enttäuschend schlecht bis unbrauchbar. Grund dafür war eine Fehleinstellung im Spiegel des Teleskops, die erst 1993 dank der gewagten Aktion zweier Astronauten im gravitationsfreien Raum korrigiert werden konnte. Seither teilt Hubble seinen Blick ins Universum mit uns Menschen. Seine Aufnahmen von Sternengeburten, schwarzen Löchern und gigantischen, lichtdurchströmten bunt schillernden Nebelfeldern sind aufregend und berauschend schön. Und sie sind inzwischen weltbekannt.

Im Jahr 1986, als „Einsteins Tränen“ entstand – seinen Titel erhielt das Bild übrigens erst viel später – hatte also noch kein Teleskop und auch kein Mensch einen derartigen Blick ins Universum werfen können. OUBEY malte hier nichts was er je zuvor mit seinen Augen hätte sehen können. Er machte für die Außenwelt sichtbar, was sich in seinem Innersten herangebildet hatte aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit Astronomie, Astrophysik, Kosmologie und Elementarteilchenphysik. Aus der Verarbeitung unzähliger Zahlen, Daten und Fakten über das Universum generierte sein Gehirn ein Bild von den Anfängen dieses Universums wie es vor ca. 13 Milliarden Jahren ausgesehen haben musste.

Ein solcher Vorgang ist, wenn man so will, die Umkehrung dessen, was üblicherweise unter „Sehen“ verstanden wird. Denn wenn wir davon sprechen, dass wir etwas sehen, dann meinen wir damit üblicherweise die Wahrnehmung von etwas Sichtbarem, das sich in der Reichweite unseres Auges befindet. Mit Hilfe von Sehkraftverstärkern wie Lupen, Fernrohren und Teleskopen können wir sogar Kleinstes und weit Entferntes sehen und erkennen. Der Weg, über den die mit Hilfe des Lichts von außen empfangenen Informationen unser Gehirn erreichen, führt durch unsere Augen. Sie sind die Außenstelle des menschlichen Gehirns wie jemand einmal sagte. Unsere Augen sammeln Informationen, die sie ans Gehirn weiterleiten, wo sie zu einem Bild werden. Für OUBEY verlief der Prozess, wie er es selbst einmal ausdrückte, eher umgekehrt: „Aus den Augen möchte ich sie an die Wand sprengen, meine Bilder.“

Mit anderen Worten brachte ein zehnjähriger Junge aus Uganda in der Begegnung mit einem ganz anderen Bild von OUBEY diese Qualität von OUBEYs Kunst zum Ausdruck, als er sagte: „He didn´t draw what he saw but what he thought.“

Aufgrund seiner versierten Kenntnisse in Physik, Astrophysik und Astronomie entstand in OUBEYs Kopf ein Bild von den Anfängen des Universums, das dem Bild wie es uns Hubble erst viele Jahre später geliefert hat, auf geradezu unglaubliche Weise ähnlich ist. Und er tat das gewissermaßen in einem geistigen Alleingang.

Was dabei entstand ist keine Visualisierung wissenschaftlicher Daten. Es ist künstlerischer Ausdruck der Verarbeitung wissenschaftlich gewonnener Daten und Fakten, verknüpft mit philosophischen Fragen im Gehirn eines Menschen, dem Philosophie und Wissenschaft gleichermaßen vertraut sind wie die Kunst. Und der dazu in der Lage ist, ein solches Bild, das in seinem Inneren entstanden ist, zu einem Kunstwerk werden zu lassen, das dem eigenen, extrem kritischen Urteil standhält. Ich bin mir sicher, dass OUBEY sich sehr gefreut hätte, die Begegnung seines Bildes mit Dr. Cecilia Scorza selbst miterleben zu können.

Was ist Normalität überhaupt und wer bestimmt, was normal ist? Eine Frage, die Sie sich vielleicht auch schon einmal gestellt haben. Während in Deutschland Menschen laut nach einer Rückkehr zur Normalität rufen wie es sie bis zum Ausbruch der Coronakrise gab, hoffen und demonstrieren in den Vereinigten Staaten von Amerika täglich mehr Menschen dafür, dass die bisherige Normalität des institutionalisierten Rassismus endlich ein Ende hat.

Was als normal gilt, unterliegt einem ständigen Wandel

Wissenschaft und Technik arbeiten mit konstanten Normen. Ein Längenmeter ist ebenso wenig diskutabel wie die Maße für Gewichte oder die Berechnung von Geschwindigkeiten. Die Deutsche Industrienorm, kurz DIN, gewährleistet einheitliche Maße für Sachgegenstände unterschiedlicher Art. Das erleichtert den Alltag und ist gut so.

Anders verhält es sich mit den variablen Elementen von Normalität. Bis vor einhundert Jahren war es beispielsweise normal, dass Frauen in Deutschland nicht wählen dürfen. Und noch vor fünfzig Jahren war es aufgrund gesetzlicher Regelung normal, dass ein Ehemann darüber entscheidet, ob seine Frau berufstätig sein darf. Normalitäten, die heute so gut wie vergessen sind. Ebenso wird vieles von dem, was uns heute normal erscheint, in zwanzig oder fünfzig Jahren vermutlich nicht mehr vorstellbar sein.

Einem Projekt in Indien gelang es vor kurzem, dass Menschen, die im selben Ort leben, aber unterschiedlichen, sich feindselig gegenüberstehenden Kasten angehören, in ein kooperatives Miteinander gefunden haben und sich heute selbst fragen, weshalb sie so lange glaubten, dass genau das unmöglich sei. Sie haben eine alte Normalität abgelegt und eine neue Normalität miteinander geschaffen.

Das Beispiel zeigt, wie repressiv und destruktiv tief verwurzelte kulturell gesetzte kollektive Normen wirken können. Es zeigt aber auch, dass solche Normen nicht für die Ewigkeit geschaffen sind, sondern beweglich sind – wenn es Grundwerte und mitmenschliche Impulse gibt, die sie in Bewegung bringen.

Individuelle Normalität

In einer offenen Gesellschaft lebt jeder Mensch im Rahmen von verbindlich vereinbarten Werten und Regeln sein Leben so wie er das möchte. Auf dieser Grundlage lebt er in seiner eigenen individuellen Normalität, die der seines Nachbarn oder irgendeines anderen Menschen sehr ähnlich sein kann, sich aber auch deutlich von ihr unterscheiden kann. Normalität bewegt sich in einem Spielraum der Toleranz.

Für einen Menschen, der in einem Unternehmen angestellt ist, sieht die alltägliche Normalität anders aus als für einen freiberuflich Selbständigen oder erst recht für einen freischaffenden Künstler. Da sind zehn und mehr Stunden Arbeit am Tag oder in der Nacht normal. Würde man die Normalität des Berufsalltags danach definieren, was die Mehrheit erlebt, dann wäre das ein geregelter Arbeitsalltag von 9 bis 17 Uhr mit festem Einkommen. Das Arbeitsleben freischaffender Künstler oder freiberuflich selbständiger Unternehmer passte noch nie in diese Norm. Ist für diese Menschen aber dennoch normal.

Das gilt genauso für die individuellen Lebensverhältnisse. Lebt ein Mensch allein als Single, in einer hetero- oder homosexuellen Ehe oder Partnerschaft, lebt er mit oder ohne Kinder, mit den eigenen Eltern oder in einer Wohngemeinschaft – all diese Lebensformen sind im Rahmen der heute geltenden Gesetze und vereinbarten Werte normal. Das ist gut so. Doch das war keineswegs immer so.

Kollektive Normalität

In totalitären Gesellschaften wird eine bestimmte Denk- und Lebensweise zur Norm für alle erklärt. Auch wenn sich im Hintergrund die individuellen Lebensweisen immer noch voneinander unterscheiden, bleibt im Vordergrund der Fassade ein Zwang zur Demonstration von Gleichheit und Einheitlichkeit. Ein Abweichen von der gesetzten Norm wird nicht geduldet, wird verfolgt und bestraft, obwohl es niemandem schadet. So entsteht die normative Macht der Mehrheit. Das hat nichts mit dem Mehrheitsprinzip der Entscheidungsfindung in einer demokratischen Gesellschaft zu tun.

In einer offenen Gesellschaft, die auf die Intelligenz und Schaffenskraft der Vielfalt setzt, beansprucht die Mehrheit für sich keine normative Vorherrschaft über Minderheiten. Im Gegenteil: sie respektiert die Meinungen von Minderheiten, so lange sie die gemeinsamen Werte teilen. Und insbesondere schützt sie Minderheiten, die des Schutzes einer Gemeinschaft bedürfen.

Im zwischenmenschlichen Austausch und der konkreten Zusammenarbeit entsteht eine gemeinsame Normalität. Grundlage dafür ist, dass ein jeder sich frei bewegen, tun und lassen kann was er möchte, solange er damit nicht die Freiheit eines anderen einschränkt oder ihm damit schadet. Die eigene Lebensweise nicht zum Maßstab für andere zu machen, ist unbedingte Voraussetzung dafür, dass diese Art gemeinsamer Normalität entstehen kann. In dieser Normalität ist es normal, dass Menschen anders aussehen als man selbst. In einem Einwanderungsland ist eine reflektierte Toleranzbreite Voraussetzung für eine gemeinsam erlebte, wertebasierte Normalität.

Die Geschichte lehrt uns Vorsicht im Umgang mit dem Normalen

Normen halten eine Gesellschaft zusammen. Die Geschichte der letzten Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart hinein zeigt, wohin es führen kann, wenn diese Bindungskraft ideologisch benutzt und missbraucht wird, um das, was nicht ins normative Schema dieser Bindung passt, zu isolieren, zu unterwerfen oder gar zu vernichten. Wer nicht der Norm entspricht, wird bekämpft.

Der Kolonialismus der Europäer hat sich selbst über Jahrhunderte hinweg zum Maßstab für den Rest der Welt gemacht und schreckte auch dann, als die Aufklärung längst ihren geistigen Siegeszug angetreten hatte, nicht vor schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit zurück, wenn es darum ging, die eigene Norm zum eigenen Vorteil durchzusetzen.

Noch vor einhundert Jahren wurden Menschen aus Afrika nach Deutschland gebracht und in einer Art von Menschenzoo als abnormale Exoten ausgestellt. Gegen Eintrittsgeld konnten sie besichtigt werden. Zirkusunternehmen, die es bis heute noch gibt, verdienten damals viel Geld auf Basis dieser Art von Definition was normal ist und was nicht.

Über Jahrhunderte hinweg etablierte sich das Regiment des Normalen auf dieser Welt als Regiment des weißen Suprematismus – vom Versuch, die indianischen Ureinwohner Nord- und Südamerikas auszurotten bis hin zur missionarischen Bekehrung der „Wilden“ in Afrika. Die Folgen dieser Selbstherrlichkeit wirken bis heute nach. Die tägliche Normalität brutaler Polizeigewalt gegen die afro-amerikanische Bevölkerung in Nordamerika kommt in diesen Wochen ans Tageslicht wie nie zuvor und damit ins Bewusstsein auch der Menschen, die sie nicht täglich erleben. Eine Normalität, die es zu überwinden gilt, überall wo sie sich etabliert hat. „Es ist nicht schlimmer als früher, aber nun wird es gefilmt“ meinte Will Smith, einer der bekanntesten und erfolgreichsten afroamerikanischen Filmstars dieser Zeit. Was normal ist, muss nicht richtig sein. Deshalb ist es wichtig, jede Normalität immer wieder zu hinterfragen.

Wer bestimmt was normal ist?

Als in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die Frage aufkam, was Intelligenz ist, wurde erstmals ein Intelligenztest entwickelt. Das führte damals zur Definition „Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst“. Daran glauben auch heute noch viele, ohne zu hinterfragen, wer diese Tests eigentlich entwickelt und welche Art von Fragen und Aufgaben es sind, die die angebliche Intelligenz eines Menschen feststellen sollen. Am Ende des Tests steht der IQ – eine magische Ziffer, die für sich beansprucht, die Intelligenz eines Menschen gemessen zu haben.

Zum Glück gibt es bislang keinen „Normalitätstest“, der zu einem „NQ“ führen würde. Man stelle sich nur einen Moment lang vor, dass es ihn gäbe und weiß sofort, in welchem gesellschaftlichen Szenario man sich dann wiederfinden könnte. Totalitäre Systeme haben ihr paranoides Regime auf jeweils eigene Weise immer wieder normativ definiert und gewaltsam durchgesetzt – Stalinismus und Nationalsozialismus sind hierfür abschreckende Beispiele im 20. Jahrhundert.

Ein Blick in die Gegenwart der Volksrepublik China zeigt, wie aufgrund neuester digitaler Überwachungstechnologie das öffentliche Alltagsverhalten von Menschen beobachtet, kontrolliert und in ein normatives Bewertungsschema eingeordnet wird. In der Konsequenz dieser Bewertung ergibt sich für das weitere Leben dieser Menschen eine dementsprechend wachsende staatliche Einflussnahme. In China wird dieser Überwachungsalltag aufgrund der heute herrschenden Machtverhältnisse in den nächsten Jahren normal werden.

Normalität in Zeiten von Corona

Lange waren es mächtige Herrscher, die in der Geschichte zu bestimmen versuchten, was die Mehrheit denkt. In Zeiten des Internets sind neue, bisher unbekannte Mächtige hinzugekommen, die „Influencer“ und Meinungsmacher vor und hinter den Kulissen. Sogenannte Bots verbreiten systematisch sogenannte Informationen, die sich bei genauem Hinsehen als Lügen und Erfindungen erweisen. Das macht die Sache nicht einfacher. Sie schaffen Normalitäten in den Köpfen von Menschen, die mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit wenig bis gar nichts zu tun haben.

Und nun kommt urplötzlich auch noch ein Virus daher, wirft geradezu von einem Tag auf den anderen alles über den Haufen, was für uns bisher normal war und schafft eine neue Normalität. Eine massive Intervention ins System unserer bisherigen Normalität! Zur Verunsicherung durch die Gefahr der Ansteckung und eines tödlichen Krankheitsverlaufs kommt eine Verunsicherung in den verschiedensten Lebensbereichen des Alltags.

Ob und warum wir aus dem Haus gehen, ob wir Freunde treffen, unsere Eltern im Pflegeheim besuchen , ob wir uns die Hand geben oder uns umarmen – die Antworten auf diese Fragen haben durch die Verbreitung des Coronavirus eine neue Normalität in unser Alltagsleben gebracht. Das damit verbundene emotionale Verzichtserlebnis ist gravierend.

Inzwischen sind die Vorschriften gelockert. Die Normalität, die wir sie bis vor wenigen Monaten kannten, ist damit aber nicht zurückgekehrt. Doch letztlich bestimmt auch in diesen Zeiten jeder Mensch selbst, was er für normal und gut hält. Jeder kann sich informieren und wissen, was vernünftig ist, auch wenn es der Normalität seines bisherigen Lebens widerspricht. Damit bestimmt er immer auch die Dimension seiner eigenen (Mit)Menschlichkeit. Denn solange es keinen Impfstoff gegen dieses Virus gibt, ist Vorsicht ebenso geboten wie Rücksicht. Jeder kann jeden anstecken und keiner weiß vom anderen, ob er infiziert ist oder nicht. Vielleicht macht uns diese Zeit bewusst wie wichtig es ist, dass jeder klärt, was für ihn in den Toleranzraum des Normalen gehört und was nicht. Diesen Toleranzraum für sich selbst zu definieren ist Teil der neuen Normalität.

Es ist gut für alle, sich an Abstandsregelung und Maskenpflicht zu halten. Eine Norm, deren Sinn nicht schwer nachzuvollziehen ist. Zumal ihre Einhaltung dazu beizutragen wird, dass die Entwicklung kontinuierlich weitere Lockerungen zulässt. Dabei lernen wir gerade, neue Prioritäten zu setzen. Eltern, Großeltern, Kinder, Lebenspartner und enge Freunde stehen an erster Stelle. Urlaubsflüge in ferne Länder, Disco-, Kino-, Konzert- oder Restaurantbesuche und vieles mehr ist nicht unwichtig geworden, bekommt in Zeiten wie diesen aber einen veränderten Stellenwert. Das sage ich als Mensch, für den ein wöchentlicher Besuch im Kino bis vor drei Monaten normal war.

Irgenwann wird der Tag kommen, an dem das wieder zur Normalität meines Lebens dazugehören wird. Auf diesen Tag freue ich mich schon heute wie ein Kind auf Weihnachten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es wäre unmöglich und deshalb ebenso verwegen wie vermessen, diese Frage hier in wenigen Absätzen beantworten zu wollen. Die größten Denker der Menschheitsgeschichte haben sich an ihr abgearbeitet und dennoch bleibt es bis heute eine Frage, über die immer wieder neu nachzudenken ist.

Wenn ich heute das Pfingstfest zum Anlass für diese „Thoughts & Insights“ nehme, dann tue ich dies nicht zuletzt in liebevoller Erinnerung an meine Freundin Annemarie Monteil. Für sie, die bereits achtzig war, als ich sie durch Fritz Haller, den visionären Architekten und einstigen Professor von OUBEY in der Arbeit fürs MINDKISS Projekt nach OUBEYs Tod kennenlernte, war Pfingsten ihr liebstes Fest.

Sie war eine kluge, reflektierte und scharf analysierende Frau, bis ins hohe Alter aktiv, respektiert und anerkannt als „Grand Dame der Kunstkritik“ in der Schweiz. Das Glück ließ aus unserer allerersten Begegnung im Jahr 2005 eine Freundschaft wachsen, die bis zu ihrem Tod vor eineinhalb Jahren nicht nur anhielt, sondern sich durch gegenseitige Besuche, stundenlange intensive Gespräche und einen persönlichen Briefwechsel wie es ihn heutzutage wohl nicht mehr allzu oft gibt, von Jahr zu Jahr immer mehr zu einer geistigen und seelischen Verbundenheit entwickelte.

Die Geschichte vom stürmisch aufbrausenden Himmel, der den Geist in Feuerzungen herabregnen lässt und die Schar der anwesenden Apostel erfüllt, hatte es ihr angetan. Ein interessantes Beispiel frühzeitlichen Storytellings, das seine Wirkung damals nicht verfehlte. Denn in diesem Geist wurde dereinst die Kirche begründet, heißt es. Doch es wird selbst mehr als zweitausend Jahre später wohl immer noch eine Weile dauern, bis sie von diesem Geist wirklich durchdrungen sein wird. Dank eines zunehmenden kritisch-aufklärerischen Geistes ist sie immerhin auf einem guten Weg.

Ein klarer Geist wäre angesichts der absonderlichsten Verschwörungsfantasien, die in diesen Tagen aus der Innenwelt ungeklärter Geister ausbrechen und um sich greifen heute mehr als wünschenswert. Und ein bisschen mehr Philosophie im Alltagsdenken würde sicher auch nicht schaden.

Die Wissenschaft reklamiert für sich den „klaren Geist“ als forschende, analysierende und beweisführende Disziplin menschlichen Denkens und dies zurecht. Da sie in immer neue, bislang unbekannten Welten vordringt, die sie zu verstehen und erklären sucht, kann sie trotz klarem Geist niemals frei von Fehlern sein. Manche wissenschaftliche Erkenntnisse, die jahrzehntelang als unangreifbar richtig galten, wurden durch neuere Erkenntnisse zumindest fragwürdig, wenn nicht gar widerlegt. Zum klaren Geist einer jeden Wissenschaft gehört deshalb das Wissen um die eigenen Anfälligkeit für Irrtümer und falsche Rückschlüsse.

Anders ist es mit der Kunst. Sie kann weder richtig noch falsch sein, wenn sie denn wirklich freie Kunst ist und nicht irgendeinem Interesse dient – sei es politisch-ideologischer oder monetärer Art. Damit sie entstehen kann, braucht es einen freien und klaren Geist. „In meiner Kunst habe ich stets versucht, eine klare Umgebung für den Geist zu schaffen“ sagte Henri Matisse, der seinen eigenen Geist immer und immer wieder anregte, indem er die Welt so weit bereiste wie wohl nur wenige Künstler seiner Zeit es taten und dabei nie satt wurde, ihre Vielfalt zu entdecken. Dabei war er als Maler immer auch auf der Suche nach dem Licht. Licht und Geist.

Doch es muss nicht die Reise eines Künstlers um die Welt sein. Jeder Mensch, der seinen Geist lebendig und offen hält für Neues, Anderes und Überraschendes, unternimmt immer wieder gedankliche Reisen ins eigene Innerste wie auch in die Möglichkeiten einer besseren Zukunft. Dieser Geist bedarf nicht des Siegels der Heiligkeit, um die Menschheit voranbringen zu können.

Dass sich ausgerechnet am heutigen Pfingstsonntag, nach fünf Tagen und Nächten des Protests in vielen nordamerikanischen Städten ein neuer Geist offenbart, zeigt das Beispiel des Sheriffs von Flint in Minnesota, Chris Swanson. Er machte das unmöglich scheinende möglich, als er die protestierenden Demonstranten, die nach dem Tod des Afro-Amerikaners George Floyd durch brutale Polizeigewalt in Minneapolis Respekt, Gerechtigkeit und das Ende der Rassenjustiz in den USA forderten, fragte was er ihrer Meinung nach tun soll. Ihre Antwort: „Geh´mit uns“. Das tat er und forderte zugleich die anwesenden Polizisten auf, es ihm gleich zu tun. Und sie taten es. So einfach kann es sein, wenn der Geist klar und das Herz offen ist. Möge dieser klare Geist ansteckend sein, von Dauer und nachhaltiger Wirkung.

 

Leben heißt sterben lernen, sagte vor mehr als zweitausend Jahren der römische Philosoph Seneca. Besser kann man den Zusammenhang dieser Gegensätze von existenzieller Bedeutung wohl kaum zum Ausdruck bringen. Doch während wir vom Leben nicht genug bekommen können, wollten wir von Tod und Sterben in den modernen Gesellschaften im Verlaufe der letzten siebzig Jahre immer weniger wissen. Der Tod wurde vielerorts ausgeklammert aus dem Alltagsleben und damit auch aus dem Alltagsbewusstsein. In den Wohlstandgesellschaften erhöhte sich die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich und bewegt sich mittlerweile bei einem Alter um die 80 Jahre. Seit kurzem ist von einer Forschung die Rede, die den Alterungsprozess sogar rückgängig machen und Menschen um zehn bis zwanzig Jahre verjüngen kann. Alle wollen möglichst lange leben, aber keiner will alt werden. Der Traum von ewiger Jugend wird zwar immer ein Traum bleiben. Doch das Hinauszögern des Alterns wurde zu einem realistischen Lebensziel. Das alles mag auch mit der Liebe zum Leben zu tun haben. Doch was ist das für eine Lebensliebe, die das grundlegende Prinzip der Vergänglichkeit allen Seins auf dieser Welt für alle Wesen anerkennt außer für sich selbst. Die verdrängt, dass das Leben endlich ist und der Tod zum Leben gehört wie die Geburt.

Was bedeutet es wirklich, das Leben zu lieben? Diese Frage stellte sich mir im Laufe meines Lebens immer wieder, und besonders intensiv immer dann, wenn ein Mensch, den ich sehr liebte, gestorben war und damit sein an den Körper gebundenes Leben hinter sich gelassen hatte. Die Erkenntnis der ultimativen Irreversibilität, dass man sein Leben nur dieses eine einzige Mal leben kann und dass ein vergangener Tag nicht wiederholt werden kann, kam mir bereits in jungen Jahren aufgrund der frühen Erfahrungen mit dem Tod in meiner nächsten Nähe. Seither trage ich diese Erkenntnis in mir und ich muss sagen, dass sie mich nicht belastet – ganz im Gegenteil. Das Wissen um die Begrenztheit meiner Zeit bei gleichzeitiger Ungewissheit über den Zeitpunkt meines Endes hat meine Wertschätzung gegenüber dem was ist und gegenüber dem Leben selbst immer weiter wachsen lassen. Statt mich zu ärgern, dass ich älter werde – ein Unsinn, der viele Menschen ab einem bestimmten Alter an ihren Geburtstagen erfasst – bin ich froh und dankbar dafür, dass ich das Licht dieser Welt überhaupt je erblickte und dass ich immer noch lebe. Vielleicht liegt der Sinn des Lebens einfach nur darin zu leben, ein gutes und erfülltes Leben zu führen und jeden neuen Tag zu lieben, weil er genau das möglich macht.

„Jeder Tag zählt“ – so lautet der Toast von Jack Dawson, einem mittellosen jungen Künstler, der beim Glücksspiel im Hafen von Liverpool ein Ticket für die Jungfernfahrt der Titanic nach New York gewann, als er ausnahmsweise am Tisch der feinen Gesellschaft auf dem Oberdeck des Luxusdampfers Platz nehmen darf. In der Nacht zuvor hatte er der jungen Rose, Tochter aus gutem Hause, das Leben gerettet und seither innerhalb kürzester Zeit ihre Liebe zum Leben entfacht, indem er sie aus dem zwar goldenen, aber dafür umso engeren Käfig des Luxuslebens befreit. Nur eine erfundene Geschichte aus dem Drehbuch eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Dass sie Menschen auf der ganzen Welt erreicht, berührt und fasziniert hat, mag auch an der Regie, der Musik und nicht zuletzt an den Darstellern gelegen haben. Doch in seinem innersten Kern feiert diese Geschichte das wahre Leben. Deshalb kann es gar nicht anders sein als dass der Tod in dieser Geschichte von Beginn an gegenwärtig ist und eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die Liebe.

Rund dreihundert Jahre zuvor wurde das bis heute allseits bekannte „Carpe Diem“ auf seine Art zu einem ähnlichen Ausdruck des Wissens, dass nichts sicher ist und dass jedes Leben morgen zu Ende sein kann. Dieses „Carpe Diem“ hat nichts mit Hedonismus oder Dolce Vita zu tun. Es feiert das Leben ebenso wie die Erkenntnis seiner schnellen Vergänglichkeit. Eine Haltung, die aufkam in den finsteren Zeiten des 30jährigen Krieges, der die Menschen in Mitteleuropa landauf landab terrorisierte, traumatisierte und weite Landstriche aus religiös verbrämter Macht-, Geld- und Landgier in Schutt und Asche legte. Die politische Geschichtsschreibung fokussierte sich jahrhundertelang auf die auslösenden politischen Ereignisse, die Intrigen und Schlachten, die großen Namen. Die Verwüstung, die dieses Morden und Plündern im Namen der Religion in den Gemütern und Seelen der Menschen anrichtete, rückte erst viel später ins Blickfeld des Interesses. Und damit auch die Thematik des Lebens und Sterbens in seiner menschlichen, sozialen und kulturellen Dimension. Wer denkt heute noch an diese Zeit? OUBEY tat es. Intensiv und über viele Wochen hinweg beschäftigte ihn einst dieser Krieg und die Gespräche, die wir dazu miteinander führten sind in mir noch sehr präsent. „Carpe Diem“ zeigt wertschätzende Demut gegenüber jedem einzelnen Tag, den man lebt.

Das 20. Jahrhundert übertraf mit seinen zwei kurz aufeinander folgenden, erstmals industriell geführten Weltkriegen, dem staatlich legitimierten Terror des Faschismus und dem historischen Alptraum des Holocaust die schlimmsten Zeiten vorhergegangener Geschichte auf bis dahin nicht gekannte Weise. Angst und Schrecken unter den Menschen herrschten diesmal nicht unter dem Deckmantel des Religionskampfes, sondern mit lauter Ansage unter dem Vorzeichen wildgewordener Ideologien von Herrenmenschentum, Nationalismus und Kolonialismus. Diese beiden Weltkriege kosteten innerhalb von 30 Jahren mehr als 80 Millionen Menschen das Leben – eine unvorstellbare, furchterregende Zahl. Bis heute habe ich den Gang durch die Lagerhallen von Buchenwald ebenso wenig vergessen wie den durch die Katakomben der Gedenkstätte im französischen Fort Duaumont, die an die tausenden von Toten der sinnlosesten Schlacht aller Zeiten im Stellungskrieg von Verdun erinnert und wo sich die Gebeine gefallener Soldaten in schier endlosen Reihen neben- und übereinander stapeln.

Das alles ist unterschiedlich lange her. Je länger es her ist, desto mehr geriet es im Bewusstsein Europas in die schwer erreichbaren Tiefen des kollektiven Vergessens hinein. Doch im Unbewussten wirkt das Trauma noch immer nach, über viele Generationen hinweg. Nur wenige Menschen mit einer besonderen Empfindsamkeit für die Verbundenheit von allem mit allem spüren die Traumata längst vergangener Zeiten auch heute. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass unsere Kultur zwar das Leben feiert, den Tod jedoch seit Jahrzehnten aus dem Leben entfernt hat.

Vielleicht auch, weil wir nun seit mehr als siebzig Jahren in Europa und der westlichen Welt friedlich miteinander leben. Keiner Generation zuvor war in Europa eine derart lange Lebenszeit ohne Kriegserfahrung in Frieden und Freiheit vergönnt wie denen, die nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren wurden. Auch wenn wir bis heute immer noch nicht zu einer echten Gemeinschaft zusammengewachsen sind, haben wir doch in wenigen Jahrzehnten jahrhundertelang währende Erzfeindschaften überwunden und das ist, bei allen Vorbehalten, die manche Nachbarn anderen Nachbarn gegenüber immer noch haben mögen, ein großer Fortschritt. Prozesse von derart historischer Dimension brauchen ihre Zeit. Vor allem aber brauchen sie den starken guten Willen, der einerseits getragen wird von der Liebe zum Leben und zur konstruktiven, friedlichen Zusammenarbeit, die stärker ist als die Bereitschaft, für nationalistische Interessen in den Tod zu ziehen. Andererseits von dem Wissen, wie sehr wir aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind bis in kleinste Fragen unseres alltäglichen Lebens hinein.

Das wurde in den letzten zwei Monaten durch die Pandemie, die ein Virus namens COVID 19 ausgelöst hat, so deutlich wie nie zuvor. Sie legt die Stärken und Schwächen unserer Gesellschaften und unseres weltweiten Miteinanders wie im Blick durch ein Brennglas offen. Und nicht zuletzt hat sie den Tod und das Sterben aus der Tabuzone in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Damit verbunden der Schrecken angesichts von Kühlfahrzeugen vor Krankenhäusern in New York, in denen die Särge mit den Toten zwischengelagert werden, weil die Leichenhäuser überfüllt sind, oder Kolonnen nächtlicher LKW-Transporte, die die Särge aus dem norditalienischen Bergamo in Städte des Umlands bringen, weil es auf den Friedhöfen in Bergamo keinen Platz mehr gibt. Auf das Grauen folgt nun ein Diskurs, ein Gespräch über Themen, über die so und so öffentlich noch nie gesprochen wurde und das zumeist auch mit dem Respekt und der Pietät, die diesem Thema gebührt. Der Tod kommt uns Menschen in diesen Zeiten so nah wie lange nicht und das auf der ganzen Welt, gleichzeitig. Damit kommt uns, ganz im Sinne Senecas, zugleich auch das Leben so nah wie lange nicht, indem wir seine eigentliche Bedeutung klarer erkennen und ernsthaft die Frage stellen, wie wir eigentlich leben wollen. Was zu der Frage führt, ob wir „nach Corona“ wieder genauso leben wollen wie wir vorher gelebt haben. Auch hier wirkt das Brennglas und die Prioritäten, die den Kurs bestimmen, werden hinterfragt. Mit welchem Ergebnis, wird sich zeigen.

Da hoffe ich sehr auf die Jugend und ihre Liebe zur Zukunft. In den für Italien dunkelsten und schwersten Tagen der Pandemie fand ich ein Video auf YouTube, das die zwölfjährigen Zwillinge Mirko und Valerio aus Agrigento in Sizilien während ihrer Quarantäne im März online stellten. Sie spielen auf ihren Geigen geradezu meisterlich den Song „Viva La Vida“ von Coldplay https://www.youtube.com/watch?v=duX6vQvI9KU und sie versprühen dabei diese furchtlose Begeisterung der Jugend und eine unbändige Freude am Leben wie man sie schöner nicht zum Ausdruck bringen kann.

PS: In diesen Tagen erschien eine von Reinhard Kaiser aus der Sprache des 17. Jahrhunderts ins heutige Deutsch übersetzte Version des „Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der im originalen Barockdeutsch bisher nur schwer zu lesen war. Der Roman erzählt auf eindrucksvolle und zugleich unterhaltsame  Weise von den Wechselwelten in der Zeit des 30jährigen Krieges aus der Perspektive eines Zeitgenossen und ist unbedingt lesenswert.

 

So ähnlich wie einem Autofahrer im dichten Nebelfeld geht es jedem von uns und genauso allen Entscheidungsträgern, die große Verantwortung in diesen Zeiten der Corona Pandemie tragen.

 

Fahren auf Sicht

Natürlich hat dieser Vergleich, wie viele Vergleiche seine Schwäche darin, dass er nicht exakt die Details einer Situation trifft. Doch wenn er es wenigstens schafft, den Kern einer Situation zu treffen, hat er seinen Sinn, denn er kann genau deshalb dazu beitragen, diese Situation besser zu verstehen.

Fahren auf Sicht ist eine Fähigkeit, die lange nicht mehr gefragt war in den Ländern der industrialisierten Welt, in denen Geschäfts- und Gewinnplanung, manchmal wider besseres Wissen, dafür im Glauben an den Plan von unbegrenztem Wachstum, in den höheren Rang der Zukunftsbeherrschung erhoben wurde. So ist diese Fähigkeit, zunächst belächelt, vielerorts verloren gegangen. Gleichzeitig hat die Orientierung an den Quartalsergebnissen eines Unternehmens im Interesse des Shareholder Value eine andere Art von kurzer Sicht auf die Dinge über Jahrzehnte hinweg gefördert, ja geradezu gefordert. An dem damit verbundenen Kompetenzverlust waren nicht nur Aktionäre und Aufsichtsräte, sondern auch sehr teuer bezahlte Berater profitabel beteiligt.

 

Ausdauer ist gefragt

Und so wird auch jetzt bereits nach wenigen Wochen allererster Erfahrung und Kenntniserwerb zur Wirkungsweise dieses neuartigen Virus, das vor allem deshalb so gefährlich ist, weil es dagegen bisher weder ein Medikament noch einen Impfstoff gibt, der Ruf nach einer schnellen Rückkehr zur „Normalität“ immer lauter. „Das ist doch richtig“ denken Sie vielleicht. Nun ja, ob es richtig ist, wird sich zeigen. Verständlich ist es auf jeden Fall. Aber gerade weil es so verständlich ist, gehört viel Mut und Weitsicht dazu, aus einer führenden Entscheidungsposition heraus diesem Bedürfnis nicht mal eben so nachzugeben. Sondern sich stattdessen die Zeit zu nehmen und sie den Menschen im Land auch abzuverlangen, um zum frühestmöglichen Zeitpunkt die nächste richtige Entscheidung treffen zu können – die sich selbst dann im Nachhinein als falsch herausstellen kann. Hier und heute geht es um Resilienz, um Vernunft, um Lernfähigkeit und um Ausdauer.

 

Gleichung mit vielen Unbekannten

Wir erleben kollektiv wie schwierig das Handeln und Entscheiden in Unsicherheit ist. Und wir erleben im internationalen Vergleich, wie unterschiedlich die politischen Entscheidungsträger handeln, aber auch die Bürger agieren und reagieren. Wir befinden uns mit dieser Corona Pandemie in einem bisher nicht gekannten Erlebnis von Komplexität. Es ist eine Gleichung mit lauter Unbekannten, ein Puzzle ohne Vorlage. Hunderte von Puzzleteilen, aber keiner kennt das Bild. Und doch muss vernünftig gehandelt werden bevor diese Teile zu einem Bild geworden sind – jedenfalls solange bis es ein Medikament bzw. einen Impfstoff gibt.

Es geht um das Zusammenwirken von medizinischen bzw. gesundheitlichen Aspekten mit Aspekten der Betriebs- und Volkswirtschaft, der individuellen und familiären seelischen Bewältigung, der Sozialpsychologie und das Ganze nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer und letztlich globaler Ebene.

 

Die Faktenfrage

Wir haben uns daran gewöhnt, Entscheidungen und Prognosen aufgrund möglichst genauer Kenntnis der Sachlage und präziser Datenkenntnis zu treffen. Über nahezu alles kann man sich aufgrund von Zahlen, Daten und Fakten eine Meinung bilden, auf er dann eine Entscheidung basiert. Das gilt auf der persönlichen Ebene für den Kauf von Autos, elektronischen Geräten und Matratzen genauso wie es auf der politischen Ebene für Entscheidungen in der Lokal-, Landes- und Bundespolitik gilt. Wir haben gelernt zu planen und fühlen uns sicher, wenn wir einen Plan in der Tasche haben – wohl wissend, dass die Realität manchmal dazwischen kommt und der Plan geändert werden muss. Das alles kennen wir und mit den „Restunsicherheiten“ können wir auch umgehen. Und nun lernen wir, dass wir entscheiden müssen, ohne alle Fakten und Daten zu kennen. Wir müssen uns aus dem einen Reim machen was wir wissen, was uns plausibel erscheint und uns dementsprechend verhalten.

 

Ein falscher Reim

Manche machen sich allerdings einen falschen Reim auf das, was sich in den letzten Wochen in Deutschland getan hat. Die frühe restriktive Umgang mit der Pandemie durch Lock Down und Kontaktsperre hat glücklicherweise zu einem vergleichsweise milden Verlauf geführt. Kein Gesundheitssystem am Rande des Kollaps, keine rasant steigenden Zahlen von Infizierten und Toten. Dieser milde Verlauf ist den getroffenen Maßnahmen zu verdanken. Dennoch verführt er erstaunlich viele zu der Schlussfolgerung, das Ganze sei ja gar nicht so schlimm und werde nur aufgebauscht. Das ist so als sei man aus einem abstürzenden Flugzeug gesprungen und konnte gerade noch rechtzeitig den Fallschirm aktivieren. Doch weil uns das sichere Herabschweben zu langsam geht, wollen wir nun die Seile durchschneiden, die uns tragen.

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus nach Spanien, Frankreich, Italien und nicht zuletzt in die USA wäre da hilfreich. Was dort geschieht ist Teil der globalen Faktenlage und zeigt, was auch hierzulande sein könnte, hätten wir nicht so frühzeitig so klug entschieden.

Wenn ich sehe wie unter dem Banner der Freiheit in nordamerikanischen Bundesstaaten Krankenschwestern beschimpft und bedroht werden, wenn sie sich den wild hupenden, die Nationalflagge schwenkenden Autokorsos warnend entgegenstellen, die für ihr freies Recht auf den Tod demonstrieren, dann möchte ich den Glauben an das verlieren, was man gesunden Menschenverstand nennt.

 

Es geht um Selbstbeherrschung

In den letzten Jahren wurde viel geschrieben und geredet über Komplexitätsmanagement, über Konzepte fürs Handeln und Entscheiden in Unsicherheit. Nun geht es darum, genau das auch in der Praxis zu tun: Es geht darum, klug zu agieren und den dritten Schritt nicht vor dem ersten zu tun. Das hat mit Intelligenz, aber auch mit der Fähigkeit zur Selbstbeherrschung zu tun. Wenn wir die Situation beherrschen wollen, müssen wir zu allererst uns selbst beherrschen.

Das ist nicht nur eine große Herausforderung, sondern auch eine große Lern- und Entwicklungschance. Und das nicht nur in Sachen Solidarität und Hilfsbereitschaft – in der unmittelbaren Nachbarschaft ebenso wie in der europäischen Nachbarschaft und auch in der weltweiten Zusammenarbeit. Sondern auch im Hinblick auf die Herausforderungen, die auf uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch zukommen werden.

Wie gut und schnell wir lernen könnte zu einer Frage des Überlebens werden angesichts des komplexen Zusammenwirkens unterschiedlichster Faktoren, die das Klima auf diesem Planeten gleichzeitig in bedrohlicher Weise verändern. Für dieses Puzzle gibt es allerdings bereits eine Vorlage.

Doch erst als das verbesserte und verbilligte Modell des Amiga 500 im Jahr 1987 auf den deutschen Markt kam, konnte er sich diesen Wunsch erfüllen.

Der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt wurde dieser Amiga 500 allerdings bereits 1986 in der Alten Oper Frankfurt, vor großem und wichtigem Publikum, moderiert von Frank Elstner. Wer einen Eindruck vom Entwicklungsstand der damaligen Zeit gewinnen möchte, für den lohnt sich auf jeden Fall ein Blick in die Videoaufzeichnung von dieser Veranstaltung , die erst seit wenigen Jahren online steht. Dieses Video zeigt auf seine Weise, wie weit OUBEY damals seiner Zeit voraus war, denn was andere damals staunend bewunderten oder nur zum Spielen benutzten, machte er für sich zu einer neuen Möglichkeit des künstlerischen Arbeitens.

Natürlich verbrachte auch OUBEY mit großem Vergnügen viele Stunden spielend am Amiga. Doch vor allem die graphischen und sonstigen technischen Fähigkeiten erprobte er vom ersten Tag an exzessiv und nutzte sie für seine künstlerische Arbeit. Spielerisches Experimentieren nach Herzenslust – das war ganz in seinem Sinn! Innerhalb eines Jahres entstanden 1987/88 so die ersten frühen Bilder der OUBEY COMPUTER ART (OCA) – Serie, die „Earlybirds“. Eine Auswahl von fünfzehn Bildern aus dieser Serie steht aus Anlass des 10thAnniversary des MINDKISS Projekts seit heute erstmals online.

Was die künstlerische Nutzung des Amiga 500 betrifft, war OUBEY ein echter Pionier. Zunächst war der Bildschirm wie ein Blatt Papier oder eine Leinwand und die Maus wie ein Stift oder Pinsel. Dank seines technischen Know Hows und seines Improvisationstalents baute er sich dann jedoch nach und nach um den Amiga herum sein eigenes künstlerisches high-tech Studio. So gelang es ihm, ab 1989 den Computer zunehmend als Membran zu nutzen, durch die hindurch er verschiedenste Stoffe, Materialien, Farben und Strukturen zu einzigartigen Bildern verschmelzen konnte. Diese Bilder nannte er PhotonPaintings. Mit ihnen bestritt er im Jahr 1992 unter dem Namen Wendelin Koehler seine erste und einzige, sehr erfolgreiche Ausstellung.

In seiner Arbeit mit dem Amiga ging es OUBEY nie darum, sich von den technischen Möglichkeiten beherrschen zu lassen, sondern darum, sie „zu nutzen wie einen Bleistift“, wie er in einem Gespräch 1992 selbst sagte. Sein komplettes Statement finden Sie hier.

1993 war das Thema für ihn ausgereizt, zumal die Materialisierung der virtuellen Bilder an ihre Grenzen stieß. Laserprojektion oder hochwertiger Ausdruck auf riesigen Plottern wäre noch interessant gewesen, war aber nicht finanzierbar.

Zu den größten technischen Herausforderungen in der Anfangszeit des MINDKISS Projekts gehörte es, hunderte von Floppy Discs zu öffnen, die dort gespeicherten Amiga- Bilder auf den PC zu übertragen und sie somit sichtbar und archivierbar zu machen. Als es nach vielen Wochen tatsächlich gelang, die gespeicherten Bilder zu sehen, war das ein Moment besonderer Freude. Nicht nur deshalb, weil sich damit ein weiterer Teil des verborgen gebliebenen Schatzes, den OUBEY hinterlassen hat, offenbarte. Sondern auch weil es damit möglich wurde, zum Launch des MINDKISS Projekts im Jahr 2010 eine Auswahl von PhotonPaintings sowohl im Internet als auch in einem der fünf Bände des preisgekrönten MINDKISS Buchs erstmals öffentlich zu präsentieren.

Im Jahr 2017 folgte, fünfundzwanzig Jahre nach OUBEYs erster und einziger Ausstellung, die Veröffentlichung weiterer Bilder: Zwanzig PhotonPaintings aus dem Katalog der MINDKISS Ausstellung von 1992 .

Nun kommen heute, an OUBEYs Geburtstag, fünfzehn weitere Bilder hinzu – seine allererste Arbeiten mit dem Amiga 500. Das passt perfekt zum Thema „OUBEYs Kunst im Digitalen Resonanzraum“, das im Zentrum des 10thAnniversary steht und das wir im Herbst dieses Jahres im ZKM feiern werden. Wir werden dann also nicht nur ausgewählte analoge Werke mit Hilfe neuester digitaler Möglichkeiten wie Virtual Reality und Künstliche Intelligenz präsentieren, sondern schlagen heute bereits auf digitalem Weg den Zeitbogen zurück zu den Anfängen von OUBEYs Computerkunst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

 

PS

Mehr als 1000 Werke des noch immer verborgenen Schatzes von OUBEYs Kunst freuen sich weiterhin geduldig darauf, im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte bei einer nächsten Gelegenheit den Raum der öffentlichen Resonanz zu betreten.

 

 

Bis vor kurzem konnten wir uns darauf verlassen, dass es nahezu immer einen wirksamen Gegenstoff gibt, der solche Viren unschädlich macht. Das ist im Fall des Corona Virus nun seit langer Zeit zum ersten Mal anders.

Eine Geschichte von Macht und Ohnmacht

Erst seit rund einhundertzwanzig Jahren hat die Medizin Jahr für Jahr an neuen Impfstoffen und Medikamenten gegen nahezu alle bekannten Viruserkrankungen gearbeitet und immer wieder neue und noch bessere Präparate entwickelt. So sind Krankheiten wie zum Beispiel die Tuberkulose, an der Anfang des 20. Jahrhunderts noch Abertausende allein in Deutschland gestorben sind, von der Bildfläche verschwunden.

In früheren Jahrhunderten rafften ansteckende Krankheiten innerhalb kürzester Zeit zigtausende von Menschenleben hinweg. Eine Seuche wie die Pest löschte in ihrer Hochzeit dereinst nahezu die Hälfte der Bevölkerung Europas aus. Eine Erfahrung kollektiver Ohnmacht, die jeden erfasste, gleich welchen Standes einer war.

An die Stelle medizinischer Hilfe, die es damals nicht gab, trat einerseits der Glaube, dass es sich bei derartigen Seuchen um eine Strafe Gottes handelt. Andererseits kam die Idee von einem Schuldigen auf dieser Erde auf, den es zu suchen und zu finden galt. Hier fand in dieser Zeit unter anderem auch die Dummheit des Antisemitismus neue Nahrung. Aus der Ohnmacht gegenüber der Seuche erwuchs das Machtbedürfnis gegenüber einem Feind – den vermeintlichen „Brunnenvergiftern“, die es anzuprangern und zu bestrafen galt.

Dass Albert Camus, einer der großen Philosophen und Schriftsteller der 40er bis 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, seinen Roman „Die Pest“ genau diesem Thema gewidmet hat, verweist auf die existenzielle und soziale Bedeutung jener Seuche, wenngleich er vor dem Hintergrund des gerade beendeten Zweiten Weltkriegs und der im ideologisch begründeten Fanatismus begangenen Verbrechen des Faschismus hier im übertragenen Sinn auch das Thema der geistigen und moralischen Infizierung einer Gesellschaft trifft.

Eine neue Herausforderung

Schuldzuweisungen dieser Art kennen wir heute bisher jedenfalls glücklicherweise nicht, wenngleich es kürzlich den seltsam irrationalen Versuch eines Präsidenten gab, gleich ganz Europa – mit Ausnahme Großbritanniens und Irlands – dafür verantwortlich machen zu wollen, dass das Corona Virus ins eigene Land eingereist ist. Dieser Versuch ist an seiner erkennbaren Irrationalität gescheitert.

Rational erkennbar ist, dass uns derzeit nun ein Virus herausfordert, das sich anders verhält als alle Viren, die wir zuletzt kannten, indem es sich unerkannt verbreitet, d.h. es sucht Körper auf, die dann keine Krankheitssymptome zeigen, obwohl sie infiziert sind. Die aber wohl dazu in der Lage sind, andere zu infizieren, deren Immunsystem nicht stark genug ist, um zu widerstehen. Ein Mensch ohne Symptome kann also infiziert sein und einen anderen anstecken. Wenn dessen Immunsystem nicht stark genug ist, erkrankt dieser Mensch, schlimmstenfalls mit tödlicher Folge. Genau diese zunächst harmlos scheindende Einnistung und die daraus resultierende Verbreitung macht dieses Virus so gefährlich, möglichst viele so lange wie möglich im Gefühl der eigenen Sicherheit wiegend.

Möglicher Schwachpunkt: Die Dummheit der Vielen

Bislang gibt es weder ein Medikament noch einen Impfstoff gegen dieses Virus. 35 Labore forschen derzeit mit Hochdruck weltweit daran, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Bis der einsatzbar ist, werden zumindest noch einige Monate vergehen. Insofern können wir von Glück reden, dass dieser Virus nicht jeden erkranken oder gar sterben lässt, den er befällt.

Es ist, wenngleich es mächtig in unser Leben eingreift und uns extrem herausfordert, ein eher freundliches Virus. Ein Virus, das nicht gleich jeden umbringt, den es befällt. Eines, das uns eine Chance lässt. Ein Virus, das uns nicht per se aufgrund seiner Wirkungsweise in Panik versetzt. In Panik versetzen können wir uns nur selbst, indem wir sein gefährliches Potenzial ignorieren und uns so verhalten als gäbe es diese Bedrohung gar nicht.

Wenn ich sehe, dass letzten Sonntag entgegen allen Empfehlungen die Menschen immer noch dicht an dicht in den Eiscafés und Restaurants gesessen oder vor zehn Tagen noch im Skiurlaub in Ischgl fröhliche Parties gefeiert haben, obwohl damals längst bekannt war, dass der Ort ein Infektionsherd der Sonderklasse ist – dann zweifle ich am Verstand und der Vernunft der Vielen.

Es wurde so viel von der „Schwarmintelligenz“ der Vielen gesprochen und geschrieben in den letzten Jahren. Hier kann sie sich nun mal wirklich beweisen. Wir können diesem Virus etwas entgegensetzen. Aber wir müssen es wollen. Wir müssen alle anderen, verständlichen und berechtigten Interessen diesem Interesse unterordnen. Es hilft uns kein Medikament. Uns hilft nur unser eigenes intelligentes Verhalten.

Kollektive Disziplin im Zeitalter des Individualismus

Dieser exponentiell wachsende, um sich greifende Prozess der Ansteckung kann nur durch kollektive Disziplin gebremst werden. In einer Gesellschaft der Individualisten, die gewohnt sind in Freiheit zu leben und dass alles was auch immer sie brauchen oder sich wünschen grundsätzlich verfügbar ist, bedeutet dies nicht nur gravierende Einschränkungen im Alltagsleben wie es sie seit Ende des 2. Weltkriegs in Deutschland und nirgendwo in Europa gegeben hat. Es bedeutet ein radikales Umdenken. Und das quasi von einem Tag auf den anderen aus heiterem Himmel.

Denn dieses bösartige mikroskopisch kleine Teil wirft uns auf Fragen zurück, die viele von uns sich vielleicht lange nicht mehr und manche vielleicht noch nie gestellt haben. Das sind nicht nur so tiefgehend existenzielle Fragen wie die: „Was ist wirklich wichtig in meinem Leben?“. Es sind auch ganz praktische Fragen wie z.B.: „Wie strukturiere ich meinen Alltag, wenn mir von außen keine Struktur vorgegeben ist?“, „Was brauche ich wirklich und worauf kann ich verzichten?“, „Halte ich es aus, zwei Wochen allein zu sein?“, „Kann und will ich Rücksicht auf andere nehmen?“, „Vertraue ich darauf, dass andere mir helfen, wenn ich sie brauche?“ Und nicht zuletzt „Wie beschäftige ich mich mit meinen Kindern über Tage oder gar Wochen hinweg sinnvoll?“.

Auf einmal sind wir gezwungen und haben auch die Zeit, uns diesen Fragen zu stellen. Das ist, aus meiner Sicht, ein Aspekt des Guten und der Chance in dieser Krise.

In der Krise zeigt sich der Charakter

Herausgefordert sind in Zeiten wie diesen deshalb nicht nur Medizin, Politik und Verwaltung, sondern auch Vernunft gepaart mit Herz, und das von einem jeden von uns. Panik ist kontraproduktiv. Wir brauchen Vorsicht für uns selbst, aber auch Umsicht und Rücksicht für einander im Alltag. Jeden Tag. „In der Krise beweist sich der Charakter“ sagte der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal und er wusste wovon er sprach.
Wer glaubt, auf dem Vulkan tanzen zu müssen, in dieser Zeit nicht aufs Händeschütteln und Umarmen verzichtet oder in der Schlange nicht den Mindestabstand einhält, sondern drängelt; wer so tut, als sei er oder sie nicht betroffen oder gefährdet, zugleich aber die Regale leer kauft, der verkennt die Situation und hat nichts verstanden.

Respekt vor den Helden der Krise

Vor allem aber trägt er indirekt dazu bei, dass die Menschen, die in unseren Krankenhäusern tätig sind, in ein paar Tagen oder Wochen, wenn die Zahl der Schwererkrankten drastisch ansteigt, an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit kommen werden. Und dann möglicherweise Entscheidungen treffen müssen, die kein Mensch in seinem Leben jemals treffen müssen sollte – wer Freunde oder Verwandte in Italien hat, weiß, wovon ich hier spreche. Sie sind die Helden dieser Krise und verdienen schon längst, aber heute mehr denn je, unseren größten Respekt. Und in Zukunft dann hoffentlich auch im wahrsten Sinne des Wortes die Wertschätzung ihres Tuns, die ihnen zusteht. Eine Corona-infizierte Frau, die sich zur Behandlung im Krankenhaus befindet, schrieb vor ein paar Tagen auf Twitter, dass sie allen ihren Pflegerinnen und Pflegern die Füße küssen wird, wenn sie hier gesund wieder rauskommt.

 

Die Chance: Eine Korrektur der Wertmaßstäbe 

Ich kann mich nicht erinnern, dass von „systemkritischen Berufen“ je so oft die Rede war wie in diesen Tagen. Das deutet auf eine Erkenntnis hin, die nach einer Veränderung der bisherigen Wertmaßstäbe ruft. Gemeint sind hier zumeist Berufe, in denen viel und hart gearbeitet und oft wenig verdient wird. In denen Menschen Tag für Tag, auch jetzt, dazu beitragen, dass unsere Grundversorgung funktioniert, dass unsere Kinder und unsere Alten gut betreut werden, dass jeder Kranke die Zuwendung erfährt, die er braucht – medizinisch wie auch menschlich. Sie tun leise und zuverlässig eine Arbeit, ohne die eine Gesellschaft nicht bestehen kann – in normalen Zeiten nicht und in Zeiten wie diesen schon gar nicht.

Darin sehe ich das Potenzial einer Chance, aus dieser Krise als Gesellschaft klüger herauszukommen als wir in sie hineingegangen sind. Gewohnte Denk- und Verhaltensketten werden in diesen Tagen reflektiert und durch die drastischen Beschränkungen im Alltagsleben sogar durchbrochen. Dass es drastischer Maßnahmen bedarf, mag man bedauerlich finden, ist in einer derartigen Ausnahmesituation aber schlichtweg notwendig, denn den autoritären Charakter, der nur auf die Androhung von Strafen reagiert, gibt es ja auch in moderner Version. Dieses winzig kleine Virus fordert uns also nicht nur medizinisch heraus, sondern auch im Hinblick auf das Miteinander in unserer Gesellschaft. Insofern geht es bei der Chance auch um Selbsterkenntnis.

Am Ende dieser Zeit, wie lange sie auch immer dauert, wird vieles anders sein als jetzt und manches hoffentlich besser.

 

Damals stellte sich mir diese Frage zum ersten Mal. Nachdem sie mich nun eine ganze Weile beschäftigt hat, möchte ich sagen: ja, das geht – vorausgesetzt man löst sich ein wenig von der vertrauten Bedeutung dessen, was wir als Erinnern und Sehen bezeichnen.

Wenn wir von Erinnerung sprechen, dann meinen wir zu allermeist, dass in der Vergangenheit Erlebtes in unserem Gedächtnis hochgespült und manchmal sogar so lebendig wird, als wäre es gerade in diesem Moment des Erinnerns geschehen. Beim Erinnern kommen sich Vergangenheit und Gegenwart so nah als würden sie sich umarmen oder miteinander tanzen. Doch niemals wird unsere Erinnerung identisch mit dem, was einst wirklich geschah und auch nicht mit dem, was durch die Erinnerung nun in unsere Gegenwart zurückkehrt.

Mit der Fotografie ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Dimension des Erinnerns möglich geworden. Ein Moment wird unveränderbar festgehalten. Frei und unabhängig von den Wirkungsmechanismen unseres Gedächtnisses. Unsere Erinnerung an diesen Moment verändert sich im Laufe unseres Lebens. Das Foto bleibt immer dasselbe. Heute kann man permanent und ohne Mühe alles fotografisch oder sogar filmisch festhalten, was einem über den Weg läuft. Eine Art externes Gedächtnis ist entstanden. Beim Betrachten alter Fotografien werden oft Erinnerungen wach, die vergessen zu sein schienen und die ihrerseits ganze Ketten weiterer Erinnerungen auslösen.

Auch wenn wir uns manchmal vielleicht von ganzem Herzen wünschen, dass ein vergangener Moment wieder zur Gegenwart wird – es ist niemals dasselbe, woran wir uns erinnern. Wir befinden uns in einem permanenten Werden, nichts bleibt so wie es war. Das gilt für die äußere Welt genauso wie für die innere. Alles beginnt jeden Moment aufs Neue. Alles kann sich von einem Moment auf den anderen vollkommen und radikal verändern. Und selbst wenn es ein ruhiger Fluss ist, in dem sich das Leben bewegt: Niemand steigt zweimal in denselben Fluss.

Es ist so etwas wie eine Metamorphose, die in unserem Gehirn stattfindet. Unser Gedächtnis ist ein lebendiges System, in dem sich Erinnerungen permanent neu miteinander wie auch mit den Erlebnissen der Gegenwart verknüpfen. Aus dem Vergangenen, das Jahre und Jahrzehnte hinweg wie ein Sediment erhalten geblieben ist, erwachsen – angereichert durch die seitherigen Erfahrungen und hinzugewonnenen Erkenntnisse – neue Strukturen. Es entsteht ein Gewebe, in dem sich die Schichten des Vergessenen mit dem Erlebnis des Erinnerns in einem Moment der Gegenwart verbinden. Eine Erinnerung ist niemals eine geistige Reproduktion des Erlebten, niemals die Wiederholung des Moments, an den sie erinnert.

Und damit nicht genug. Der Erinnerungsschatz unseres Gehirns geht ja weit über das, was wir tatsächlich erinnern können, hinaus. Er bleibt eine unbekannte, unbewusste Größe, die unsere Wahrnehmung, unser Fühlen, Denken und Handeln beeinflusst. Alles, was wir in unserem Leben je erlebt, gehört oder gesehen haben, ist in unserem Gedächtnis vorhanden – unabhängig davon, ob wir uns an daran erinnern können oder nicht.

Menschen, die in Hypnose versetzt wurden, erinnerten sich an Dinge, die sie einmal gehört oder gesehen haben, ohne dass ihnen dies bis dahin je bewusst gewesen wäre. Nach dem Aufwachen aus diesem Ausnahmezustand ihres Gehirns konnten sie sich daran ebenso wenig erinnern wie zuvor – obwohl sie diese Erinnerung(en) in der Hypnose gerade noch ganz konkret geäußert oder beschrieben haben. Alle Erinnerungen sind da, aber nur wenige sind in unserem Zugriff. Ausgelöst werden sie oft durch sinnliche Katalysatoren wie Gerüche, Düfte, Geräusche, Musik, und auch durch den Anblick von Landschaften oder Gebäuden.

Aber wie ist das mit dem Sehen? Von der Erinnerung an „nie zuvor Gesehenes“ sprach das Mädchen beim Betrachten des Bildes. Das Sehen beziehen wir zumeist auf Menschen, Gegenstände, Landschaften etc., die real existieren. „Ich glaube nur, was ich sehe“ heißt es oft. Doch mit dem Sehen verhält es sich nicht so eindeutig wie wir gerne glauben mögen.

Wenn zwei Menschen das selbe sehen, heißt es noch lange nicht, dass sie dasselbe sehen. Und wenn sie sich an das selbe Gesehene erinnern, können ihre Beschreibungen durchaus erheblich, manchmal sogar extrem voneinander abweichen, obwohl sich das selbe gemeinsam Gesehene real vor ihnen befunden hat. Und manche sehen etwas überhaupt nicht, was dem anderen sofort ins Auge springt. Was wir sehen oder nicht sehen, wird durch den Fokus unseres Interesses im Moment des Sehens bestimmt. Im Extremfall haben wir einen regelrechten „blinden Fleck“, indem wir dasselbe immer und immer wieder übersehen – aus welchen Gründen auch immer.

„Nie zuvor Gesehenes“ kann also identisch sein mit dem bislang nicht Erinnerbaren, das in den unbewussten Tiefen unseres Gedächtnisses versunken war und nun durch das bislang unbekannte Bild eines Künstlers erinnerbar wird. Es wird wiedererkannt und kommt damit zu Bewusstsein.

Gut möglich, dass OUBEYs Bilder nicht nur die Qualität eines sinnlichen Katalysators haben, der vergessene Erinnerungen beim Betrachter wachküsst. Vielleicht entsteht bei ihrer Betrachtung aus dem Unbewussten heraus auch ein übereinstimmendes Sehen? So etwas wie das Erinnern des kollektiven Unbewussten, über das C.G.Jung einst nachdachte und schrieb, und das der Komplexitätsforscher, Biologe und Arzt Prof. Stuart Kauffman in seiner Begegnung mit einem Bild von OUBEY einmal ins Spiel brachte. Kauffman sprach allerdings über ein ganz anderes Bild als das, auf das die junge Schülerin in Berlin so spontan reagierte. Und genau das lässt diese Vorstellung keineswegs so abwegig erscheinen wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Ein zweites Hinschauen ist es allemal wert.

Die Erwartungshaltung steigt, eine wachsende kollektive Ungeduld ist erkennbar. Klar, dass keiner gerne lange im Stau steht oder in der langen Schlange an der Kasse warten will. Doch Ungeduld hilft hier nicht weiter. Die Erfindung des „Queuing“ in den angelsächsischen Ländern hat dem Warten in der Schlange bereits vor langer Zeit den Zahn der Ungeduld gezogen.

Hierzulande geht mit der sich ausbreitenden Ungeduld auch eine zunehmende Unzufriedenheit einher, wenn Dinge mal etwas länger dauern und sich nicht schnell genug in die gewünschte Richtung entwickeln. Genau das ist aber bei Vielem, was man sich wünscht, aber nicht kaufen kann, der Fall. Beziehungen, Vertrauen, Kompetenzen brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Eine schwere Krankheit überwindet man nicht zuletzt durch Geduld, Ausdauer und Willensstärke.

Lebenskunst

Und doch wird Geduld heute oft als Schwäche verstanden. Sie wird gleichgesetzt mit Passivität, mangelndem Engagement oder manchmal sogar mit Faulheit. Dagegen ist wirkliche Geduld alles andere als das. Sie ist eine starke Kraft. Ausdruck des langfristigen Denkens und des Wissens, dass manches im Leben einfach seine Zeit braucht. Und wenn sie einhergeht mit der Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, in dem es darauf ankommt aktiv zu werden und eine Sache zum Erfolg zu bringen, dann ist das fast wie eine Kunst – Lebenskunst.

Tugend der Jugend

Ungeduld hat durchaus auch ihren Platz. Sie ist das Vorrecht der Jugend, heißt es. Da ist was dran. Und nun gibt es ja auch wieder eine Jugend, die ihrer Ungeduld beharrlich und kollektiv jeden Freitag Ausdruck verleiht. Auch wenn ich nicht alles, was sie sagen und fordern richtig finde, finde ich ihre Ungeduld berechtigt. Denn ohne den Elan der Jugend, die ihr Leben noch vor sich hat und nicht einfach akzeptieren will, dass alles so ist und bleibt wie es ist, kommt keine Gesellschaft voran. Diese Ungeduld der Jugend ist wie die Kraft des Frühlings, die den Winter überwindet.

In Prozessen denken

Ein Blick in die Natur macht es deutlich: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Ein Wein bekommt nicht von heute auf morgen die Reife, die er braucht, um ein wirklich guter Wein zu sein. Und ein neues Menschenleben braucht nun mal ungefähr neun Monate bis es soweit ist, das Licht dieser Welt zu erblicken. Die Natur ist keine Maschine, bei der man aufs Gaspedal drücken kann und schon geht alles schneller. Sie ist in Prozessen organisiert, die miteinander verknüpft sind. Diese Prozesse haben ihren Rhythmus und ihre Zeit. Wenn die Prozesse verstanden werden, kann man sie mit Geduld begleiten und unterstützen. Nun haben wir aber gelernt mehr in Ergebnissen zu denken als in Prozessen.

Die Geduld der Natur

Es mag seltsam klingen, doch in gewisser Weise hat die Natur in den letzten einhundertfünfzig Jahren viel Geduld mit uns Menschen bewiesen. Obwohl wir ja selbst Teil dieser Natur sind, haben wir durch unser Wohlstandsverhalten die natürlichen Kreisläufe gestört und ihre wertvollen, begrenzten Ressourcen angegriffen, teilweise sogar zerstört. Lange haben wir hieraus unbedacht unsere Vorteile gezogen und lange hat die Natur dieser Erde unser ignorantes Verhalten erduldet.

Nun ist das Ende dieser Geduld in Sicht. Die natürlichen Konsequenzen unseres Handelns holen uns ein. Wir stehen am Scheideweg. Manche wollen so weiter machen wie bisher. Das ist Ignoranz und keine Geduld. Andere betreiben Aktionismus: egal was, Hauptsache es geschieht etwas. Das ist Ungeduld hoch drei.

Kluges Handeln

Wir müssen intelligente Lösungskonzepte für die großen Probleme finden und dürfen hierbei natürlich keine Zeit verlieren. Dennoch braucht die Entwicklung solcher Konzepte ihre Zeit, sonst werden vermeintliche Lösungen leicht zum nächsten Problem. Denn die Situation, in der wir uns auf diesem Planeten befinden ist komplex und Aktionismus hat gegen die Komplexität eines Systems ganz sicher keine Chance.

Aktionismus macht in der öffentlichen Wahrnehmung zwar oft einen besseren Eindruck als vernünftiges Abwägen der besten Entscheidung. Er führt aber selten zu wirklich guten Ergebnissen, oft sogar zum Gegenteil. Die Tatsache, dass wir lange viel versäumt haben und in dem einen oder anderen Thema erst sehr spät mit der ernsthaften Arbeit begonnen haben, können wir nicht durch Aktivismus wettmachen, sondern nur durch wirklich kluges und umsichtiges, aber konsequentes Handeln. Das erfordert Klugheit, Entschlossenheit und Geduld. Wir müssen schnell und wirkungsvoll handeln, und das mit Vernunft und Geduld.

`Wie soll das gehen? Das ist doch ein Widerspruch´, werden Sie vielleicht denken. Ja, das sieht so aus. Doch nun geht es darum, genau diesen Widerspruch zu überwinden. Das ist ein Lernprozess von existenzieller Bedeutung. Und wie wir alle wissen, braucht auch das Lernen bzw. Umlernen seine Zeit.

 

Ungeduld ist kein Beschleunigungsfaktor

Was im Großen gilt, stimmt hier auch im Kleinen, d.h. in unserem Lebensalltag. Das ungeduldige Streben nach schnellen Ergebnissen führt noch lange nicht zu guten Ergebnissen. Zugegeben, manchmal ist es tatsächlich wichtig, schnell zu sein. Doch gerade die Ungeduld ist alles andere als ein Beschleunigungsfaktor. Ungeduld macht hektisch und nervös, aber nicht schnell.

Wieviel Missgeschicke und Fehlentscheidungen entstehen einfach nur deshalb, weil wir uns nicht die Zeit genommen haben, die es braucht, um in Ruhe zu einer durchdachten Entscheidung zu kommen, die auch die langfristigen Wirkungen als dieser Entscheidung berücksichtigt. Was wirklich wichtig ist im Leben, ist nicht auf der Kurzstrecke erreichbar. „Gut´ Ding will Weile haben“ sagte mal ein uraltes Sprichwort. Und daran ist viel Wahres, finde ich.

Das Interesse an einer Antwort auf diese Fragen ist nicht neu. Es hat Vermutungen über den Zusammenhang von Wahnsinn und Genie, von Schmerz und Schönheit hervorgebracht. Tagebücher und Briefe, wie wir sie zum Beispiel von Mozart und van Gogh kennen, können uns authentische Hinweise geben. Häufiger kommen die Auskünfte aber posthum von anderen, die den Künstler kannten – seien es Freunde oder Nachkommen. Manche Biographen vertiefen sich so sehr in die Lebensgeschichte eines Künstlers hinein, dass man meinen könnte, sie hätten ihn gekannt. Mit großer Empathie ist eine Annäherung möglich. Doch mehr auch nicht. Denn wer versteht je einen anderen Menschen wirklich? Und gar einen Künstler?

 

Zumal das, was für den einen Künstler gilt, auf einen anderen keineswegs zutreffen muss. Manche wurden von frühester Kindheit an konsequent gefördert und sogar gefordert, während andere mit nahezu allen Mitteln daran gehindert wurden, ihre Begabung zu entfalten, weil die Eltern andere Pläne und Erwartungen hatten. Sie mussten sich gegen mächtige Widerstände behaupten und durchsetzen. Wer das übersteht, befreit sich von der Abhängigkeit, dem Urteil anderer gefallen zu müssen. Das unbeugsame Streben nach Freiheit ist vermutlich eine der wesentlichen Eigenschaften, die den meisten Künstlern gemeinsam ist.

 

Nun versucht die Hirnforschung herauszufinden, ob und wenn ja inwieweit sich das Gehirn eines Künstlers von den Gehirnen anderer Menschen, die keine Künstler sind, unterscheidet. Ein Versuch, dem auf die Spur zu kommen, was einen Künstler zu dem macht oder gemacht hat, was er ist. Ein Versuch, der über die Kunst hinaus auch den Künstler erklären und verstehen will und womöglich sogar das Künstler-Sein als solches. Ob der Weg über die vergleichende Gehirnforschung zu Erkenntnissen führt, die uns im Verständnis von Künstlern wirklich weiterbringen? Ich bezweifle das.

 

„Alle versuchen die Kunst zu verstehen. Warum versucht niemand, den Gesang eines Vogels zu verstehen?“ soll Picasso einmal gesagt haben. Ein Statement, das keiner Erklärung bedarf, weil es für sich selbst spricht. Es lässt sich ebenso gut auf den Künstler wie auf die Kunst anwenden. Andere Künstler ziehen sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück, um in Ruhe dem nachgehen zu können, was ihnen am wichtigsten ist und was sie als Person in ihrer ganzen Existenz ausmacht. Sie geben selten Interviews und wenn doch, dann sprechen sie nicht über sich selbst.

 

Umso erstaunlicher, dass Richard Tuttle , bekannt geworden durch seine subtile minimalistische Kunst, vor einiger Zeit im Louisiana Channel über sich, seine persönliche Lebensgeschichte und die Bedeutung der Kunst für ihn selbst und für die Gesellschaft spricht – eine Rarität, ebenso authentisch wie interessant und auf jeden Fall sehenswert. Für ihn sind Künstler so etwas wie eine Naturerscheinung, wie eine Wolke, die am Himmel auftaucht: „Artists, they´re from nature. They come out of nature. They´re like a cloud that happens“.

 

Ein Vergleich, der es aus meiner Sicht sehr gut trifft. Auch wenn wir die Naturphänomene ebenfalls wissenschaftlich erforschen und erklären, bleiben sie doch natürliche Phänomene. Sie geschehen einfach, sie tauchen auf, sind da – unkontrollierbar und ohne irgendeines Menschen Zutun. Am Ende bleiben Kunst und Künstler ein Phänomen, ein Wunder, und manchmal auch ein Rätsel. Das ist gut so. Es schafft den nötigen Respekt. Was der Nachwelt von ihnen bleibt, sind ihre Werke, die uns inspirieren und erfreuen und uns geben, was wir brauchen – ohne dass wir es unbedingt verstehen oder erklären müssten. So ist das auch mit OUBEY und seinem Werk. Deshalb folgt die Arbeit des MINDKISS Projekts genau dieser Spur.

 

 

 

 

 

Im geschäftlichen und beruflichen Umfeld bietet die elektronische Kommunikation so viele praktische Vorteile, dass sie längst nicht mehr wegzudenken ist. Elektronische Nachrichten sparen Papier, erreichen den Empfänger sofort, können gleichzeitig an mehrere Personen verschickt werden und sind im Unterschied zu mancher Handschrift auch gut lesbar. Doch gilt das genauso für den persönlichen privaten Briefwechsel?

 

Das Private wird immer öffentlicher

An die Stelle von Postkartengrüßen aus dem Urlaub sind Fotos mit oder ohne Kurztext für Freunde und Follower getreten, die öffentlich auf Facebook oder Instagram geteilt werden, wo sie dann ebenso öffentlich durch Likes oder Kommentare beantwortet werden. Und handgeschriebene Briefe sind erst recht selten geworden. An ihre Stelle ist längst die elektronische mail getreten. Ist damit zugleich ein Verlust an persönlicher Nähe und gutem Stil verbunden?

 

Auf den Inhalt kommt es an

Ob ein Gruß persönlich ist oder nicht, liegt doch viel mehr am Inhalt als daran, ob er handgeschrieben ist oder nicht, werden Sie vielleicht denken und dem stimme ich auf jeden Fall zu. Wirklich wichtig ist doch, dass man überhaupt schreibt und was man schreibt, nicht aber wie man schreibt. Leere Phrasen in Schönschrift sind und bleiben leere Phrasen und als solche unpersönlich. Ernst gemeinte Grüße, Gedanken oder zum Ausdruck gebrachtes Mitgefühl sind die Zutaten, die einen Brief persönlich machen – unabhängig von der Frage ob er in Handschrift verfasst ist oder uns als e-mail erreicht.

  

Immer ein Original

Und doch: Die Handschrift eines Menschen transportiert mehr als bloßen Inhalt. Sie ist zugleich immer auch die individuelle Ausdrucksform einer Persönlichkeit und das macht sie einzigartig. Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb es manchen Menschen so viel bedeutet, von einem verehrten Künstler ein originales Autogramm zu bekommen. Und in der Malerei steht nicht nur die Signatur des Künstlers auf dem Bild für die Echtheit des Originals, sondern der Malstil als solcher. Er wird als Handschrift verstanden und verschafft dem Werk im Kunstmarkt seinen besonderen Wert, den selbst die perfekteste Kopie nicht erreichen kann – sofern sie als Kopie erkannt wird.

 

Was sagt uns die Handschrift über einen Menschen wirklich?

Die persönliche Handschrift unterscheidet Menschen voneinander und ist ähnlich wiedererkennbar wie der Klang ihrer Stimme. Was sie uns über den Charakter eines Menschen aussagt, will eine Methode der Schriftinterpretation herausfinden, die sich Graphologie nennt. Ob die Schrift schnörkellos oder verspielt erscheint, die Buchstaben groß und kraftvoll oder klein und gedrängt, ob sie zusammenhanglos in weitem Abstand voneinander stehen oder ob sie flüssig miteinander verbunden sind, das alles sagt etwas über die Eigenschaften einer Person aus, so jedenfalls sehen es die Graphologen. Doch die Graphologie ist keine Wissenschaft.

Ich erinnere mich gut an einen Menschen mit ausgeprägtem Machtbewusstsein und unbeugsamem Charakter, bei dem man diese Eigenschaften anhand seiner winzigen und unscheinbar wirkenden Handschrift nicht vermutet hätte. Die Echtheit einer Handschrift mag graphologisch überprüfbar sein. Rückschlüsse auf den Charakter einer Person sind jedoch problematisch und deshalb mit Vorsicht zu genießen.

 

Abkehr von der Graphologie

Das haben inzwischen auch viele Personalverantwortliche in Unternehmen und Behörden erkannt. Im Glauben daran, dass die Handschrift Aufschluss über Charakter und Persönlichkeit eines Bewerbers ist und insofern die Besetzungsentscheidung erleichtert, verlangten sie lange Zeit ein handschriftlich verfasstes Bewerbungsschreiben. Inzwischen hat die elektronische Kommunikation auch hier Einzug gehalten. Bewerbungsverfahren laufen heute zumeist online ab, oft sogar unter bewusstem Verzicht auf Foto, Namens- und Geschlechtsangabe, um die Eindrucksbildung im Vorfeld eines ersten persönlichen Gesprächs so sachlich, vorurteilsfrei und fair wie möglich zu halten. Hier scheint also der Abschied von der Handschrift sinnvoll und keineswegs bedauerlich zu sein.

 

Und was sagt die Hirnforschung?

Mit dem Stift in der Hand auf Papier zu schreiben regt bestimmte Hirnregionen an. Es fördert und erhält die feinmotorischen Fähigkeiten und steigert die Gedächtnisleistung. Was ich mit der Hand aufgeschrieben habe, vergesse ich nicht so schnell. Das gilt für Informationen genauso wie für Gedanken und Gefühle. Und schließlich hat das Schreiben viel gemeinsam mit Zeichnen und ist deshalb immer auch ein gestalterischer Akt – egal ob Schönschrift oder Stichworte auf einem Merkzettel.

Insofern könnte die Entwicklung auf Dauer tatsächlich eine bedenkliche Wirkung entfalten. Deshalb ist es gerade im Kindes- und Jugendalter wichtig, dass dem Erlernen und Einüben des Schreibens Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt wird. Ob die Eltern ihren Einkaufszettel aufschreiben oder an Siri oder Alexa diktieren und ihn im Supermarkt dann von ihrem Smartphone ablesen macht hier durchaus einen Unterschied.

Und für das Schreiben eines Tagebuchs, wohl die privateste und persönlichste Form der Kommunikation mit sich selbst (nicht nur) für junge Menschen, ist der handschriftliche Prozess besonders wertvoll. In ihm können die Gedanken und Gefühle vom Kopf durchs Herz über die Hand direkt aufs Papier fließen, ohne die distanzierende Wirkung, die bei der Nutzung eines Computers entsteht.

 

Analog geht immer

Ich selbst werde weiterhin viele meiner Texte im ersten Schritt mit der Hand schreiben und schreibe hin und wieder auch sehr gerne einen Brief an Menschen, die mir wichtig sind, mit der Hand. Das mag altmodische sein. Für mich hat das mehr mit Muße zu tun als mit Tradition. Und wenn mal der Strom weg ist, kann ich immer noch schreiben, denn ich bin unabhängig vom Computer. Analog geht immer. Und überall.

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