Thoughts & Insights

Lebenszeit und Weltzeit

Hinsichtlich unserer individuellen Lebenszeit sind wir Menschen sterblich.

Als „Weltzeitwesen“ sind wir Teil eines unsterblichen integrierten Gesamtsubjekts. Jeder einzelne subjektive individuelle Mensch ist in seiner begrenzten Lebenszeit immer zugleich auch Teil eines „Weltzeitwesens“ und somit unendlich. Die Folge der menschlichen Generationen kann man sich demnach als einen identischen Mensch vorstellen, der ununterbrochen existiert und als solcher eine einzige große und kontinuierlich wachsende Welterfahrung repräsentiert.

Sobald die Gegenwart zur Vergangenheit wurde, ist sie Bestandteil dieses kollektiven Gedächtnisses. Dies bedeutet, dass in jedem Augenblick der Geschichte über den endlichen Lebensrahmen der Individuen hinausgegriffen werden kann auf die Vergangenheit und auch auf die Zukunft.

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Dies gilt objektiv für jeden Menschen als Teil eines integrierten Gesamtsubjekts, d.h. es gilt für die gesamte Menschheit von ihrem Anbeginn an. Das bedeutet aber keineswegs, dass dies jedem lebenden Menschen auch bewusst sei. Bedeutet nicht, dass er sich als subjektiver, individueller Mensch in seiner begrenzten Lebenszeit tatsächlich auch als unendliches oder doch zumindest als Weltzeitwesen erkennt. Und es bedeutet schon gar nicht, dass er sich „Universalmensch“ verhält. Dies können nur wenige und mit fortschreitendem Wachstum des Vergangenheitsanteils wird es dem einzelnen Menschen immer schwerer, das Wissen und die Erfahrung der „Alten“ aktiv zu integrieren in sein aktuelles Tun mit dem Ziel, es nicht nur zu kennen und zu verstehen, sondern es durch die eigene geistige Lebensleistung voranzutreiben und zu bereichern.

Diejenigen Menschen, die hierzu in der Lage sind, nutzen während ihrer Lebenszeit den in der Weltzeit vollzogenen Fortschritt als einen Ertrag, der so etwas wie die Überzeitlichkeit des Menschen erschafft. Ihnen stehen die Erfahrungen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen zur Verfügung, um etwas zu schaffen, dass den Fundus seinerseits dann auch wieder bereichert.

Diese und viele weitere Gedanken ähnlicher Art stammen aus einem Buch des Philosophen Hans Blumenberg, inspiriert unter anderem durch Fontenelle und Pascal, zwei französischen Philosophen des 17. Jahrhunderts. Sich ein integriertes Gesamtsubjekt vorzustellen, in dem die Erfahrungen aus den Lebenszeiten aller Menschen aggregiert sind, die seit Beginn der Menschheitsgeschichte gelebt haben, ist eine ausgesprochen interessante Vorstellung.

Die entscheidende Frage für jeden Einzelnen ist die, ob er dies alles überhaupt erkennt, wie er sich „Zugang“ zum Fundus der „Weltzeit“ verschafft und wie er das integrierte Gesamtsubjekt während seiner endlichen Lebenszeit bereichern kann. Ich meine, dass diese Idee die Qualität des eigenen Lebens positiv verändern kann, weil sie aufzeigt, dass über die zeitliche Begrenztheit der eigenen Existenz hinaus eine Überzeitlichkeit existiert, deren Teil man ist. Das mag einerseits ein Trost sein. Es ist vor allem aber auch eine Herausforderung. Damit umgehen zu können erfordert einen „bon esprit cultivé „ wie Fontenelle es nannte, einen „durchgebildeten Kopf“. OUBEY war so ein Kopf. Dies ist wohl einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sein Werk, in dem sich dieser „durchgebildete Kopf“ eine einzigartige Ausdrucksform schuf, so etwas wie eine universale Sprache spricht.

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Mehr Informationen

 

Der Film „OUBEY – ein Element des Universellen“, der vor einer Woche erschienen ist, macht sich auf den Weg herauszufinden, weshalb OUBEYs Kunst offensichtlich eine „universale Sprache“ spricht, die von Menschen auf der ganzen Welt verstanden werden kann. In ihr steckt das Wissen von „Sieben Millionen Jahren“ Menschheitsgeschichte, wie es der Paläoanthropologe Prof. Friedemann Schrenk in seinem Encounter mit einem von OUBEYs Bildern ausdrückte. Seine Bilder „transzendieren die Zeit“ meinte eine Besucherin des Maori Schulfests im Open Encounter mit einem anderen Bild von OUBEY. Beide sind zu sehen im besagten Film. Falls Sie sich die Zeit nehmen wollen, ihn anzuschauen, wünsche ich Ihnen eine gute und inspirierende Unterhaltung. Einen einminütigen Trailer zu diesem Film finden Sie hier.

Wer tiefer einsteigen, aber nicht gleich den ganzen Blumenberg selbst lesen will: Im Spiegel erschien seinerzeit ein interessanter Beitrag über „Lebenszeit und Weltzeit“. Den finden Sie hier.


Bildnachweis:
1) Dürerschule um 1530: Neue Dimensionen der Kosmologie.
2) Die Epoche des überließenden Sehvermögens: Der Mensch im Weltraum. Titelblatt des Ausstellungskatalogs 1970.

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