Thoughts & Insights

Viva La Vida

In Zeiten der Unsicherheit wie denen, die wir in diesen Wochen, Monaten und voraussichtlich auch noch sehr lange darüber hinaus gleichzeitig auf der ganzen Welt erleben, sind alle Kompetenzen, alle Kräfte und alle Sinne gefordert. Ein Ausnahmezustand wie ihn die Welt lange nicht gesehen hat. Dynamische Komplexität in voller Entfaltung. Und es geht dabei um nicht weniger als das, was schon immer das Wichtigste war in diesem Leben - das Leben selbst.

Leben heißt sterben lernen, sagte vor mehr als zweitausend Jahren der römische Philosoph Seneca. Besser kann man den Zusammenhang dieser Gegensätze von existenzieller Bedeutung wohl kaum zum Ausdruck bringen. Doch während wir vom Leben nicht genug bekommen können, wollten wir von Tod und Sterben in den modernen Gesellschaften im Verlaufe der letzten siebzig Jahre immer weniger wissen. Der Tod wurde vielerorts ausgeklammert aus dem Alltagsleben und damit auch aus dem Alltagsbewusstsein. In den Wohlstandgesellschaften erhöhte sich die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich und bewegt sich mittlerweile bei einem Alter um die 80 Jahre. Alle wollen möglichst alt werden, aber keiner will sterben. Seit kurzem ist von einer Forschung die Rede, die den Alterungsprozess sogar rückgängig machen und Menschen um zehn bis zwanzig Jahre verjüngen kann. Der Traum von ewiger Jugend wird zwar immer ein Traum bleiben. Doch das Hinauszögern des Alterns wurde zu einem realistischen Lebensziel. Das alles mag auch mit der Liebe zum Leben zu tun haben. Doch was ist das für eine Lebensliebe, die das grundlegende Prinzip der Vergänglichkeit allen Seins auf dieser Welt für alle Wesen anerkennt außer für sich selbst. Die verdrängt, dass das Leben endlich ist und der Tod zum Leben gehört wie die Geburt.

Was bedeutet es wirklich, das Leben zu lieben? Diese Frage stellte sich mir im Laufe meines Lebens immer wieder, und besonders intensiv immer dann, wenn ein Mensch, den ich sehr liebte, gestorben war und damit sein an den Körper gebundenes Leben hinter sich gelassen hatte. Die Erkenntnis der ultimativen Irreversibilität, dass man sein Leben nur dieses eine einzige Mal leben kann und dass ein vergangener Tag nicht wiederholt werden kann, kam mir bereits in jungen Jahren aufgrund der frühen Erfahrungen mit dem Tod in meiner nächsten Nähe. Seither trage ich diese Erkenntnis in mir und ich muss sagen, dass sie mich nicht belastet – ganz im Gegenteil. Das Wissen um die Begrenztheit meiner Zeit bei gleichzeitiger Ungewissheit über den Zeitpunkt meines Endes hat meine Wertschätzung gegenüber dem was ist und gegenüber dem Leben selbst immer weiter wachsen lassen. Statt mich zu ärgern, dass ich älter werde – ein Unsinn, der viele Menschen ab einem bestimmten Alter an ihren Geburtstagen erfasst – bin ich froh und dankbar dafür, dass ich das Licht dieser Welt überhaupt je erblickte und dass ich immer noch lebe. Vielleicht liegt der Sinn des Lebens einfach nur darin zu leben, ein gutes und erfülltes Leben zu führen und jeden neuen Tag zu lieben, weil er genau das möglich macht.

„Jeder Tag zählt“ – so lautet der Toast von Jack Dawson, einem mittellosen jungen Künstler, der beim Glücksspiel im Hafen ein Ticket für die Jungfernfahrt der Titanic nach New York gewann, als er ausnahmsweise am Tisch der feinen Gesellschaft auf dem Oberdeck des Luxusdampfers Platz nehmen darf. In der Nacht zuvor hatte er der jungen Rose, Tochter des Gastgebers aus gutem Hause, das Leben gerettet und seither innerhalb kürzester Zeit ihre Liebe zum Leben entfacht, indem er sie aus dem zwar goldenen, aber dafür umso engeren Käfig des Luxuslebens befreit. Nur eine erfundene Geschichte aus dem Drehbuch eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Dass sie Menschen auf der ganzen Welt erreicht, berührt und fasziniert hat, mag auch an der Regie, der Musik und nicht zuletzt an den Darstellern gelegen haben. Doch in seinem innersten Kern feiert diese Geschichte das wahre Leben. Deshalb kann es gar nicht anders sein als dass der Tod in dieser Geschichte von Beginn an gegenwärtig ist und eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die Liebe.

Rund dreihundert Jahre zuvor wurde das bis heute allseits bekannte „Carpe Diem“ auf seine Art zu einem ähnlichen Ausdruck des Wissens, dass nichts sicher ist und dass jedes Leben morgen zu Ende sein kann. Dieses „Carpe Diem“ hat nichts mit Hedonismus oder Dolce Vita zu tun. Es feiert das Leben ebenso wie die Erkenntnis seiner schnellen Vergänglichkeit. Eine Haltung, die aufkam in den finsteren Zeiten des 30jährigen Krieges, der die Menschen in Mitteleuropa landauf landab terrorisierte, traumatisierte und weite Landstriche aus religiös verbrämter Macht-, Geld- und Landgier in Schutt und Asche legte. Die politische Geschichtsschreibung fokussierte sich jahrhundertelang auf die auslösenden Ereignisse, die Intrigen und Schlachten, die großen Namen. Die Verwüstung, die dieses Morden und Plündern im Namen der Religion in den Gemütern und Seelen der Menschen anrichtete, rückte erst viel später ins Blickfeld des Interesses. Und damit auch die Thematik des Lebens und Sterbens in seiner menschlichen, sozialen und kulturellen Dimension. Wer denkt heute noch an diese Zeit? OUBEY tat es. Intensiv und über viele Wochen hinweg beschäftigte ihn einst dieser Krieg und die Gespräche, die wir dazu miteinander führten sind in mir noch sehr präsent. „Carpe Diem“ zeigt wertschätzende Demut gegenüber jedem einzelnen Tag, den man lebt.

Das 20. Jahrhundert übertraf mit seinen zwei kurz aufeinander folgenden, erstmals industriell geführten Weltkriegen, dem staatlich legitimierten Terror des Faschismus und dem historischen Alptraum des Holocaust die schlimmsten Zeiten vorhergegangener Geschichte auf bis dahin nicht gekannte Weise. Angst und Schrecken unter den Menschen herrschten diesmal nicht unter dem Deckmantel des Religionskampfes, sondern mit lauter Ansage unter dem Vorzeichen wildgewordener Ideologien von Herrenmenschentum, Nationalismus und Kolonialismus. Diese beiden Weltkriege kosteten innerhalb von 30 Jahren mehr als 80 Millionen Menschen das Leben – eine unvorstellbare, furchterregende Zahl. Bis heute habe ich den Gang durch die Lagerhallen von Buchenwald ebenso wenig vergessen wie den durch die Katakomben der Gedenkstätte im französischen Fort Duaumont, die an die tausenden von Toten der sinnlosesten Schlacht aller Zeiten im Stellungskrieg von Verdun erinnert und wo sich die Gebeine gefallener Soldaten in schier endlosen Reihen neben- und übereinander stapeln.

Das alles ist unterschiedlich lange her. Je länger es her ist, desto mehr geriet es im Bewusstsein Europas in die schwer erreichbaren Tiefen des kollektiven Vergessens hinein. Doch im Unbewussten wirkt das Trauma noch immer nach, über viele Generationen hinweg. Menschen mit einer besonderen Empfindsamkeit für die Verbundenheit von allem mit allem spüren die Traumata längst vergangener Zeiten auch heute. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass unsere Kultur zwar das Leben feiert, den Tod jedoch seit Jahrzehnten aus dem Leben entfernt hat.

Vielleicht auch, weil wir nun seit mehr als siebzig Jahren in Europa und der westlichen Welt friedlich miteinander leben. Keiner Generation zuvor war in Europa eine derart lange Lebenszeit ohne Kriegserfahrung in Frieden und Freiheit vergönnt wie denen, die nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren wurden. Auch wenn wir bis heute immer noch nicht zu einer echten Gemeinschaft zusammengewachsen sind, haben wir doch in wenigen Jahrzehnten jahrhundertelang währende Erzfeindschaften überwunden und das ist, bei allen Vorbehalten, die manche Nachbarn anderen Nachbarn gegenüber immer noch haben mögen, ein großer Fortschritt. Prozesse von derart historischer Dimension brauchen ihre Zeit. Vor allem aber brauchen sie den starken guten Willen, der einerseits getragen wird von der Liebe zum Leben und zur konstruktiven, friedlichen Zusammenarbeit, die stärker ist als die Bereitschaft, für nationalistische Interessen in den Tod zu ziehen. Andererseits von dem Wissen, wie sehr wir aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind bis in kleinste Fragen unseres alltäglichen Lebens hinein.

Das wurde in den letzten zwei Monaten durch die Pandemie, die ein Virus namens COVID 19 ausgelöst hat, so deutlich wie nie zuvor. Sie legt die Stärken und Schwächen unserer Gesellschaften und unseres weltweiten Miteinanders wie im Blick durch ein Brennglas offen. Und nicht zuletzt hat sie den Tod und das Sterben aus der Tabuzone in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Damit verbunden der Schrecken angesichts von Kühlfahrzeugen vor Krankenhäusern in New York, in denen die Särge mit den Toten zwischengelagert werden, weil die Leichenhäuser überfüllt sind, oder Kolonnen nächtlicher LKW-Transporte, die die Särge aus dem norditalienischen Bergamo in Städte des Umlands bringen, weil es auf den Friedhöfen in Bergamo keinen Platz mehr gibt. Auf das Grauen folgt nun ein Diskurs, ein Gespräch über Themen, über die so und so öffentlich noch nie gesprochen wurde und das zumeist auch mit dem Respekt und der Pietät, die diesem Thema gebührt. Der Tod kommt uns Menschen in diesen Zeiten so nah wie lange nicht und das auf der ganzen Welt, gleichzeitig. Damit kommt uns, ganz im Sinne Senecas, zugleich auch das Leben so nah wie lange nicht, indem wir seine eigentliche Bedeutung klarer erkennen und ernsthaft die Frage stellen, wie wir eigentlich leben wollen. Was zu der Frage führt, ob wir „nach Corona“ wieder genauso leben wollen wie wir vorher gelebt haben. Auch hier wirkt das Brennglas und die Prioritäten, die den Kurs bestimmen, werden hinterfragt. Mit welchem Ergebnis, wird sich zeigen.

Da hoffe ich sehr auf die Jugend und ihre Liebe zur Zukunft. In den für Italien dunkelsten und schwersten Tagen der Pandemie fand ich ein Video auf YouTube, das die zwölfjährigen Zwillinge Mirko und Valerio aus Agrigento in Sizilien während ihrer Quarantäne im März online stellten. Sie spielen auf ihren Geigen geradezu meisterlich den Song „Viva La Vida“ von Coldplay https://www.youtube.com/watch?v=duX6vQvI9KU und sie versprühen dabei diese furchtlose Begeisterung der Jugend und eine unbändige Freude am Leben wie man sie schöner nicht zum Ausdruck bringen kann.

PS: In diesen Tagen erschien eine von Reinhard Kaiser aus der Sprache des 17. Jahrhunderts ins heutige Deutsch übersetzte Version des „Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der im originalen Barockdeutsch bisher nur schwer zu lesen war. Der Roman erzählt auf eindrucksvolle und zugleich unterhaltsame  Weise von den Wechselwelten in der Zeit des 30jährigen Krieges aus der Perspektive eines Zeitgenossen und ist unbedingt lesenswert.

 

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