Eine große Wolke der Sehnsucht stand still über dieser Zeit. Sie verflüchtigte sich bereits nach wenigen Minuten im Kino, für einen kurzen Moment, bevor sie sich in eine Wolke glücklicher Wehmut verwandelte, die diesen Film von seinem Anfang bis zu seinem Ende begleitet. Zwei Gefühle, die sich in einem Moment ganz ungeplant treffen als gehörten sie zusammen.

Dabei geht es zwar auch um den wunderbaren Film Nomadland, der mich sehr berührt hat. Doch nach der längsten Kinoabstinenz meines Lebens geht damit einher auch eine Liebeserklärung an den Film und ans Kino überhaupt.

Seit der großartige Pionier des Kinos Georges Méliès vor mehr als einhundert Jahren in Paris sein größtes Lebensabenteuer damit begann, alles, was er hatte, in die Produktion von Filmen zu stecken, gehören Filme zu einer faszinierenden Dimension von Wirklichkeit, die nur dann erlebbar wird, wenn man im weichen Sessel eines großen dunklen Raums sitzt, ausgestattet mit brillianter Leinwand und bester Akustik, und binnen weniger Minuten so tief hineingezogen wird in das Geschehen auf dieser Leinwand, dass man den Rest dieser Welt vergisst. Wie man Filme von solcher Qualität macht, haben viele Regisseure und Produzenten uns immer wieder gezeigt. Einer der besonders guten unter ihnen, Martin Scorsese, hat Georges Mèliés mit seinem grandiosen 3D-Film Hugo Cabret posthum die Ehre erwiesen, die der längst verdient hatte.

Ja, das kann sehr wohl zusammen gehen: Hollywood mit seiner gigantischen Maschinerie kommerzieller Filmproduktion und die feine, fantastische Geschichte eines europäischen Filmpioniers und das Ganze auf höchstem technischen Level. Es war wohl auch für Martin Scorsese selbst eine Frage der Ehre. Und auch im Fall von Nomadland zeigte sich Hollywood beeindruckt, denn die „Academy“ zeichnete den Film dieses Jahr mit drei Oscars aus: einen für den Film, einen für die wirklich großartige Regieleistung der jungen Chloé Zhao und einen für die unvergleichliche, immer ganz sie selbst seiende Frances McDormand. Wie sehr sie immer sie selbst ist, wenn sie spielt, wird in diesem Film deutlicher als in allen ihren früheren Filmen. Denn hier spielt sie zusammen mit Menschen, die keine Schauspieler sind, sondern echte Nomaden. Und sie spielt sie nicht an die Wand, sondern fühlt und fügt sich ein als wäre sie selbst eine von ihnen, lässt sie im Zusammenspiel voll zur Geltung kommen. Sie lebt mit ihnen für die Dauer der Drehzeit das Leben, das viele Amerikaner führen, die sich aus der Beengtheit des niedergelassenen Wohlstandsdaseins befreit haben – mehr oder weniger freiwillig. Frances McDormand ist eine schauspielerische und menschliche  Ausnahmeerscheinung in Hollywood. Gut, dass es sie gibt. Und gut, dass es diesen Film gibt. Er setzt dem lärmenden Getue dieser Tage, in denen die kollektive Empörungsbereitschaft gelegentlich skurrile über sich selbst hinauswächst, etwas entgegen, das ebenso  leise wie eindrucksvoll ist, indem er diese Geschichte erzählt. Alles andere über diesen Film finden Sie am besten heraus, indem Sie ihn sich selbst anschauen.

Überhaupt wäre es meine Bitte und auch zugleich meine Empfehlung an Sie, nun wieder und so oft wie möglich ins Kino zu gehen, denn nur so werden die Lichtspielhäuser im Wettbewerb mit den Streamingdiensten dauerhaft eine Chance haben. Diese Dienste waren, ähnlich wie Internetlieferanten jeder Art – nämlich die großen Profiteure des Lockdowns im Filmgeschäft. Auch ich habe mir manchen Film während des Lockdowns zuhause angeschaut, aber nur, wenn er von TV-Sendern ausgestrahlt wurde – keinen einzigen im Programm der großen Streaming-Dienste.

Bereits in den späten 60er und frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Kino schon einmal totgesagt. Wim Wenders, wohl einer der besten deutschen Filmregisseure, widmete zu dieser Zeit dem Untergang des Provinzkinos einen seiner ersten, unbedingt sehenswerten Filme Im Lauf der Zeit. Doch das Kino erfand sich neu, überlebte und erlebte eine Wiederauferstehung wie sie kaum einer je vorhergesagt hätte. Es wäre schön, wenn das nun ein zweites Mal gelingt. Denn die wirklich großen Filme brauchen eine wirklich große Leinwand und die volle, ununterbrochene Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer. Für echtes Kino gibt es keinen Ersatz.

Den Kino-Entzug des letzten Jahres konnte ich durch Musik und Lektüre eher kompensieren als durch Filme im Bildschirmformat – und sei die Diagonale noch so groß und die HDTV Qualität noch so hoch. Denn ich liebe auch diese ureigenen Filme, die beim Lesen eines Romans oder beim Hören guter Musik in meinem Kopf entstehen. Doch ich liebe es genauso, das zu sehen, was andere aus den ureigenen Filmen in ihren Köpfen dann für die ganze Welt auf die Leinwand bringen. Und das ist schon so seit ich nicht mal zehn Jahre alt war und für 50 Pfennig am Samstagnachmittag im Gemeindesaal meiner Heimatstadt, der alles andere als ein Kinosaal war, zusammen mit einer johlenden Menge am Boden sitzender Kinder Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, „Fuzzi“ und „Pater Brown“ sah. Diese Liebe zum Kino teilte OUBEY mit mir wie kein anderer Mensch vor und nach ihm in meinem Leben. Vielleicht haben mich die zwei Zeilen, die im Abspann von Nomadland für einen Augenblick die komplette Leinwand für sich hatten, auch deshalb so berührt:

Gewidmet allen, die uns verlassen haben. Man sieht sich.

Die Geschichte, die dieser Film bis dahin einhundertzehn Minuten lang intensiv und fesselnd erzählt, findet an dieser Stelle ihren existenziellen Moment der Singularität – ganz im Sinne von Thomas Pynchon, um dessen großartigen Monumentalroman Gravity´s Rainbow es im letzten Beitrag ging. Nomadland ist alles andere als monumental. Der Film ist so schlicht und reduziert wie das Leben der Menschen, von dem er erzählt. Und doch hat der Film etwas mit Pynchon´s Roman gemeinsam: Die Idee, dass diejenigen, die irgendwann vom Blitz des Lebens getroffen werden, zwar immer noch in dieser Welt weiterleben, zugleich aber von da an auch in einer anderen Welt zuhause sind. Diese andere Welt ist denen, die der Blitz des Lebens bis dahin nicht getroffen hat, fremd. Die „Getroffenen“ erwecken den Anschein als seien sie noch immer von dieser Welt, was rein physisch auch der Fall ist. Sie arbeiten, wie in Nomadland, bei Amazon, Fast Food Restaurants oder gehen anderen Kurzeitjobs nach, um ihre Existenz zu sichern. Doch in ihrem Herzen, in ihrer Seele leben sie in einer anderen Welt. Im Nomadland?

Thomas Pynchon stellt dieses Zitat dem ersten Kapitel seines monumentalen Romanwerks Die Enden der Parabel/Gravity´s Rainbow voraus. Dieses erste Kapitel trägt die Überschrift Jenseits der Null und eröffnet bereits nach kurzem Lesen jede Menge Fragen, die der Mathematikunterricht nicht einmal gestellt, geschweige denn je beantwortet hat.

Was man erlebt, wenn man im Roman weiterliest, ist ein wilder Ritt durch die Zeiten von Chaos und Ordnung in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. London, Los Angeles, vor allem aber das vom Endsieg durch den erhofften Einsatz der Vernichtungsrakete V2 besessene nationalsozialistische Deutschland. Dazwischen jede Menge historischer Ausflüge in die dunklen Seiten der Geschichte: Evolution, Religion, Revolution, Kolonialismus. Ein komplexes Beziehungsnetz von Organisationen und Personen. Und weit und breit keine Figur, mit der man sich identifizieren könnte. Die einen gehen unter, verflüchtigen oder verlieren sich, die anderen manipulieren unverfroren und unbeirrt bis zum Ende weiter, die eigenen Interessen immer fest im Blick. Über allem steht symbolisch die ballistische Flugbahn der Rakete – die Parabel, die Pynchon im originalen Titel des Romans wesentlich poetischer als  Regenbogen beschreibt. Als Leser des Romans bin ich staunend, irritiert, erschrocken und manchmal auch angewidert, aber immer allein. Das bis zum Ende durchzuhalten ist anstrengend, aber aller Mühen wert.

Dass dieser Roman, der in den sechziger Jahren entstand und 1973, vor nahezu fünfzig Jahren, im Original erstmals veröffentlicht wurde, von Exegeten mit großer Lust an der eigenen Sicht auf diese Welt immer wieder subjektiv interpretiert wurde und mittlerweile als Meisterwerk der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt, wusste ich nicht, als ich mit dem Lesen begann. Ich hatte bis dahin nicht einmal den Namen Thomas Pynchon gehört. So habe ich damit begonnen, unbedarft drauf los zu lesen. Das war gut so.

Wer mich dazu brachte, einen beachtlichen Teil meiner begrenzten Lebenszeit diesen rund 1200 auf hauchdünnem Gesangbuchpapier gedruckten Seiten zu schenken, war OUBEY. Er hatte sich den Roman gekauft, bevor sein tödlicher Unfall dazu führte, dass er ihn selbst nie würde lesen können. Als ich das Buch vor einigen Jahren zufällig beim Auf- oder Umräumen zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich von diesem Fund genauso wie vom Klappentext des Buches fasziniert.

Das Zusammenspiel von Chaos, Ordnung und Entropie im Zusammenwirken dynamischer Komplexität, wie es die Thermodynamik wissenschaftlich untersucht, gehörte zu den Themen, die OUBEY schon sehr früh und besonders stark beschäftigten. Fasziniert von Turbulenzen jeder Art, in denen dieses Kräftespiel ebenso wild wie mathematisch berechenbar Gestalt annimmt, entwickelte er eine ganz eigene Technik, um seinen Erkenntnissen und Gefühlen in Farben und Strukturen, die er auf die beschichtete Hartfaserplatte brachte, seine eigene künstlerische Ausdrucksform zu verleihen.

Genau das ist es was Thomas Pynchon in den Enden der Parabel tut. Er nutzt seine ganz eigene Technik der Sprache, die voll ist von Bezügen zu Poeten, Philosophen und Romanciers, um dem Zusammenspiel der Kräfte von Chaos und Ordnung und der dynamischen Komplexität des Weltgeschehens seine eigene, literarische Ausdrucksform zu verleihen.

Am Ende erscheint die Entropie, die Kraft zur Selbstzerstörung, die wohl allen dynamisch-komplexen Systemen innewohnt, nicht mehr als etwas Bedrohliches, sondern geradezu als natürlich und notwendig. Denn sie eröffnet die alternative Perspektive der Transzendenz. Nicht für jeden. Aber für alle, die in ihrem Leben eine zweite Ebene der Realität gewinnen, die über den zweidimensional- linearen Verlauf irdischer Ereignisse hinausgeht. Es sind, nach Pynchon, diejenigen, die in ihrem Leben im übertragenen Sinn „vom Blitz getroffen“ wurden, die einen Einschlag erlebt und überlebt haben, der alles, ihre eigene Existenz eingeschlossen, in Frage stellte. Dieses Erlebnis eröffnet den individuellen Ausweg aus der Entropie durch die Möglichkeit einer Transzendenz.

Und doch hat sie etwas Gutes, diese immanente Bewegung hin zur Entropie. Gäbe es sie nicht, wären wir womöglich noch heute an dem Entwicklungspunkt, an dem die Menschheit vor vielen tausend Jahren war. Wir haben Aufstieg und Untergang so vieler kultureller Systeme erlebt – von den Mayas, Azteken und Babyloniern über die Griechen und Römer bis hin zum zum „Tausendjährigen Reich“. Doch in unserem kollektiven Bewusstsein sind wir tatsächlich noch nicht sehr viel weiter als wir bereits vor ein paar tausend Jahren waren. In Krisenzeiten brechen sich immer wieder die alten Verhaltensmuster ihr Bahn. Technisch haben wir uns dagegen in atemberaubendem Tempo nach vorne katapultiert. Nicht zuletzt deshalb, weil wir industriell und wirtschaftlich erwünschte Kriege führen wie sie vor einhundertfünfzig Jahren noch nicht im Entferntesten vorstellbar waren. Auch davon handelt der Roman.

Welche Rolle aber spielt in dieser Geschichte vom Aufstieg und Untergang menschlicher Reiche die Natur? Was ist mit unserem Verständnis von der Natur? Bei Pynchon ist sie wahrer Zufluchtsort und Trost für die „Übergangenen“. Doch ihre „Stämme und Äste ächzen voll Kummer über die technische Wunde, die durch ihr Gelände geschlagen ist“, heißt es ganz am Ende des Romans auf Seite 1150. Mehr als fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Thomas Pynchon´s Roman ächzt und stöhnt die Natur nicht mehr nur, sie bäumt sich auf, rebelliert und erteilt uns eine Lektion, die der Mensch möglicherweise erst lernt, wenn es zu spät ist – für ihn, nicht für die Natur. Der Mensch, den Pynchon als „Verheerer“ bezeichnet, nähert sich, und das allein aus eigener Kraft, Absicht und einem fatalen Unverständnis der Zusammenhänge, dem „tipping point“ seiner eigenen Existenz. Echte Entropie in Sichtweite.

In dem 1992 mit ihm geführten und aufgezeichneten Gespräch machte OUBEY auch klare Aussagen zum Verhältnis des Menschen zur Natur und zu ihrem Heimatplanet, der Erde. Ich glaube begriffen zu haben, weshalb dieser Roman ihn so sehr interessierte, dass er ihn lesen wollte. Wie spannend wäre es gerade deshalb gewesen, wenn er diesen Roman selbst hätte lesen und sich dazu äußern können. Wie schade, dass das nicht mehr möglich war.

 

Das wahre Leben

Dass es die Stimme von Bob Dylan war, wusste ich damals nicht, hatte bis dahin noch nie etwas von ihm gehört. Auch den Titel des Songs kannte ich nicht. Es war Positively 4th Street, wie ich später herausfand. So begann vor vielen Jahren eine Geschichte, die bis heute andauert. „Er begleitet dich ein Leben lang“ schrieb Bono in seinem Vorwort zur Zitatensammlung „Bob Dylan – In His Own Words“1. Das gilt auch für mich.

Heute wird Dylan achtzig Jahre alt. Erst letztes Jahr hat er sein Werk um ein weiteres, großartiges Album bereichert: „Rough and Rowdy Ways“. Im ersten Song auf diesem Album singt er über sich selbst. Nicht als lyrisches Ich, sondern als Bob Dylan: „I Contain Multitudes“. Dass das so ist, hat er in seinem mittlerweile sechs Jahrzehnte andauernden künstlerischen Schaffen immer wieder aus Neue bewiesen.  Er hat sich entwickelt, aber nie angepasst, blieb sich in seiner erstaunlichen Wandlungsfähigkeit all diese sechs Jahrzehnte lang treu. Weil das so ist, sind die Versuche diverser Kritiker, ihn zwanghaft in irgendeine Schublade ihres Ordnungssystems zu stecken, allesamt gescheitert. Bis heute ist es ein Hochgenuss zu sehen, wie er bereits in ganz jungen Jahren die dümmlichen Fragen der Journalisten bei einer Pressekonferenz 1965 in San Francisco gekonnt und mit ebenso viel Sprachwitz wie Intelligenz ins Leere laufen lässt. Das allein wäre Grund genug, Bob Dylan gut zu finden.

Wie kein anderer Künstler seines Bekanntheitsgrads setzte er seine innere Freiheit gegen alle wechselnden Strömungen des Zeitgeists ebenso durch wie gegen die Erwartungen eines Publikums, das sich am liebsten in den altbekannten Songs, vorgetragen in vertrauter Art und Weise, selbst wiedererkannt hätte, und ihm Verrat vorwarf oder sein baldiges Ende vorhersagte, als er es zum ersten Mal nicht tat: Das war 1966, als er im zweiten Teil seines historisch gewordenen Konzerts in der Royal Albert Hall in London zur elektrischen Gitarre griff, begleitet von einer Band. Von der ersten zur zweiten Hälfte dieses Konzerts verwandelte sich der geliebte Singersongwriter, der mit nichts als seiner Gitarre, seiner Mundharmonika und seiner Stimme einsam und allein auf der Bühne steht, in einen Musiker, der seine Songs in vollkommen neuem Sound ertönen lässt. Ein Frevel für alle, die ihn in der Schublade des Folk- und Protestsängers untergebracht hatten.

Manche nennen seine Eigenwilligkeit Arroganz. Ich nenne es Resilienz, die in Verbindung mit einer schier unerschöpflichen Kreativität und Schaffenskraft ihresgleichen sucht. Diese Verbindung macht Bob Dylan für mich zur Ausnahmeerscheinung in einer Welt, die sich in rasantem Tempo verändert und dabei in ihrem Innersten doch allzu oft irgendwie zu retardieren scheint.

Wie frei und kreativ er mit seinen Songs umgeht, erlebte ich selbst in seinem Konzert in Oberhausen im April 2002, dem ersten und einzigen, das ich je gemeinsam mit OUBEY besuchte. Anfangs versuchte ich noch zu erkennen, welchen mir bekannten Song er mit seiner Band da jeweils gerade spielt, was sich nur mühsam an einigen Textfragmenten erkennen ließ. Nach drei oder vier Songs entschied ich mich, mit diesem Blödsinn aufzuhören und gab mich stattdessen einfach nur noch den Rhythmen und Melodien, der Stimme und dem Sound seiner großartigen Band hin, die den Saal in eine energiegeladene Schwingung versetzte wie ich sie bis dahin nicht erlebt hatte. So wie mir erging es den meisten. Die sehr verhaltene Anfangsreaktion wich einer kollektiven Bereitschaft, das was er uns an diesem Abend auf der Bühne bietet, anzunehmen und in vollen Zügen zu genießen. Er bediente nicht die Erwartung des Publikums. Im Gegenteil. Er tat das, was er wollte. Spielte „Blowing in the Wind“ im Walzertakt und lieferte eine Überraschung nach der anderen – souverän, auf höchstem Niveau und mit beeindruckender Grandezza und Eleganz. Indem er sich gegen die Erwartungen seines Publikums durchsetzte, entfachte er eine grandiose Begeisterung für das, worum es ihm wohl am allermeisten geht: für seine Musik. Das mitzuerleben war wunderbar. Und seine 45minütige Zugabe, zu der auch eine überwältigende Version von „Like a Rolling Stone“ gehörte, zeigte, dass auch er seinen Spaß daran hatte.

Bob Dylan ist Musiker, Sänger, Komponist und Songwriter. Vor allem aber ist er ein großer Poet. Seine Gedichte seien nur als Lieder verständlich, sagte er selbst einmal. Das stimmt. Seine Gedichte sind von den Songs nicht zu trennen. Liest man die Lyrics, hat man auch sofort den Klang des Songs in den Ohren und die Bilder der Geschichten vor Augen, die er erzählt. Da wirkt die Desolation Row ebenso wirklich wie die wirklich wahre Geschichte des zu Unrecht verurteilten Boxers Rubin „Hurricane“ Carter oder die in allen Details episch geschilderte Szenerie vom Untergang der Titanic. Er erzählt uns singend seine Geschichten und beim Zuhören werden sie zu unseren eigenen Geschichten.

Dass er vor ein paar Jahren den Nobelpreis für Literatur bekam, befriedigte ein paar Exegeten, die seit Jahren die literarische Hochwertigkeit seines Werks in akribischer Analyse und Deutung zu beweisen versucht hatten, vermutlich mehr als Dylan selbst, der dem Verleihungsakt in Oslo fernblieb. Was längst offensichtlich war, hätte dieses Beweises nicht bedurft, was dessen Berechtigung natürlich nicht in Frage stellt.

Den „Rufer aus einer zeitlosen Vergangenheit“ nannte ihn Bono1. Damit trifft er einen Wesenskern von Dylan und seiner Kunst. In einer zukunftsbesessenen Zeit schlägt Bob Dylan Bögen, die Vergangenes in die Gegenwart holen. Brücken, die vom Persönlichen ins Allgemeine führen und wieder zurück. Manchmal tut er das explizit, oft implizit. In vielen seiner Songs leben Ovid, Dante, Baudelaire und viele andere als wären sie unsere Zeitgenossen. Damit tut er das, was gute Kunst immer tut: er bringt uns in einen Austausch mit dem, was vor uns war, aber auch mit dem, was nach uns sein wird. Seine Kunst lebt nicht vom Heute, sondern von der Geschichte ebenso wie von der Zukunft. Er landet einfach immer wieder bei dem, was wirklich existenziell und wichtig ist in diesem Leben. Kein Wunder, dass OUBEY begeistert war, als er Dylan Anfang der 2000er Jahre noch einmal ganz neu für sich entdeckte. Beim nächtlichen Malen von GENESIS und den StarPixels liefen regelmäßig die beiden Sampler, die ich auf seinen Wunsch hin für ihn zusammengestellt hatte.

Mehr als alles andere aber ist Dylan wohl ein „Performing Artist. In seinen Konzerten wird nichts reproduziert oder repetitiert. Dafür gibt es ja all die Alben, auf denen seine Songs für alle Zeiten in der vertrauten Studioversion verfügbar sind. Wer an dem teilhaben will, was Dylan aus seinen Songs macht, der besucht seine Konzerte. Für die gilt, was Edward Docx in seiner ausgesprochen gelungenen Würdigung zu Dylan´s 80. Geburtstag im Guardian schrieb: „ A common experience when seeing him live is to discover that a song that you thought was about rage is suddenly transformed into something tender. Ten years on, at another concert, the same song you now think of as a tender turns out to be a wry throwaway burlesque. The burlesque later becomes an elegy. And on it goes”. So ist es.

Den Wert der Einmaligkeit eines jeden Geschehens auf der Bühne würdigte Bob Dylan in seiner Nobelpreisrede am Beispiel von Shakespeare ebenso ausdrücklich wie den Wert des Erzählens von Geschichten wie denen, die uns einst Homer erzählte, inspiriert durch den Gesang der Musen: ”The words in Shakespeare’s plays were meant to be acted on the stage. Just as lyrics in songs are meant to be sung, not read on a page. And I hope some of you get the chance to listen to these lyrics the way they were intended to be heard: in concert, or on record, or however people are listening to songs these days. I return once again to Homer, who says ‘Sing in me, oh Muse, and through me tell the story’.”

Was der Live Auftritt für ihn selbst bedeutet, brachte Dylan 1991 mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Wenn Du mal nach mir schauen willst, wenn ich neunzig bin, dann wirst Du mich irgendwo auf einer Bühne finden“1. Damals war er gerade mal fünfzig. Wenn es keine Pandemie gäbe, würde er an seinem heutigen achtzigsten Geburtstag vielleicht genau das tun: irgendwo auf einer Bühne stehen.

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1Bob Dylan – in eigenen Worten. Heidelberg 2001.

Bob Dylan – The Noble Lecture. New York 2017.

Sehr zu empfehlen: Bob Dylan – Chronicles, Volume One. Hamburg 2004.

 

So banal diese Frage klingen mag – eine konkrete Antwort darauf ist spontan gar nicht immer so einfach wie man zunächst meinen möchte.

 

Elefant und Reiter

Das liegt daran, dass uns viele unserer Gewohnheiten überhaupt nicht bewusst sind. Wir haben sie als Routinen verinnerlicht– bis hin zum vorhersagbaren Verhalten. Das Unbewusste ist mächtig.

Jemand hat das Unbewusste einmal mit einem Elefanten verglichen, auf dem das Bewusste wie ein Mensch sitzt, der glaubt, den Elefanten zu beherrschen und ihn zu lenken, wenn er auf ihm reitet. Tatsächlich sind die Kräfteverhältnisse jedoch genau umgekehrt. Der Elefant tut das, was der Mensch von ihm will nur, wenn auch er selbst es will.

Deshalb ist die Frage, ob wir unsere Gewohnheiten im Griff haben oder ob unsere Gewohnheiten uns im Griff haben, eine sehr interessante und auch wichtige Frage. Sie führt schnurstracks zu der Frage, ob bzw. inwieweit wir in der Lage sind, unsere Gewohnheiten zu verändern. Diese Frage ist deshalb so interessant und wichtig, weil Gewohnheiten uns zwar das Leben erleichtern können; sie können es uns aber auch schwer machen, uns sogar schaden. Nicht aussichtslos, aber sehr anstrengend ist der Kampf gegen schädliche Gewohnheiten, die zur Sucht wurden. Aus diesem Gefängnis physischer oder psychischer Abhängigkeit auszubrechen ist ein Kraftakt, den manche gar nicht und die meisten nicht ohne Hilfe durchhalten.

Grund genug, sich über seine eigenen Gewohnheiten immer mal wieder Gedanken zu machen und sie kritisch zu hinterfragen.

 

Kollektiver Stillstand

Was für den einzelnen Menschen gilt, gilt auch für zwischenmenschliche Beziehungen, für Unternehmen und Organisationen verschiedenster Art und auch für ganze Gesellschaften und Kulturen. Auch dort spielen Gewohnheiten im alltäglichen Miteinander eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wie alle Gebräuche, Gepflogenheiten und Sitten schaffen sie ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl und damit eine gewisse Sicherheit in einer Welt, die von Unsicherheit und Risiko geprägt ist. Gute Gewohnheiten halten eine Gesellschaft zusammen, schlechte tun das Gegenteil.

Anpassung an die Gewohnheiten in einer Gruppe ist eine ambivalente Sache. Wenn es aufgrund der Machtverhältnisse in einer Gruppe, Organisation oder Gesellschaft zur kollektiven Gewohnheit wird, dass bestehende Normen, Vorgehensweisen oder Entscheidungen nicht hinterfragt werden dürfen, droht Entwicklungsstillstand. „Das haben wir schon immer so gemacht“ und „Das haben wir noch nie so gemacht“ lauten die Varianten ein und desselben Killerarguments, mit dem selbst die harmloseste Frage nach dem Warum einer Vorschrift oder Vorgehensweise abgeschmettert wird. Sie sind der Schutzwall gegen jeglichen Veränderungsversuch.

Solche Organisationen verlieren auf Dauer ihre Veränderungsfähigkeit und damit die Fähigkeit, sich zu weiterzuentwickeln und besser zu werden, denn das ist nur möglich, wenn Kritik erlaubt ist. Andernfalls werden Fehler unter den Teppich gekehrt, gefährliche Schwachstellen bleiben unerkannt, Anpassung und Opportunismus machen sich breit und werden unter dem entsprechenden sozialen Druck zur Alltagsgewohnheit, d.h. zu unbewusst gesteuertem Verhalten. Das kann schwerwiegende Folgen haben – von materiellen Schäden bis hin zu menschlichen Katastrophen.

Anschauliche Beispiele hierfür zeigen die Ergebnisse verschiedener Studien aus der noch jungen Disziplin der Gewohnheitsforschung. Charles Duhigg, Wirtschaftsredakteur der New York Times und investigativer Journalist, hat viele davon, basierend auf Erkenntnissen der Hirnforschung und Verhaltenspsychologie, in einem lesenswerten Buch mit dem Titel „The Power of Habit“ zusammengetragen.

 

Freiraum für Neues

Damit kein Missverständnis aufkommt: Gewohnheiten sind grundsätzlich eine sehr gute Sache, wenn sie sich auf die richtigen Handlungen beziehen. Sie entlasten das Gehirn. Was einem kleinen Kind noch höchste Aufmerksamkeit und Anstrengung abverlangt wie beispielsweise das Gehen oder das Essen mit Messer und Gabel, läuft automatisch, sobald es eingeübt worden ist. Wir brauchen uns keine Gedanken mehr darüber zu machen. Das gilt auch für alles was man später im Leben neu anfängt und lernt – vom Spielen eines Instruments bis hin zum Fahren eines Autos. Alles was man über einen ausreichend langen Zeitraum hinweg intensiv einübt und praktiziert, wird zur Routine. Der Weg dahin ist manchmal schwer, doch sobald uns etwas „in Fleisch und Blut“ übergegangen ist, wie es heißt, braucht unser Gehirn sich hierbei nicht mehr so anzustrengen. Das spart Kraft, die wir dann frei haben, um andere, kreative oder schwierige Aufgaben zu meistern.

Es geht also lediglich darum, die richtigen Gewohnheiten zu entwickeln und zu pflegen, und bei Bedarf falsche oder schlechte Gewohnheiten abzulegen oder gegebenenfalls durch gute oder bessere zu ersetzen. Klingt einfach. Doch wer schon einmal versucht hat, sich etwas, das offensichtlich ungesund ist, abzugewöhnen und/oder sich stattdessen etwas Gesundes anzugewöhnen, weiß, dass das leichter gesagt als getan ist. Winston Churchill löste das Problem einst für sich, indem er seine ungesunden Gewohnheiten einfach zum persönlichen Lebensstil erklärte. Das war seine bewusste Entscheidung.

 

Es geht auch anders

Gewohnheiten lassen sich ändern, unter Umständen sogar von einem Tag auf den anderen, wenn man erst einmal verstanden hat, wie sie funktionieren und wenn es einen ausreichend starken Anreiz dafür gibt. Individuell kann der Anreiz durch ein Aha-Erlebnis, eine ganz neue Erkenntnis oder Einsicht zustande kommen, verbunden mit dem Ehrgeiz, sich selbst  – und manchmal auch anderen – zu beweisen, dass es auch anders geht. In anderen Fällen ist es die Konfrontation mit einer medizinischen Diagnose oder der Wunsch eines Menschen, den man sehr liebt oder respektiert.

Manchmal erzwingen gesellschaftliche Ereignisse, wirtschaftliche oder politische Krisen, schlimmstenfalls sogar Naturkatastrophen oder Kriege einen Verzicht auf bisher Gewohntes. Dann ist nichts mehr wie es einmal war – eine existenzielle Herausforderung. Die pandemische Ausbreitung des Coronavirus ist eine solche Herausforderung. Sie hat zu Einschränkungen geführt wie es sie hierzulande seit mehr als siebzig Jahren nicht gab, mit gravierenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt auch psychologischen Folgen.

Es geht auch anders

Diese negativen Folgen sind ernst zu nehmen. Insbesondere mit Blick auf ihre langfristige Wirkung und die Schwachstellen in unserem Land, die es zwar schon lange zuvor gab, die durch die Krise aber so offensichtlich wurden, dass sie nicht mehr übersehen werden können. Dazu gehört zum Beispiel der aufgeblähte Bürokratismus, der schnelles und flexibles Handeln erschwert, manchmal sogar unmöglich macht.

Dass es auch anders geht, zeigt der Blick in andere Länder. Nun muss das, was woanders gut funktioniert nicht auch hier funktionieren. Etwas einfach nur nachzumachen, führt nicht unbedingt zur Lösung im eigenen Land. Aber der Blick über den vielzitierten Tellerrand bringt Anregungen und Ideen. Dann kann man sehen, ob man beim Gewohnten bleibt oder doch auch mal den einen oder anderen neuen Weg einschlägt. Individuell hat das ja ohnehin sehr gut geklappt. So manche aus der Not geborene Einschränkung setzte menschlichen Einfallsreichtum in Gang und erstaunliche Kreativität frei.

Manches geht auch anders und besser als gedacht. Vieles wird sich nach Abklingen der Pandemie wieder „normalisieren“. Ob dies eine unreflektierte Rückkehr zur früheren Normalität sein wird oder eine andere, neue Normalität mit neuen Gewohnheiten? So bitter die Erfahrungen für den einen oder anderen auch gewesen sein mögen oder immer noch sind – in ihnen liegt auch eine echte Chance: manches zu überdenken und zukünftig anders und zwar besser zu machen. Dann gewinnen wir nicht nur die Freiheit, Gewohntes endlich wieder tun zu können zurück. Wir haben dann auch die Freiheit, uns bewusst klarzumachen und zu entscheiden, welches Gewohnte uns so wichtig und wertvoll ist, dass wir es beibehalten wollen und was wir hinter uns lassen wollen. Im Bild vom Reiter und dem Elefanten gesprochen ist es ist ein kurzer Moment, in dem der Elefant schläfrig ist, der Reiter aber hellwach und aufmerksam, so dass er den Elefanten auf den Weg bringen kann, den er nehmen will.

Entspannte Begegnungen und herzliche Umarmungen mit Freunden oder der Familie, Feiern jeglicher Art, der Besuch von Kino, Theater, Konzerten, Restaurants oder Sportveranstaltungen und nicht zuletzt der Besuch von Kita, Schule oder Universität für alle Kinder und Jugendlichen – daran dürfen wir uns gerne wieder gewöhnen. Wir werden diese Normalität dann aber vielleicht in ihrem Wert mehr zu schätzen wissen als früher. Nichts ist selbstverständlich heißt die Lektion.

Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft die Chance, aus den Erfahrungen des letzten Jahres das Richtige zu lernen, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Denn kollektive Chancen dieser Art gibt es nicht oft.

Wie groß mittlerweile die Sympathie auf der Erde für dieses Gerät ist, zeigt sich nicht nur daran, dass seine runden Geburtstage regelrecht gefeiert werden – der dreißigste vor fast genau einem Jahr. Es zeigt sich auch daran, dass – anders als beispielsweise beim Large Hadron Collider des CERN in Genf – die Milliarden, die sein Bau, seine Ausstattung, deren gelegentliche Updates sowie der Betrieb bisher gekostet haben, nicht ernsthaft kritisiert werden. Das ist ungewöhnlich.

Das war auch nicht vom ersten Tag an so. Da hatte dieses Teleskop ja noch nicht gezeigt, was es tatsächlich kann. Richtig laut wurde die anfängliche Kritik, als sich kurz nach Hubble´s Start im April 1990 zeigte, dass die Bilder, die es zur Erde schickte, unscharf und damit unbrauchbar waren. Selbst Teleskope, die auf der Erde stationiert waren, konnten bessere Aufnahmen liefern. Zur Kritik an den Kosten kamen Spott und Hohn hinzu. Das hätte Hubble´s frühes Ende sein können.

War es aber nicht. Jeder verdient eine zweite Chance, heißt es. Hubble bekam sie. Schließlich war es ein vor dem Start unentdeckt gebliebener menschlicher Fehler bei der Herstellung Spiegels, der verantwortlich war für die schlechte Qualität der Bilder. Er war falsch geschliffen worden. Damit das „Projekt Hubble“ nicht bevor es überhaupt richtig losging zum grandiosen Milliardenflop wird, wurde 1993 eine Mission ins All geschickt. Zwei Astronauten mit großem Mut korrigierten 550 Kilometer hoch über der Erdatmosphäre den Fehler. Sofort lieferte das Teleskop atemberaubende Bilder von Sternenhaufen, Gasnebeln und Galaxien, aber auch von den Objekten in unserem Sonnensystem. Auf die hohen Kosten angesprochen, antwortete Hubble-Veteran Mario Livio einmal: „Na ja, es hat uns das Universum gegeben – dafür ist es sehr billig.“1 So wurde Hubble zu unserem Auge im All.

Dieses Auge machte für uns sichtbar, was mathematisch zwar längst berechnet, aber bis dahin abstrakt und unvorstellbar geblieben war. So offenbart sich uns die unglaubliche Schönheit des Universums in einzelnen fantastischen Gebilden wie dem „Adlernebel“, den „Drei Säulen der Schöpfung“ oder den faszinierenden Formen verschiedenster Galaxien – von Spiralgalaxien bis hin zu  Sombrerogalaxien. Das berührt und begeistert uns. Menschliche Gefühle werden nicht durch mathematische Formeln oder Gleichungen ausgelöst, sondern durch Sinneswahrnehmungen und Erlebnisse. Hubble lieferte uns Bilderlebnisse wie kein anderer und tut dies nach wie vor. Bilder, die Gefühle des Glücks, des Erstaunens, des Befremdens und auch der Ehrfurcht in uns auslösen. Wir sind einfach hingerissen von dem was wir da sehen und können gar nicht genug davon bekommen. Das dürfte wohl einer, wenn nicht gar der wichtigste Grund für die Liebe sein, die so viele Menschen zu dieser fliegenden „Konservendose“ von der Größe eines Schulbusses entwickelt haben.

Über die Bilder, die inzwischen fast jeder Mensch auf dieser Welt kennt, hinaus eröffnen sich uns durch Hubble´s Auge aber auch Einblicke in weit entlegene Regionen unseres Universums wie dem „Ultra Deep Field“. Damit liefert es uns ein einzigartiges fotografisches Geschichtsbuch über die Entstehung und Expansion des Universums.  Denn „weit weg“ heißt im Universum immer auch „lange her“.

Seit 2009 mit einer ganz neuen Kamera – der „Wide Field Camera 3“ – ausgestattet,  kann Hubble sogar jenseits des sichtbaren Lichts im Infrarot des „Ultra Deep Field“ Galaxien fotografieren, die kurz nach der Entstehung unseres Universums vor rund 13,7 Milliarden Jahren entstanden sind – gerade mal 700 Millionen Jahre nach dem sogenannten Big Bang. Das ist sensationell. Hubble lässt uns fast bis in den Beginn unseres Universums hineinschauen und zugleich dessen Expansion über die Milliarden und Millionen von Jahren hinweg nachverfolgen. Da kann einem schwindelig werden. Wer sich das gerne anschaulich erklären lassen möchte, dem sei das großartige 30minütige Video Hubble´s Universe Unfiltered: Deep Universe empfohlen, das auch für Einsteiger gut geeignet ist, sofern sie Englisch können.

Dass OUBEY bereits im Jahr 1986, fünfundzwanzig Jahre bevor Hubble mit seiner neuen Kamera in die Anfänge unseres Universums blicken konnte, diesen Blick so klar vor seinem geistigen Auge hatte, dass er das, was er sah in seinem Bild Einsteins Tränen künstlerisch festhalten konnte, ist kaum zu glauben. Doch die Astronomin Dr. Cecilia Scorza vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg stellte mit Erstaunen und Bewunderung genau das fest, als sie diesem Bild im Februar 2010 begegnete. Sie erklärte anhand von OUBEYs Bild, was uns heute anhand von Hubble´s Aufnahmen aus dem Ultra Deep Field erklärt werden kann. Das Video von dieser Begegnung ist wirklich sehenswert.

Irgendwann wird Hubble´s Zeit zu Ende sein. Die Entwicklung eines Nachfolgers ist bereits weit vorangeschritten: Das James-Webb-Teleskop wird als Infrarot Teleskop mit einem Spiegeldurchmesser von 6,5 Metern perfekt geeignet sein, um in die ältesten Regionen des Universums hineinzuschauen. Bis dahin wird Hubble weiterhin aus großem Abstand jeden Tag fünfzehn Mal die Erde umrunden und uns immer neue Bilder und Erkenntnisse liefern, bevor es eines Tages aus dem All zurückkehrt, um im Pazifik zu landen.

„Ich hoffe, wir wissen lange genug vorher, wann und wo Hubble im Südpazifik niedergehen wird. Dann können wir alle, die so lange mit Hubble gearbeitet haben, ein Kreuzfahrtschiff chartern und beim Ende zusehen. Das wird traurig sein und wir werden weinen. Aber zugleich wäre da diese Freude über die viele wunderbare Wissenschaft, die uns Hubble in all den Jahrzehnten beschert hat“, sagt Heide Hammel, Voyager-Projektwissenschaftlerin, die mit Hubble zusammen derzeit noch Jahr für Jahr die Atmosphären der Gasplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun beobachtet1. Das klingt nicht nach der Außerbetriebnahme einer Maschine. Es klingt nach dem Abschied von einem guten Freund.

 

 

1Zitiert nach der Sendung „Das mit den Sternen tanzt“ im DLF Kulturkanal am 9.4.2020

Mehr über Hubble und seine Geschichte:  Hubble-Weltraumteleskop – Wikipedia

 

 

 

Wie nahezu alle Werke von Anselm Kiefer ruft sein „Palmsonntag“ eine lange Kette von Assoziationen in mir hervor. In diesem Fall sind es gedankliche Brückenschläge, die bis in meine Kindheit zurückreichen. Es ist die Verbindung zwischen der materiellen Qualität der Installation und ihrem bedeutsamen Titel, die diese Brücke schlägt zwischen dem, was ich vor einer lang vergangenen Zeit als Kind empfand, dem was sich seither in mir entwickelte und dem was heute daraus entstanden ist. Die Zeitebenen verschwimmen wie in einem Fluss. Ich gehe über die Brücke.

Vor mehr als zehn Jahren begegnete ich diesem monumentalen Werk zum ersten Mal, eher zufällig, in der Gagosian Gallery in New York. Das waren die Jahre, als ich wegen der Arbeit am MINDKISS Buch sehr oft in New York war. Ein Spaziergang durch die Galerien in Chelsea gehörte immer wieder dazu. Zur zweiten Begegnung kam es erst vor kurzem, als ich nach monatelangem Lockdown die Anselm Kiefer Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim besuchte. Auch diese Begegnung kam für mich unerwartet, denn ich hatte mich vorab nicht darüber informiert, welche Werke dort gezeigt werden.

Da lag sie nun ein zweites Mal vor mir, diese Skulptur, die irgendwann einmal eine lebendige Palme war. Ihre riesigen, scharfspitzigen Wedel mit zementartigem Staub bedeckt, ihr Stamm von Sandsteinen gestützt, ihr gewaltiger roter Wurzelballen in Form gebracht. Und ich lasse in meinem Kopf alles frei durcheinander fließen, was dieser Anblick einerseits und das Wort Palmsonntag andererseits in mir auslöst.

Erst einmal sehe ich einfach nur diese monströse, längst verstorbene Pflanze vor mir liegen. Sie war mal ein Wunderwerk der Natur, dessen Art seit 70 Millionen Jahren auf diesem Planeten existiert. Selbst unter widrigsten Bedingungen kann sie leben und überleben, bis heute. So wie sie hier entwurzelt vor mir liegt, macht mich ihr Anblick im ersten Moment traurig. Und doch ist selbst dieses tote Exemplar noch immer imposant, voller Kraft und Geist.

„Ich halte mich selbst nicht für einen Platoniker, aber ich glaube, dass der Geist in der Materie steckt und dass es die Aufgabe des Künstlers ist, ihn zu extrahieren“, sagte Anselm Kiefer einmal. Ich denke an OUBEY und unser Gespräch im Jahr 1992, als er über Joseph Beuys sprach und meinte, dass dessen untrügliches Materialgefühl zu der Fähigkeit führte, aus der Materie heraus einen Geist spürbar werden zu lassen.

Dann folgt in meinem Kopf ein Resümee individuell verinnerlichter Kulturgeschichte im Zeitraffer: „Palmsonntag“ – der Tag des großen „Hosianna“. Auf die Jubelfeier für den neuen König in den Straßen von Jerusalem folgt der Verrat an die machthabende Obrigkeit, dann die Festnahme und Verurteilung, für die der Verantwortliche seine Hände in Unschuld wäscht, und schließlich der brutale Tod am Kreuz. Doch der Tod ist nicht das Ende. Das ist die Botschaft. Der Tod ist nicht das Ende des Lebens. Der Tod wird überwunden durch die Auferstehung. Was für eine Geschichte. Sie bejubeln dich, sie verleugnen dich, sie verurteilen dich, sie kreuzigen dich. Doch du überwindest selbst den Tod. Seit diese Geschichte erzählt wird, enthält jeder „Palmsonntag“ in sich die Prophezeiung dieser Geschichte. Sie erschreckt, aber sie ermutigt auch.

Doch es bleibt ein Misstrauen in die Wankelmütigkeit der Gefühle und Launen der Menschen, insbesondere wenn sie in Massen auftreten. Sie begeistern sich heute und verleugnen morgen genau das, wofür sie sich gestern noch begeistert haben. Kaum zu glauben, dass es selbst heute noch eine inoffizielle Diskussion zwischen zwei Weltreligionen über die Schuldfrage in dieser Geschichte gibt. Wie kann man nur die Eschatologie einer solchen Geschichte durch die Diskussion über irgendeinen Schuldigen in Frage stellen?

Das ist vielleicht das Drama aller theistischen Religionen, dass sie zwar bis heute geglaubt werden, aber dennoch niemals wirklich in der heutigen Welt angekommen sind. Sie sind zu Abziehbildern einer Idee geworden. Versuchen nicht einmal, sich selbst zu verstehen oder gar einzuordnen in ein sich entwickelndes Bild von der Welt. Sie halten ihre zum Teil obskuren, aber gut erzählten Geschichten, die sie seit so langer Zeit erzählen, immer noch unverändert aufrecht und für wahr. Täten sie es nicht, wären sie vermutlich verloren.

Diese subjektiv-assoziative Folge von Gedanken entbehrt jeder kunsthistorischen Expertise. Anselm Kiefer bin ich dankbar für sein großartiges und einzigartiges Lebenswerk und hoffe, dass es auch in der Zukunft viele Menschen erreicht und ihnen ermöglicht, einen bisher unerkannten oder verdrängten Teil von sich selbst zu erkennen. Denn genau dafür schaffen und brauchen wir Menschen Kunst: Nicht um die Kunst zu verstehen, sondern um uns selbst und das Universum, in dem wir leben, wenigstens ein bisschen besser zu verstehen.

Unser Verständnis von der Welt bildet sich im Laufe unseres Lebens heraus. Es beginnt nicht mit visuellen, sondern mit akustischen Eindrücken von dieser Welt als Außenwelt. Denn das erste was wir von ihr wahrnehmen sind die Geräusche, Klänge und Stimmen unserer Umgebung, die wir – noch nicht einmal geboren – ab einem bestimmten Entwicklungsstand unseres Gehörs im Mutterleib realisieren und an unser Gehirn weiterleiten.

Diese Außenwelt erweitert sich zusehends mit jedem Tag, jedem Monat und jedem Jahr unseres Lebens. Doch sie bleibt immer eine Außenwelt. Mit ihr befinden wir uns im permanenten Austausch solange wir leben. So wie wir uns selbst entwickeln, entwickelt sich auch unser Bild von der Welt. Es verändert und erweitert sich – je nachdem was wir tun, erleben und womit wir uns beschäftigen. Die Lebenszeit, in der sich das Ganze abspielt, ist die Zeit, die wir im Wachzustand verbringen. So jedenfalls meinen wir. Und das, was wir im Wachzustand wahrnehmen und erleben, halten wir für die Welt. Wir unterstellen eine Kongruenz zwischen dem, wie wir die Welt sehen (wollen) und der Welt an sich. Basierend auf unserer sinnlichen Wahrnehmung während wir wach sind.

Doch in dieser Zeit des Wachseins entsteht ja nur ein Teil unseres Bilds von der Welt. Der Teil, dessen wir uns  – mehr oder weniger – bewusst sind. Es gibt aber auch ein unbewusstes Bild von der Welt, von uns selbst und von dem, was wir Leben nennen. Es entsteht sowohl in der Lebenszeit, in der wir wach sind als auch in der Lebenszeit, die wir schlafend verbringen. Das sind im Durchschnitt 6-8 Stunden pro Tag. Rund ein Drittel unseres Lebens verbringen wir also im Schlaf. Ein Mensch, der 60 Jahre alt ist, hat demnach 20 Jahre seines Lebens „verschlafen“. Hat er in diesen 20 Jahren etwa nicht gelebt? „Sleep is like a temporary death“ singt Bob Dylan.

Der Schlaf ist ein Zustand der Ohnmacht. Er kommt über uns. Wir können unseren Körper zwar eine Zeit lang wachhalten, auch wenn wir müde sind. Doch irgendwann übermannt uns der Schlaf dann doch und versetzt uns in diesen Zustand der Ohnmacht – ob wir es wollen oder nicht. Dabei leben wir natürlich nach wie vor, denn unser Gehirn bleibt wach. Es hält nicht nur alle Körperfunktionen aufrecht, es organisiert sogar deren Regeneration. Und es erschafft neue Welten.

Es bereitet das auf, was wir jemals gesehen, erlebt, gefühlt oder gedacht haben als wir wach waren. Und keineswegs nur das. Assoziationen, die wir bereits im Wachzustand immer wieder mal spontan als erstaunliche Verknüpfung unabhängig voneinander entstandener Gedanken oder Erlebnisse kennen, kann unser Gehirn während wir schlafen in wildeste Verknüpfungen hineintreiben; unkontrollierbare Fantasien, die ebenso beglückend wie bedrückend auf unseren nächsten Wachzustand zurückwirken können, unabhängig davon ob wir uns nach dem Aufwachen an das im Schlaf Erlebte erinnern können oder nicht. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“ singt Andre Heller. Das klingt als wäre unsere Innenwelt die eigentliche, wirkliche, wahre Welt, der die Außenwelt lediglich als inspirierende Folie dient.

Im Schlaf erleben wir die Welt noch einmal auf ganz neue Weise. In dieser Innenwelt sind die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben. Wild und frei werden da ganze Zeitalter übersprungen, surreale Bilder und Ereignisse mit realen Personen oder Ereignissen verknüpft. Wenn wir aufwachen, können wir uns – wenn überhaupt – meist nur an Fragmente erinnern. Traumfetzen, die uns aber ahnen lassen, wie wach und aktiv unser Gehirn war, während wir schliefen.

Auch das, woran wir uns nicht bewusst erinnern können, wirkt mit an der Entwicklung unseres Bildes von der Welt und ist damit zugleich Teil der Welt, in der wir leben. Nichts wird je wirklich vergessen. Dass wir uns nicht erinnern können, heißt nicht, dass etwas vergessen ist. Nie werde ich den Kommentar eines zehnjährigen Mädchens vergessen, das beim Anblick eines von OUBEY s Bildern spontan ausrief, dieses Bild „erinnere sie an nie Gesehenes“. Vielleicht hatte sie Ähnliches doch schon einmal gesehen – im Schlaf?

Das Drittel unseres Lebens, das wir im Schlaf verbringen, ist jedenfalls ebenso Teil unseres Lebens wie die zwei Drittel, die wir wach erleben. Dass uns das zumeist nicht bewusst ist, ändert nichts daran, dass es so ist. Und ich möchte hier die These wagen, dass Menschen, die fähig sind, das zu schaffen, was Kunst genannt wird, eine besonders intensive und enge Verbindung nicht nur zu der Außenwelt entwickeln, die sie bewusst erleben. Sondern auch zu dem, was sie unbewusst erleben – wenn sie wach sind und ebenso wenn sie schlafen und träumen, schreckliche Albträume ebenso inbegriffen wie frei fliegende Tagträume.

Kleinkinder lernen spielend. Dabei geht es mehr um Spaß und originäre Glücksgefühle als ums Gewinnen, wenngleich diese Glücksgefühle nicht selten durch kleine oder größere Erfolgserlebnisse ausgelöst werden. In der Schule trennt sich das Lernen meist sehr bald von der spielerischen Lust.

Die Lust am Spiel

Umso größer die Lust am expliziten Spiel. Neben den altbekannten und scheinbar zeitlosen Brett-, Würfel- und Kartenspielen erscheinen Jahr für Jahr neue Gesellschaftsspiele, von denen die besten sogar mit Preisen ausgezeichnet werden. Dabei geht es oft um kreative Wortschöpfungen, Wissens- und Quizfragen oder um gemeinsam zu findende Lösungen für ein kniffliges Problem oder eine ganz große Herausforderung. Nahezu immer geht es am Ende aber ums Gewinnen, was bedeutet, dass es andererseits immer auch ums Verlieren geht.

Spaß oder Ernst

Deshalb lernt man beim Spielen Charakterzüge von Menschen kennen, die sonst oft nicht so klar hervortreten. Dabei geht es den meisten beim Spielen vor allem um eins: den Spaß. Spielen ist für sie ein schöner gemeinschaftlicher Zeitvertreib. Sie freuen sich, wenn sie gewinnen, können aber auch verlieren ohne die Laune zu verlieren. Das Leben ist schließlich ernst genug. Bei anderen hört der Spaß am Spiel auf, sobald ein anderer gewinnt oder auch nur besser abschneidet als sie selbst. Da wird das Spiel zum Ernst. Dieser „Mensch ärgert sich“ doch.

Das Ego spielt mit

Ob jemand verlieren kann oder nicht, ist nicht Teil einer genetischen Veranlagung, sondern eine Frage der Haltung. Die Vorstellung, dass ein Gewinner dem Verlierer generell überlegen ist, wird zur Haltung, wenn es einem Menschen an Erfahrungen mangelt, die das Gegenteil beweisen. Mit der Konsequenz, dass das Ego nicht verlieren kann, weil es sich selbst dann unterlegen fühlt und deshalb  gekränkt ist. Gewinnt ein solches Ego gegen ein Ego, das ihm ähnlich ist, ist die Freude über den Sieg meist besonders groß. Beide spielen dasselbe Spiel mit demselben Ernst.

Akzeptieren zu können, dass der andere einfach besser war oder mehr Glück hatte als man selbst, setzt Selbstbewusstsein voraus. Es ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt gespielt werden kann. Denn schon im nächsten Spiel kann es genau umgekehrt laufen.

Wettbewerb als Fest

Insofern ist das Spielen eine gute Schule fürs Leben, von dem manche sagen, es sei selbst ein großes Spiel. Nicht jeder kann oder will das so sehen. Und doch gibt es Parallelen. Zum Beispiel dann, wenn das Spielen seine Fortsetzung im sportlichen Wettbewerb findet. Von „Olympischen Spielen“ heißt es für viele Athleten trotz Kommerzialisierung bis heute noch immer „Dabeisein ist Alles“. Jeder von ihnen hat in nationalen Meisterschaften seine Qualifikation zur Teilnahme durch eine herausragende Leistung erworben. Und zugleich weiß jeder, dass am Ende in jeder Disziplin immer nur drei eine Medaille mit nach Hause nehmen werden. Nur wenige werden gewinnen, ganz viele werden nicht gewinnen. Sind sie alle Verlierer? Für mich zumindest sind sie es nicht. Denn nur weil alle mitmachen, wird das Ganze zu einem großen Fest.

Auch Verlierer können Gewinner sein

Das ist die Idee, die bis heute viele Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Sportler genauso wie Zuschauer. Auch der allerletzte Marathonläufer, der das Stadion erreicht, wird gefeiert. Und er belohnt sich mit dieser Leistung und diesem einzigartigen Erlebnis, es geschafft zu haben, selbst. Er weiß, dass er niemals hätte gewinnen können. Aber er weiß auch, dass er stolz auf sich selbst sein kann. Denn das ist genauso viel wert wie ein Sieg. Es ist eine Frage der realistischen Sicht auf die Dinge, ob man mit einer Niederlage konstruktiv umgehen kann. Enttäuschung inbegriffen.

Kein Spiel ohne Regeln

Jedes Spiel folgt eigenen Regeln. Sie muss man kennen und einhalten, wenn man mitspielen will. Wer sich nicht an die Regeln hält, spielt falsch. Was im Gesellschaftsspiel eventuell noch als Mogeln durchgehen kann, ist im gesellschaftlichen wie im sportlichen Wettbewerb nichts anderes als Betrug. Im beruflichen und politischen Wettbewerb sind es Intrigen, im Leistungssport ist es vor allem das Doping, durch das sich Einzelne betrügerisch Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten verschaffen. Im Fußball wurden auch schon ganze Spiele, ja sogar Schiedsrichter gekauft. Wer mit fairen Mitteln nicht gewinnen kann, verdient nicht den Sieg.

Doch selbst wenn ein Schiedsrichter unabhängig und so objektiv wie möglich urteilt, kann er eine Fehlentscheidung treffen. Wenn das passiert, ist die Niederlage nicht nur hart, sondern ungerecht und bitter.

 Messbarkeit hilft

Im Hochsprung ist die Latte der objektive und unbestechliche Schiedsrichter. Sie wird entweder gerissen oder sie bleibt liegen und dann misst sie unzweifelhaft die Höhe des Sprungs. Beim Dartspiel trifft der Pfeil ins richtige Feld, beim Billardspiel trifft die Kugel ins Loch. Im Laufwettbewerb wurde die Ungenauigkeit des menschlichen Sehvermögens bereits vor langer Zeit durch Zielfotos aus mehreren Perspektiven ersetzt, im Fußball gibt es mittlerweile im Zweifelsfall den Videobeweis und im Tennis das Hawk Eye. Korrekte Messungen schaffen Klarheit. Das macht das Verlieren nicht unbedingt leichter. Aber es hilft dem Verlierer zumindest, das Ergebnis zu akzeptieren. Denn meist geht es ja nur um ein paar hundertstel Sekunden oder um einen Zentimeter. Oft aber geht es auch um viel Geld.

Vertrauen entscheidet

Auch in demokratischen Gesellschaften spielt das Vertrauen in die Messung, d.h. in die korrekte Auszählung der Stimmen eine wichtige Rolle. Die Akzeptanz der Wahlergebnisse ist Voraussetzung dafür, dass friedliche Machtwechsel stattfinden können. Die Frage der politischen Herrschaft wird nicht über Erbfolge oder Usurpation geregelt, sondern über das Votum der emanzipierten Staatsbürger. Eine wertvolle Errungenschaft unserer jüngeren Geschichte. Sie beruht auf der Stimmabgabe der Wahlberechtigten einerseits und ihrem Vertrauen in die Korrektheit der Auszählung aller Wählerstimmen andererseits. Zu diesem Konzept des friedlichen Machtwechsels gehört, dass es Gewinner und Verlierer gibt – auf Zeit.

Gewinner auf Zeit

In einer demokratischen Wahl zu verlieren, tut besonders weh. Denn hier geht es um die freie Entscheidung von Menschen für den einen oder anderen Kandidaten – sei es die der Menschen innerhalb einer Partei oder die der Wähler im ganzen Land. Verschiedene Personen und Parteien stehen im Vergleich miteinander zur Wahl. Manchmal gewinnt eine Partei oder Person die absolute Mehrheit. Wenn nicht, dann müssen Koalitionen gebildet und Kompromisse geschlossen werden. Das ist anstrengend, aber gut so. Denn der Gewinner dieses „Spiels“ ist am Ende die Demokratie. Sie ist, wie Sir Winston Churchill zitiert wird, die „schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

Unsere frühen Vorfahren lebten mit dem Wechsel von Tag und Nacht, im Wechsel der Tag- und Nachtgleichen. Sie orientierten sich am Stand von Sonne, Mond und Sternen und entwickelten so ein Gefühl für den Rhythmus des Lebens. Das, was erst zigtausende Jahre später als Zeit bezeichnet wird und noch viel später erst zu dem wird, was wir heute  darunter verstehen als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, kannten sie nicht: Messbare Zeit, die zum zentralen Taktschläger menschlichen Lebens geworden ist.

Der Bericht von Katie Weeman über ihre dreiwöchige Erfahrung vollkommener Zeitlosigkeit während der Polarstern Expedition im arktischen Winter am Nordpol hat mein Nachdenken über das, was wir Zeit nennen, neu entfacht. Am Nordpol gibt es keinen Anhaltspunkt für das, was wir unter Zeit verstehen. Der Nordpol hat kein Festland, besteht nur aus Wasser und alle Zeitzonen dieser Welt verschmelzen dort zu einer, und das heißt in diesem Fall zu keiner. Es gibt nichts, woran die menschliche Wahrnehmung  das Vergehen von Zeit festmachen könnte. Es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, denn es gibt keinen Sonnenaufgang und keinen Sonnenuntergang. Es ist immer dunkel. Alles ist immer gleich. Ein Dasein ohne Struktur. Eine Extremerfahrung der Abwesenheit von Zeit, die uns wieder einmal zu der Frage führt was Zeit überhaupt ist – gerade weil sie mit der Lebenswirklichkeit in unseren Breitengraden nichts zu tun hat.

Diese chronometrische Lebenswirklichkeit ist vergleichsweise jung. Noch bis zum 14. Jahrhundert wurde eine Stunde als der Zeitraum verstanden, der 1/12tel dessen beträgt, was zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang liegt. Eine Stunde war also etwas, was sich über den Verlauf eines Jahres und der verschiedenen Jahreszeiten hinweg kontinuierlich veränderte. Im Sommer waren die Stunden lang, im Winter waren sie kurz. Es gab noch keine rechnerische Basis, die jede Stunde einer anderen gleichstellte – egal zu welcher Zeit des Jahres sie stattfand.

Die Minute existierte im Zeitverständnis des Menschen zu dieser Zeit noch gar nicht. Erst mit der Erfindung der mechanischen Uhren beginnt die Art von Zeitmessung, die unser heutiges Leben bestimmt, in dem wir uns gelegentlich aufregen, wenn ein Zug ein paar Minuten Verspätung hat und wir deshalb möglicherweise den Anschlusszug für eine Weiterreise an einem Umsteigebahnhof verpassen.

Ganz zu schweigen von der Sekunde. Sie kam erst weitere 300 Jahre später dazu. Seither ist die exakte Genauigkeit der Zeitmessung sogar bis in Hundertstel von Sekunden hinein für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Diese Selbstverständlichkeit gehört neben vielen anderen wissenschaftlichen Berechnungen zu den Voraussetzungen dafür, dass wir auf den Mond fliegen und auch von dort wieder zurückkehren können. Insofern scheint es sich bei der messbaren Zeit um etwas Absolutes zu handeln, was allerdings von Einstein bereits vor mehr als 100 Jahren widerlegt wurde.

Verlassen wir gedanklich einmal wenigsten kurz den scheinbar sicheren Boden unseres chronologischen Verständnisses der messbaren Zeit und begeben uns hinein ins weniger gesicherte Gelände des subjektiven Zeiterlebens, das keine Sekunden, Minuten, Stunden oder Wochen kennt, sondern glückliche Momente, günstige Augenblicke, intensive Erlebnisse, kritische Situationen, prägende Erfahrungen – Erinnerungen ebenso wie Zukunftsvisionen. Eine Ebene, in der die Zeit sich nicht linear fortbewegt, wie es die Zeitmessung konstatiert, sondern sich vollkommen frei vorwärts und rückwärts im Denkraum unseres Gehirns bewegt, alles miteinander verknüpfen, ja sogar verschmelzen kann. Eine Ebene, in der die Zeit im Sinne eines regulatorischen Systems außer Kraft gesetzt wird.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und beziehen in diese Überlegungen die universelle Konstante der Lichtgeschwindigkeit ein, die uns Menschen vom physischen Erleben des Universums trennt, dann erwächst aus dieser Befreiung der Gedanken von den Fesseln der Zeit eine außerordentlich schöpferische Kraft. Denn die Konstante der Lichtgeschwindigkeit „behält uns in einer Art Quarantäne, deren Grenzen wir nur mit Hilfe der Phantasie überwinden können“, wie OUBEY es einmal formulierte als er seine Kunst des PhotonPainting als Reminiszenz an diesen Grenzcharakter bezeichnete. Das ist die wahre Freiheit der Kunst: Sie versetzt den, der sich ihr öffnet, in einen Zustand ebenso seltsamer wie wunderbarer Zeitlosigkeit. Wer würde je an Zeit denken, wenn er Debussy´s Suite bergamesque oder Beethovens Mondscheinsonate hört? Und es ist die wahre Freiheit der Liebe. Wer würde je an Zeit denken, wenn er etwas tut, was er liebt.

Doch wir werden in eine Welt der gemessenen Zeit hinein geboren. Die Minute unserer Geburt  wird ebenso bürokratisch festgehalten wie die unseres Todes. Alter wird in Jahren gemessen, nicht an der Reife des Geistes. Die Zeit legt ein gleiches Maß über alles. So hat alles scheinbar seine Ordnung. Unschwer vorstellbar das Chaos auf dieser Welt, wenn es einen Monat oder gar ein Jahr lang keine Uhren gäbe. Katie Weeman schreibt in ihrem Erfahrungsbericht vom Nordpol, in ihr sei der Eindruck aufgekommen, Zeit sei für uns nichts anderes als ein „Ritual mit dem Ziel, die Illusion einer Regularität zu erzeugen“.

Sie schreibt allerdings auch, wie froh sie darüber war, dass sie sich nach Beendigung ihres Aufenthalts am Nordpol darauf verlassen konnte, dass ihr Flugzeug nach Hause wie vereinbart tatsächlich losfliegen würde und das sogar zur angekündigten Zeit.

Ich könnte mir vorstellen, dass bei vielen der Wunsch nach Veränderung zum ersten Mal seit langem größer ist als der Wunsch, dass alles so bleiben möge wie ist. Das kann eine Chance sein.

 

Der Mensch verändert die Welt

Seit es Menschen auf diesem Planeten gibt, d.h. seit etwa 300.000 Jahren, haben sie damit begonnen, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Sie fanden heraus wie man Feuer macht. Sie erfanden Sprache und Schrift, das Rad – wohl eine der Erfindungen, die das Leben auf der Erde so gravierend verändert hat wie kaum etwas anderes – und irgendwann auch den Computer. Der Mensch ist ein neugieriges Wesen, das zwar seine Gewohnheiten liebt, aber ebenso auch die Verbesserung der Lebensbedingungen.

Seit rund 200 Jahren ist der Einfluss des Menschen in dieser Welt rasant gewachsen. Das hatte keineswegs nur negative Folgen, wie es manch einem heute erscheinen mag. Im Gegenteil. Dank medizinischer Entwicklungen wurden beispielsweise viele Krankheiten heilbar, andere wurden ausgerottet. Licht und Wärme sind nicht mehr von Tages- oder Jahreszeiten abhängig, sondern allzeit verfügbar. Zumindest in den westlichen Industriegesellschaften haben wir uns ein Leben in bis dahin nie gekanntem Wohlstand geschaffen, den viele selbstverständlich finden und deshalb schon gar nicht mehr zu schätzen wissen.

Ein Wohlstand, von dem unsere Ururahnen wohl geträumt hätten, wenn sie ihn sich überhaupt hätten vorstellen können und von dem auch selbst heute noch Menschen in anderen Teilen der Welt nur träumen können.

 

Alles ist möglich, aber nichts ist selbstverständlich

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens zum Schutz vor einem Virus haben dieses Jahr viele Sollbruchstellen in unserer Gesellschaft offengelegt, die jahrelang ignoriert wurden und die nach Veränderung verlangen. Und sie haben auch gezeigt, dass nichts von dem, woran wir uns gewöhnt haben, selbstverständlich ist. Dass alles sich von einem Tag auf den anderen komplett verändern kann.

Nirgendwo steht geschrieben, dass uns der Wohlstand, in dem wir leben, zusteht oder gar, dass er uns für immer garantiert ist. Es könnte sogar sein, dass diese Art des Wohlstands, der  im übrigen einen großen Teil der Erdbevölkerung ausschließt, etwas Selbstzerstörerisches in sich birgt, wenn er so fortbesteht. Vielleicht haben manche Erfahrungen dieses Jahres ihren Sinn darin, dass sich unser bisheriges Verständnis von dem, was wir Wohlstand nennen, in Frage stellt und verändert? Für mich liegt die Chance dieses Jahreswechsels darin, dass wir uns für 2021 nicht die schnellstmögliche Rückkehr zur alten Normalität wünschen, sondern eine neue, zukunftsfähige Version von Normalität. Im Rückblick auf den letzten Jahreswechsel wäre allein schon die Bereitschaft, einen solchen Wunsch überhaupt zuzulassen, ein Fortschritt.

 

Vom Wollen zum Tun

Vom Wünschen und Wollen über das Können zum Tun zu kommen, ist die Herausforderung einer jeden Veränderung – wie klein oder groß sie auch immer sein mag.

Egal ob es ein persönlicher Vorsatz ist wie der, dem eigenen Körper mehr Gutes zu tun, sich mehr zu bewegen, rauszugehen in den Wald oder anderswo zu laufen, um Muskeln, Organe und Immunkräfte zu stärken. Oder der, sich für Mitmenschen zu einzusetzen, die es nicht so leicht haben wie man selbst. Oder auch der, Zivilcourage zu zeigen, die Stimme zu erheben, wenn ich höre, dass etwas gesagt wird, oder einzuschreiten wenn ich sehe, dass etwas getan wird, was die Würde eines anderen Menschen verletzt.

Wer oder was hält mich davon ab, etwas zu tun, wenn ich es wirklich und ernsthaft tun will? „Für das Wollen gibt es nur einen Beweis – das Tun“, sagte ein kluger Mensch einmal. So ist es.

 

Mehr als ein Märchen

Zum Einschlafen erzählte mein Vater mir hin und wieder das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Das ist diese Geschichte von den vier alt gewordenen Tieren eines Bauernhofs, die für dessen Besitzer unrentabel geworden sind: dem Esel, dem Hund, der Katze und dem Hahn. Als sie mitbekommen, dass der Esel an den Schlachter verkauft werden soll, tun sie sich zusammen und sagen sich: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“.  „Gesagt – getan“ ist die Zauberformel der Geschichte an dieser Stelle, denn beherzt wie sie sind ergreifen sie gemeinsam die Flucht, bestehen einige Abenteuer und kommen schließlich in die Stadt, die ihnen später ein Denkmal setzen wird.

Na ja, ein Märchen, werden sie vielleicht sagen und außerdem vielleicht einwenden, dass es nicht immer klug ist, eine Idee oder Erkenntnis sofort und spontan in die Tat umzusetzen. Das stimmt. Entscheidungen von großer Tragweite müssen bedacht und überlegt werden, bevor man sie in die Tat umsetzt. Wie schwierig das sein kann, haben wir kollektiv im Jahr 2020 zur Genüge erlebt.

Am Ende kommt es aber doch darauf an was man tut, oft auch darauf, ob man es rechtzeitig tut. Manche Einsichten und guten Vorsätze, die man jahrelang in sich trägt, warten nur darauf, endlich in die Tat umgesetzt zu werden. Das wäre am Ende dieses Jahres doch ein guter Vorsatz: Dem „Gedacht“ im neuen Jahr nicht nur das „Gesagt“, sondern möglichst oft auch ein „Getan“ folgen zu lassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: das ist machbar. Und es tut gut. Denn manches, was man heute nicht getan hat, kann man morgen schon nicht mehr tun.

Welche Wege wurden bisher beschritten?

Die „Reflections of OUBEY“ eröffnen nun einen Weg, der sowohl auf Sprache als auch auf sonstige Hilfsmittel verzichtet. Denn Künstliche Intelligenz macht es möglich, selbst aus der minimalsten Mimik eines Menschen beim Betrachten eines Bildes die Gefühle zu „lesen“, die er hierbei empfindet. Das mag den einen oder anderen befremdlich anmuten, so wie manch anderes, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Was im Fall der „Reflections of OUBEY“ daraus entsteht, hat die Besucher der „Art of Resonance“ allerdings so neugierig gemacht und begeistert, dass sie zeitweise in einer langen Schlange geduldig darauf warteten, ihre eigenen Emotionen beim Betrachten eines Bilds von OUBEY kennenzulernen. Ähnlich war es bereits vier Wochen zuvor in Moskau, wo die „Reflections of OUBEY“ beim „Art&Science Festival“ ihre Generalprobe hatten.

Das war nicht nur die Lust am Entdecken der eigenen Emotionen, sondern auch die Neugier auf die Verknüpfung dieser eigenen Emotionen im Zusammenspiel der Resonanz mit Farben und Mustern aus verschiedenen Bildern von OUBEY. Das wirklich Interessante und Bleibende sind hier nicht die Emotionen, sondern es ist immer dieses neue, individuelle und einzigartige Bild, das aus der Verbindung eigener Emotionen mit fremder Kunst entstand – eine Emergenz aus OUBEYs Kunst und den Gefühlen eines Menschen beim Anblick dieser Kunst. Man könnte es ein emotionales OUBEY-Resonanzbild nennen.

Jede Farbe steht für eins der elementaren menschlichen Gefühle. Der Flächenanteil einer Farbe in den Mustern des Bildes steht für die Intensität dieser Emotion. Manche Besucher äußerten die Befürchtung, ihre Gefühle könnten zu negativ sein. Gerade für sie mag das Ergebnis am Ende eine wertvolle Erkenntnis gebracht haben: Egal welche Emotionen im Spiel sind – die Bilder, die aus dieser Resonanz entstehen, sind allesamt eine optische Sensation. Die künstlerische Transformation – wie die Kunst selbst auch – befreit den Betrachter des Ergebnisbildes von der etablierten Bewertung menschlicher Gefühle.

Ob ein Bild nun von leuchtendem Rot, strahlendem Gelb oder dunklem Schwarz-Blau dominiert wird, oder ob sich nahezu alle Farben darin mosaikartig abbilden, hat nichts mit der Qualität der Emotion zu tun, sondern nur noch mit der Ästhetik dieses Bildes. Deshalb machten auch viele Besucher von der Möglichkeit Gebrauch, sich ihr eigenes Bild ausdrucken zu lassen, um es mit nach Hause zu nehmen.

Der Code, durch den die registrierten Emotionen in Farben und Strukturen aus Bildern von OUBEY und damit in neue Bilder umgewandelt werden, sowie die gesamte Anwendung wurde von unseren großartigen Projektpartnern Juliana und Andrey Vrady entwickelt.

Denn es gibt keine friedliche Koexistenz und schon gar kein konstruktives Miteinander ohne gegenseitigen Respekt. Und das gilt nicht nur fürs menschliche Miteinander.

 

Respekt ist keine Einbahnstraße

Es gab eine Zeit, in der Respekt keine Frage der Gegenseitigkeit auf Augenhöhe war wie das heute der Fall ist oder zumindest sein sollte. Er galt in erster Linie den sogenannten Respektspersonen. Die autoritären Strukturen des deutschen Kaiserreichs beispielsweise erwarteten von den Untertanen Respekt gegenüber den Vertretern des Staates ohne sich selbst zum Respekt gegenüber den Untertanen verpflichtet zu sehen. Respekt war eine Frage der Hierarchie und hatte vor allem eine Richtung: er ging von unten nach oben. Respektspersonen widersprach man nicht. Man folgte ihren Anordnungen. Tat man es nicht, handelte man sich Ärger oder Schlimmeres ein. Dieses angstbestimmte Verständnis von Respekt hielt sich in Deutschland bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und ist in autoritären und totalitären Gesellschaften unserer Zeit noch immer zu finden.

In einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft, die auf den Grund- und Menschenrechten beruht und sie schützt, geht es um eine ganz andere Art von Respekt.

 

Respekt ist das Fundament der Zivilisation

Es geht um den zwischenmenschlichen Respekt – unabhängig von irgendwelchen Hierarchien. Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern sollte genauso von gegenseitigem Respekt bestimmt sein wie das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern und erst recht das zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Hautfarbe. Diese moderne Art des Respekts ist die Voraussetzung dafür, dass es Vielfalt gibt: Vielfalt der Meinungen und Lebensentwürfe, Vielfalt der Kulturen und politischen Anschauungen.

Diskussion und bei Bedarf auch Streit sind wichtig, damit Weiterentwicklung stattfinden kann. Das ist konstruktiv solange die Kontrahenten sich grundsätzlich respektieren. Man hört sich zu, widerspricht sich, denkt über die Argumente des anderen nach und wenn man sie nicht teilen kann oder will, ändert das nichts am gegenseitigen Respekt.

So wie ein Haus ohne solides Fundament einsturzgefährdet ist, sobald die Erde bebt oder ein Orkan durchs Land fegt, so ist insbesondere in schwierigen Zeiten und Krisen auch die Stabilität des zivilisierten Zusammenlebens in Gefahr, wenn der gegenseitige Respekt fehlt. In Zeiten wie diesen also.

 

Respekt hat kein Verfallsdatum

Respekt hat nichts mit spontanen Gefühlen oder gar Sympathie zu tun, sondern beruht auf einer grundlegenden und dauerhaften Haltung.

Sie erinnern sich an den Applaus, der Anfang dieses Jahres den Einsatz von Ärzten und Krankenschwestern von den Balkonen herunter und aus geöffneten Fenstern heraus würdigte? An die Spruchbänder an Autobahnbrücken, die den sonst so ungeliebten LKW-Fahrern Dank dafür aussprachen, dass sie weiterhin für Nachschub in den Supermärkten und Einkaufszentren sorgten? Es war ein kollektiver Schockmoment, ausgelöst durch die dramatischen Bilder von überfüllten Corona-Intensiv-Stationen und leergekauften Lebensmittelregalen, der die existenzielle Bedeutung der Arbeit dieser Menschen so drastisch ins öffentliche Bewusstsein brachte wie lange nicht. Der Applaus war Ausdruck eines spontanen Gefühls der Dankbarkeit. Sie zu zeigen war gut und richtig so. Nun ist der Applaus verstummt. Der Überschwang der Gefühle ist verflogen, die Notwendigkeit des Respekts ist geblieben.

 

Respekt hört nicht beim Menschen auf

Was manchem schon im zwischenmenschlichen Umgang schwer fallen mag, unterliegt geradezu einer kollektiven Ignoranz, wenn es um das Miteinander von Mensch und Natur geht. Wenn es um Respekt geht, dann gilt er selbstverständlich nicht nur unseresgleichen, sondern allem gegenüber was auf dieser Erde lebt Welt. Das klingt Ihnen zu pathetisch?

Für mich ist das keineswegs pathetisch, und man muss auch nicht einmal religiös sein, um zu dieser Einsicht zu kommen. Sie ist schlichtweg der Ausdruck eines klaren wissenschaftlichen Blicks auf die realen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen wir Menschen uns auf dieser Welt befinden. Wer sich selbst zum Maßstab für andere macht und alles den eigenen Interessen unterordnet, dem geht dieser Blick verloren und damit auch jeglicher Respekt vor der Natur. Wir leben im Zeitalter des Anthropozän, in dem der Mensch die Erde beherrscht, ihre Ressourcen hemmungslos und rücksichtslos ausbeutet und zerstört wie es ihm gefällt. Kein Respekt in Sicht. Dabei wäre gerade hier der Respekt nicht nur eine Frage der grundsätzlichen Haltung, sondern auch eine Frage der Intelligenz. Denn wer die Ressourcen, von denen er lebt, nicht respektiert, zerstört letztlich seine eigene Existenzgrundlage.

Eine wachsende Zahl an Künstlern beschäftigt sich seit einiger Zeit mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Was dabei herauskommt, lebt allerdings häufig vom Effekt bloßer Überwältigung. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz werden ungeheure Datenmengen zu immersiven Szenarien verarbeitet, die, auf überdimensionalen Flächen in riesigen Räumen projiziert den menschlichen Wahrnehmungsapparat überwältigen und beeindrucken. Das ist gut und wichtig, weil es Menschen einen neuen  Zugang zur Kunst öffnet, der die Pfade der klassischen musealen Präsentation verlässt.

Mit dieser Art von Gigantomanie hat der digitale Erlebnisraum, den das MINDKISS Projekt in seiner neuen Etappe aus OUBEYs Kunst heraus geschaffen hat, jedoch nichts zu tun. Hier geht es vielmehr darum, eine Brücke zu schlagen, die OUBEYs originale Kunst aus der analogen Welt der frühen achtziger Jahre mit der digitalen Welt unserer heutigen Zeit verbindet. Dabei eröffnen sich Möglichkeiten des Entdeckens von Facetten und Aspekten seiner Bilder, die bisher von vielen Betrachtern dieser Bilder zwar erahnt und assoziiert wurden. Doch nun werden sie auf eine Weise sinnlich erlebbar wie es bisher nicht möglich war. In der Virtual Reality und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz sich optische Effekte inszenieren, die das menschliche Auge bislang nur im Traum oder im Rausch erlebt hat. Die Versuchung, das technisch Mögliche zum Maßstab zu machen ist angesichts solcher Aussichten groß.

Doch im MINDKISS Projekt geht es zuerst einmal nicht darum zu zeigen, was Technik kann, sondern darum, die technischen Möglichkeiten zu nutzen, um zu zeigen was OUBEYs Kunst kann. Dabei folgt das Projekt einer Aussage, die OUBEY selbst im Jahr 1992 machte, als er – zur Bedeutung des Computers für seine Kunst befragt – diese Bedeutung klar eingrenzte: „Ich gehe immer von der Vorstellung aus und bin darauf fixiert, diese Vorstellung zu realisieren – das Medium spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wenn der Prozess es verlangt, dann suche ich mir das entsprechende Medium, egal welches, bis sich meine Vorstellung materialisieren lässt. Ich höre erst dann auf, wenn das Gefühl habe, dass das Bild ein Teil von mir ist.“

Genau dieser Spur bin ich gemeinsam mit den Partnern von Kubikfoto gefolgt, als ich damit begann, die neuen technologischen Möglichkeiten daraufhin zu prüfen, ob sie dem Anspruch gerecht werden, dass sie zu Erlebnissen mit OUBEYs Bildern führen, die das Potenzial haben, zu einem Teil des Betrachters zu werden. OUBEY hat mit seiner Kunst nie auf vordergründige Effekte gesetzt. Seine Kunst ist frei von äußeren Erwartungen und Einflüssen entstanden. Sie ist Ausdruck eines Blicks ins tiefste Innere ebenso wie ins größte Äußere, den Kosmos, aus dem wir kommen, in dem wir leben und in den wir irgendwann zurückkehren. Deshalb berühren und faszinieren seine Bilder Maori People in Neuseeland ebenso wie junge Menschen in Uganda, Astronomen und Komplexitätsforscher ebenso wie Schulkinder, und sogar manchen Manager.

Deshalb setzt auch das MINDKISS Projekt, wenn es nun die neuen technischen Möglichkeiten nutzt, nicht auf Effekte. Wir realisieren einfach nur das, wovon ich selbst seit vielen Jahren geträumt habe und was auch einige andere sich im Laufe der Encounter Tour immer wieder gewünscht haben, wenn sie vor einem von OUBEYs originalen Bildern standen: Einmal mittendrin zu sein in diesem Bild, darin zu verschwinden. Diese Art von Eins-Werden mit einem Bild ist nun möglich – virtuell. Das ist im wahrsten Sinn des Wortes fantastisch.

Es ist eine aufregende Reise in die Tiefe der Bilder, die sich da eröffnet. Einen ersten Eindruck vermitteln die kurzen Videos Samurai, Die Reise der Monaden und Cosmic Voyage. Wenn Sie selbst über ein VR-Equipment verfügen, können Sie sich diese virtuellen Erlebniswelten sogar kostenfrei runterladen. Die weiteren Elemente der aktuellen Show werden wir Ihnen in einem eigenen Beitrag präsentieren, der nach der Ausstellung im Kunstkraftwerk Leipzig erscheinen wird. Dann werden wir die Resonanz sehr vieler Menschen auf den „Digital Playground“ kennengelernt haben und zu neuen Erkenntnissen über die Wirkung gekommen sein. Getreu dem Titel der gesamten Präsentation: „The Art of Resonance“.

Nach meinem Verständnis liegt die wirkliche Bedeutung von Kunst nicht darin Luxus für Eliten oder Spekulationsobjekt für Anleger zu sein, und ihr Sinn liegt auch nicht darin von Experten analysiert zu werden. Im Gegenteil: Kunst ist gehört zum Leben und sie ist für jeden da – sei es zum Genuss, zur Selbsterkenntnis oder zum Weltverständnis.

Kunst kommt aus dem Leben

Woher kommt die Kunst? Sie kommt aus den Fragen, die der menschliche Geist an das Leben stellt und aus den Erfahrungen, die er in diesem Leben gewinnt. Kunst kommt aus dem Leben und gehört zum Leben. Genau dort liegt ihr Anfang.

Schauen wir uns heute die Höhlenmalereien unserer frühen Vorfahren an, die vor mehr als 30.000 Jahren entstanden sind, dann bekommen wir eine Vorstellung davon, was Kunst für sie bedeutete. Und wir erkennen, dass sie über eine erstaunliche Kunstfertigkeit verfügten. Mit einfachsten Mitteln erschufen sie auf den Wänden der Höhlen, in denen sie Schutz vor Wind, Wetter und wilden Tieren suchten, spirituell wirkende Bilder aus ihrem Leben, die uns heute noch in Erstaunen versetzen, berühren und die wir ohne große Erklärungen bis heute intuitiv sofort verstehen, wenn wir sie sehen. In diesen Wandzeichnungen hielten sie Szenen aus ihrem Leben fest, die für sie von besonderer Bedeutung und mit starken Gefühlen verbunden waren. Durch die Kunst brachten sie das, was sie erlebten und was sie im Innersten bewegte, zum Ausdruck und teilten es auf bleibende Weise mit ihren Stammesgenossen und Mitmenschen – bis zum heutigen Tag. Durch ihre Kunst bekam das Leben unserer Vorfahren eine andere, neue Qualität. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Kunst gibt unserem Leben eine besondere Qualität.

Kunst tut der Seele gut

Auch wenn die Welt, in der wir heute leben, eine ganz andere ist als die unserer Vorfahren in der Steinzeit, sind die grundlegenden Fragen doch immer noch dieselben. Wir sind in der wissenschaftlichen Erforschung des Lebens auf dem Planeten Erde wie auch im Weltraum, der uns umgibt, so weit wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Auf die uralten, grundlegenden Fragen dem Woher, Wohin und Wozu dieses Lebens kann aber auch die Wissenschaft keine Antworten geben. Die Religionen dieser Welt glauben, sie könnten es. Anders die Kunst. Sie gibt keine Antworten. Sie öffnet einen Denkraum, bietet Denkanstöße, sich mit den Fragen zu beschäftigen, überlässt die Antwort aber dem Betrachter, Zuhörer oder Leser – dem selbständig denkenden und suchenden Mensch. Kunst schafft Freiraum für den Geist und sie tut der Seele gut. Deshalb ist Kunst wertvoll und wichtig, nicht weil sie Geld einbringt.

Nehmen wir als anderes Beispiel die Musik. Wenn ich mir Tschaikowsky´s „6. Sinfonie“, Debussy´s „Claire de Lune“ oder Beethovens „Mondscheinsonate“ anhöre, dann erlebe ich für einen kurzen Augenblick so etwas wie das Eins-Sein mit Allem. Ich finde in diesen Klängen und Harmonien keine wissenschaftliche Erklärung und keine eindeutige Antwort auf die tiefen und ursprünglichen Fragen an die Welt und das Leben. Aber ich emp(finde) so etwas wie eine unerklärliche Ahnung. Kunst stillt den Hunger des Geistes und den Durst der Seele nach dem Finden und Verstehen des eigenen Seins. Sie kann Balsam für die Seele sein – beim Anschauen und Zuhören, aber ebenso beim Tun, beim Musizieren, Singen oder Malen.

Kunst ist ein Lebensmittel

So verstanden ist Kunst im Grunde ein Lebensmittel. Wie wäre ein Leben ohne Kunst? Wenn es ums physische Überleben geht, stehen ganz sicher andere Faktoren als die Kunst an erster Stelle. Wir brauchen Wasser, Nahrung, Schutz vor Kälte und Hitze und wir brauchen medizinische Versorgung. Und doch waren es in der Zeit des harten Lockdowns aufgrund der Corona-Krise gerade auch die allabendlichen Konzerte von den Balkonen, die eine Energie und Überlebenskraft verströmten, deren Wirkung sich nicht mit einem Thermometer messen lässt, die aber dennoch unzweifelhaft als positive Kraft auf die Gemüter wirkte – ganz besonders in Italien, aber auch in Deutschland und anderen Ländern.

Als die Titanic sank, wurde ihr Untergang vom Geigenspiel der Violinisten begleitet, die fürs Spiel im pompösen Ballsaal engagiert waren. Auch wenn ihr Spiel in der Unglücksnacht keinen Passagier vor dem Ertrinken rettete, bewahrte es die verzweifelt nach Rettung Suchenden doch wenigstens vor der trostlosen Stille, in der sich das dramatische Geschehen ansonsten abgespielt hätte. Das sind makabre Beispiele, denken Sie vielleicht? Mag sein – und doch sagen sie uns viel über die Bedeutung der Kunst für das Leben der Menschen – bis ins Sterben hinein.

Glücklicherweise kam es auch im Lockdown nicht zu einem kompletten Kunst- und Kulturentzug über Monate hinweg. Denn neben den offiziellen medialen Kulturprogrammen im Fernsehen und Internet wurden und werden die digitalen Möglichkeiten inzwischen auch von Solokünstlern und Theatergemeinschaften genutzt, um die Verbindung zur Öffentlichkeit und damit auch zum Leben aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Das ist kein Ersatz für ein echtes Konzerterlebnis, eine echte Ausstellung oder einen Film auf Großleinwand im Kino. Es ist wie Konservennahrung im Unterschied zu einer frisch zubereiteten Speise, aber es es deckt doch wenigstens den Grundbedarf.

Und nicht zuletzt stellt sich hier die Frage, wie und wovon all die freien Künstler überleben sollen, wenn sie nicht auftreten oder ausstellen dürfen. Wenn Kunst ein Lebensmittel ist, dann sind Künstler diejenigen, die uns mit diesem Lebensmittel versorgen. Wir sollten sie deshalb gerade auch in schwierigen Zeiten nicht vergessen, sondern gut behandeln und wertschätzen wie ein Glas Wasser in der Wüste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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