Der Beitrag im Monopol Magazin basiert auf der ernüchternden Erfahrung des Autors Oliver Koerner von Gustorf auf der diesjährigen Biennale. Doch er bezieht sich im Grunde auf den gesamten kommerzialisierten Kunstbetrieb der heutigen Zeit. 

Dekadent und selbstbezogen

Er beschreibt und kritisiert das System, die ausgestellte Kunst wie auch die Kunstmacher, Manager und potentiellen Käufer. Nichtssagende Kunst, die so tut als sei sie bedeutsam, vor allem aber teuer verkauft werden will. Und wenn schon nicht verkaufbar, dann aber doch im Sinne erfolgreichen Marketings für den Künstler und seinen Galeristen wenigstens spektakulär und aufsehenerregend. Passend dazu die Gepflogenheiten und Attitüden der Akteure des etablierten Kunstbetriebs. 

Sie treffen sich aus Anlass mehr oder weniger bedeutender Events, tauschen Visitenkarten aus und fühlen sich wichtig. Die Biennale nur noch eine Bühne für pseudointellektuelle Selbstpräsentation. Die Kunstszene eine in sich geschlossene Gesellschaft.  Exklusiv zelebrierte Dekadenz.. 

Daran ist viel Wahres, doch wenig Neues. Denn seit mehr als dreißig Jahren ist diese Entwicklung bereits im Gange und für jedes kritische Auge, das sich nicht bezirzen und verführen lässt, auch klar erkennbar. Genau aus der Erkenntnis dieser Mechanismen heraus beschloss OUBEY im Jahr 1992 nach seiner ersten, sehr erfolgreichen Verkaufsausstellung, diesem System den Rücken zu kehren. Eine sehr gute Entscheidung.

Eine exklusive Aura

Das ganze System in seiner jetzigen Form ist interessant nur für seine Insider, d.h. für die, die an ihm und in ihm verdienen. Ich kann dem Verfasser des nur zustimmen, wenn er schreibt: „In der etablierten Kunstwelt gelten dieselben Regeln für die Menschen wie für die Ware Kunst. Sie müssen in irgendeiner Weise eine exklusive Aura haben, sonst funktioniert das System nicht.“ 

Genauso recht hat die Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr, wenn sie schreibt: „Moderne Kunst ist eben das, was das Kunstsystem als Kunst ausstellt. Was kein Label hat, nicht in irgendeiner Galerie steht, nicht Teil einer Ausstellung ist, keine Signatur eines anerkannten Künstlers hat, gilt nicht als Kunst.“

Interessant und in gewisser Weise paradox dabei ist, dass ein Magazin wie Monopol ja selbst Teil dieses Betriebs ist, den es da so heftig kritisiert. Deshalb die Frage: Gehört zu dieser Erkenntnis auch Selbsterkenntnis? Und wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Oder bleibt es bei der einstimmigen Kritik der Szene, und nachdem sich alle gegenseitig bestätigt haben, wie furchtbar dieser Kunstbetrieb doch ist, macht man dann so weiter wie bisher?

Banksy undercover

Ich vermute eher Letzteres. 

Der Kunstbetrieb macht genau das, was ihm wirtschaftlich nützt. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch so ganz nebenbei entscheidet er darüber was wichtige, bedeutsame Kunst ist und was nicht. Was nicht teuer verkaufbar ist, ist uninteressant und damit unbedeutend. 

Ein solches System müsste sich ja selbst zerstören, um anzuerkennen, dass die lebendige Kunst schon längst außerhalb der „Heiligen Hallen“ des etablierten Kunstbetriebs stattfindet. Manchmal sogar direkt nebenan. So auch bei der diesjährigen Biennale. 

Denn Banksy, der größte Street-Art-Künstler unserer Zeit, ließ sich die Gelegenheit der Biennale für eine nächste Aktion nicht entgehen. Er baute an einem der Kanäle unerkannt einen eigenen Stand auf, und tatsächlich realisierte keiner der Kunstexperten, dass Banksy da war. Das sagt mehr als tausend Worte und offenbart die Blindheit für das, was sich an lebendiger Kunst außerhalb des Betriebs abspielt. Allzu gerne würde man sich ja auch noch diesen widerspenstigen Banksy einverleiben, der sich teuer verkaufen ließe, doch der lässt das – soweit er es beeinflussen kann – nicht zu. Er lässt sich seinen Erfolg nicht abkaufen. Am System vorbei und dabei dessen perfide Mechanismen zugleich intelligent nutzend, hat er auf eigenen Wegen Prominenz erlangt.

Es gibt viele, die ähnlich spannende Kunst machen oder gemacht haben wie Banksy. Sie sind nicht weltberühmt wie er. Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht darum, dort wo Menschen leben, die Kunst mit ihrem Leben in Verbindung zu bringen, sie zu inspirieren, sie zum Denken oder Handeln anzuregen, oder ihnen auch einfach  nur Freude zu bereiten. Genau diese Freude an der Kunst sollte man sich durch nichts verderben lassen –schon gar nicht durch eine Biennale in Venedig. Finde ich. Und was meinen Sie?

Das Soziale Netz im Internet lädt permanent zu spontanen Reaktionen ein. Und spontan heißt, aus dem Bauch heraus dem ersten Gefühlsimpuls zu folgen. Nicht lange zögern, nicht lange nachdenken. Kein Innehalten. Schnell und unmittelbar reagieren. Ist das wirklich authentisch? Und kann es nicht sein, dass Authentizität – so verstanden – missverstanden wird? Dass sie sogar problematisch ist?

Gefügig durch gefühlig

Wer die Klaviatur der Gefühle beherrscht, kann punkten. Das gilt für Werbung und Politik genauso wie für zwischenmenschliche Beziehungen im Alltag. Sehnsüchte zu wecken und Versprechungen zu machen ist der eine Teil der Tastatur. Neid, Angst oder auch Wut zu schüren ist der andere. Ob eine Babywindel verkauft wird oder ein politisches Statement – Gefühle sind Hebel, um die Menschen zu packen. Aber gerade in der Politik, und unsere deutsche Geschichte ist hier reich an beklemmenden Beispielen, wird eines deutlich: Wer zu gefühlig ist, wird schnell gefügig gemacht.

Wer sich allein auf seine Gefühle verlässt, läuft leicht Gefahr, dass er wie eine Marionette an seinen Gefühlsfäden entlang fremdgesteuert wird. 

Für mich ist das ein Missverständnis, Gefühlen per se den Nimbus der Authentizität zu verleihen. Denn unsere Gefühle von heute können morgen schon wieder anders sein. Wenn Sie auf die Entwicklungsgeschichte Ihres eigenen Gefühlslebens zurückblicken, werden Sie vielleicht selbst feststellen, dass manches, was vor einem, zehn oder zwanzig Jahren für sie gefühlsmäßig ultimativ richtig war, sich heute in anderem Licht darstellt. Das Gegenteil gilt also: Die Gefühlskultur, wie sie herrscht, verdeckt viel Authentizität. 

Wirklich authentisch sein

Kochen die Gefühle bei einem Menschen hoch, dann wird eines deutlich: Der Mensch ist außer sich – zum Beispiel vor Freude oder vor Wut. Er ist also nicht bei sich. Er ist nicht authentisch.

Authentisch sein bedeutet für mich, dass ich fähig bin, meine eigenen Gedanken und Gefühle im Zusammenhang und Vergleich mit den übereinstimmenden oder widersprechenden Gedanken und Gefühlen anderer zu hinterfragen und so eine gewisse Distanz zu ihnen zu entwickeln – bevor ich sie lauthals in die Welt hinaus trage. Ich nenne das Selbstführung. Sie ist für mich ein wesentliches Element von Authentizität. Ein Fähnchen im Wind der Gefühle ist nicht authentisch. 

Und es bedeutet für mich auch, sich kontinuierlich um rationale Überprüfung der eigenen Gefühlslage zu bemühen. Gefühle sind wichtig, können aber auch trügerisch sein. Ihnen blind zu vertrauen mag manchmal naheliegen, aber empfehlenswert ist es ganz sicher nicht.

„Will ich mich authentisch zeigen oder mich hinter meinen Gefühlen verstecken?“ Das ist für mich die Frage, mit der Sie, ich und jeder andere auch eine beruhigende Distanz zu der emotionalen Schnelligkeit, die heutzutage herrscht, schaffen kann. „In der Ruhe liegt die Kraft“ mag ein altmodischer Gedanke sein. Man könnte ihn aber auch einfach cool finden.

Ist die Entscheidung des Museums eine Ausnahme oder ist sie das erste Signal für einen Umschwung? 

Gemeinnützigkeit vs. Profitabilität

Museen sind eine relativ junge Errungenschaft unserer Zivilisationsgeschichte. Bis zur Französischen Revolution befanden sich Kunstschätze zumeist im Privatbesitz von Königen, Fürsten und anderen Adeligen, die als Mäzene die Künstler ihrer Zeit beauftragten und bezahlten und deren Werke dann für sich behielten. Erst im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des aufsteigenden Bürgertums, wurden diese Kunstschätze nach und nach in staatlich finanzierten Kunstmuseen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war ein großer Fortschritt.

Seither ist die Zahl der Museen stetig gewachsen. Heute stehen sie angesichts gesunkener staatlicher Subventionen untereinander im harten wirtschaftlichen Wettbewerb. Angesichts hohem Kapitalbedarf bei schrumpfendem Kulturetat befinden sie sich in der Besucher-Einnahmen-Falle. Das doch eigentlich gemeinnützige, nicht kommerziell ausgerichtete Museum muss nach dem Modell des ständigen Wachstums arbeiten. Das hat zwei Trends zur Folge:

Zum einen den Trend zu Blockbuster-Ausstellungen über Kunst, die im kommerziellen Kunstbetrieb hoch gehandelt wird. Was viel kostet muss viel wert sein, heißt das Prinzip, und wirkt deshalb als Publikumsmagnet. Dieser Trend hat zur Folge, dass experimentelle Konzepte oder weniger bekannte Künstler, die nicht zu den Pop Stars der Kunstszene gehören, außen vor bleiben. Das Risiko eines Minusgeschäfts ist den Museen einfach zu groß.

Dem folgt als zweiter Trend,  dass viele Museen, um derart publikumswirksame Ausstellungen finanzieren zu können,  großzügige Spenden reicher Privatpersonen oder Unternehmen gerne entgegennehmen.

Geld stinkt nicht – oder doch?

Ist doch egal, wo das Geld herkommt – Geld stinkt nicht, denken Sie vielleicht. Und wenn das Geld einem guten Zweck wie der Aufbewahrung von Kunst in einem Museum oder der Restauration von Notre-Dame zugute kommt, dann ist das nur recht und billig. 

Tatsächlich hat es lange Zeit niemanden interessiert wo die Mittel fürs Kultursponsoring eigentlich herkommen und welche Konsequenzen damit verbunden sind. Nun wird das aber immer häufiger kritisch hinterfragt.

So zum Beispiel auch von einer Aktivistengruppe, die sich in Anlehnung an das berühmte „To be or not to be“ aus Shakespeare´s Hamlet „BP or not BP“ nennt. Damit bezieht sie sich auf das Sponsoring der Royal Shakespeare Company und des British Museum durch den Ölkonzern BP und vor allem auf dessen bekannt gewordenen Versuche der Einflussnahme darauf, welche Sonderausstellungen zum Schlager im Programm des Britischen Museums werden sollen.

Im Fall der Familie Sackler gilt die Kritik vor allem der Tatsache, dass sie ihr Geld, das sie mit ethisch dubiosen Pharma-Geschäften verdient, dann im  Kultursponsoring quasi „reinwäscht“.

Und als Mitte April ein Feuer die Kathedrale Notre-Dame in Paris und einen Teil des dort aufbewahrten Kulturerbes zu zerstören drohte, löste das nicht nur allgemeines Entsetzen aus, sondern auch eine bis dahin nicht dagewesene Spendenbereitschaft unter den reichsten Familien Frankreichs aus. Innerhalb kürzester Zeit kamen 800 Millionen Euro zusammen. Das ist ohne Frage gut für die Zukunft der beschädigten Notre-Dame. Und doch empfand die französische Öffentlichkeit diesen Vorgang eher befremdlich. Woher kommt dieses Störgefühl?

Es geht um Unabhängigkeit und Vielfalt

In einer pluralistischen Gesellschaft, die auf demokratischen Grundsätzen basiert, ist die Frage nach der Unabhängigkeit gemeinnütziger Einrichtungen eine sehr wichtige Frage. Denn nur ein ausreichendes Maß an Unabhängigkeit ermöglicht echte Vielfalt und stärkt den Mut zu Neuem, das nicht stromlinienförmig im Zeitgeist schwimmt, sondern auch mal Anstoß erregt oder zum Widerspruch reizt. Das tut einer offenen Gesellschaft gut. 

Letztlich greift diese Art von Kultursponsoring ja überhaupt nur deshalb, weil der Allgemeinheit das Geld fehlt, um frei von solcher Unterstützung unabhängig agieren zu können.

Großmut kann viele Gründe haben

Allzu oft können sich Großverdiener ihrer Pflicht entziehen, unspektakulär und ohne Prestigegewinn wie jeder andere auch ihren Teil zur Gemeinschaft beizutragen. Mit ihren freiwilligen Finanzierungsbeiträgen holen sie diese Pflicht nach und erscheinen dabei zugleich als Wohltäter.

Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Es wäre spekulativ und unredlich, den Sponsoren ihre Liebe zu Kunst und Kultur absprechen zu wollen. Doch die Frage nach dem Zweck so mancher Großzügigkeit muss erlaubt sein. Sponsoring ist immer auch eine Form der Werbung und des Marketing von Firmen oder Einzelpersonen, und das zumeist in Kombination mit einem interessanten Abschreibungs- oder Steuersparmodell. Das ist erlaubt und aus unternehmerischer Sicht sogar naheliegend. 

Ich denke, ohne hier das weite Feld der Finanzierung von Museen im Besonderen und Kunst im Ganzen abstecken zu wollen oder können, dass wir genauer hinschauen müssen, woher das Geld für unsere Kultur kommt. Ich jedenfalls hoffe, dass die Aktion der Tate Gallery keine Eintagsfliege bleibt, sondern da, wo es angebracht ist, Schule machen wird. 

Da ich für mein OUBEY MINDKISS Projekt die verschiedenen Plattformen des Social Web selbst nutze, kenne ich die Reaktionsweisen anderer Nutzer und die damit verbundenen Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Hier einige persönliche Gedanken.

Rechthaberei vs. Erkenntnisgewinn

Durch die digitale Vernetzung ist es unglaublich leicht geworden, persönliche Meinungen zu verbreiten. Das ist gut, denn so werden auch Menschen gehört, die sonst keine Öffentlichkeit hätten. Und so kann auch jeder Zugang zu Informationen und Meinungen haben, die das eigene Wissen erweitern und neue Erkenntnisse ermöglichen. Das kann aber auch etwas ganz anderes bewirken, indem es einen speziellen menschlichen Zug ins uns verstärkt: den Hang zur Rechthaberei.  

Wie oft wird nur noch dem zugestimmt und das weitergeleitet, was der eigenen Meinung entspricht – ohne je geprüft zu haben, ob diese Meinung in diesem Fall tatsächlich fundiert begründet ist. Im Umkehrschluss werden Informationen oder Meinungen, die nicht ins eigene (Welt)Bild passen, ignoriert oder schlimmstenfalls in einem „shitstorm“ sogar geächtet.

Es fiel Menschen wahrscheinlich schon immer schwer, abweichende Meinungen nicht nur zu tolerieren, sondern womöglich gar als Anregung fürs eigene Denken zu betrachten. Und noch schwerer fiel es uns schon immer, eigene Irrtümer oder Fehler in der Betrachtung oder Bewertung eines Sachverhalts zuzugeben. Irrtümer oder Fehler zuzugeben, wird als Zeichen der Schwäche gesehen.

Sowohl die Geschwindigkeit als auch die Struktur der Kommunikation im Social Web scheint diese menschliche Neigung zur Rechthaberei im Sinne einer permanenten Selbstbestätigung des eigenen Denkens zu fördern – zulasten einer differenzierteren Betrachtung von Sichtweisen, die von der eigenen Meinung abweichen.

Stark sein und den Würfel umdrehen

Wirkliche Dialoge finden zu selten statt. Weil wir uns zu oft zu wenig mit den abweichenden Meinungen anderer auseinandersetzen. Der ideologische Aspekt in der Meinungsbildung spielt dann eine immer stärkere Rolle, denn je weniger ich bereit bin, mich mit den Informationen, die mich erreichen, wirklich kritisch im Sinne einer Diskussion auseinanderzusetzen, umso mehr schwimme ich auf der Welle der Meinungsmacher mit. Bin verführbar durch die scheinbare Richtigkeit der Meinung der Vielen.

Im Dialog hat die Wirklichkeit immer mindestens drei Seiten: Eine, die ich sehe, eine, die Du siehst, und eine Seite, die keiner von uns Beiden sieht. Man kann sie auch mit einem Würfel vergleichen: Niemals sehe ich von meinem Standpunkt aus alle Seiten eines Würfels, der vor mir liegt. Um alle Seiten zu sehen, muss ich ihn umdrehen oder brauche die ergänzende Perspektive anderer Menschen. Das ist stark. Und das bedeutet: Auch zugegeben zu können, dass der eigene Standpunkt nicht der einzig richtige sein muss.

Eine Frage der Haltung

Sich selbst – und anderen gegenüber – eigene Grenzen und Schwächen eingestehen zu können, ist aus meiner Sicht ein Ausdruck von Stärke. Kein Mensch ist unfehlbar. Nur wer auch eigene Irrtümer und Fehler zugeben kann, ist wirklich stark und menschlich zugleich. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass wir in diesem Sinne auch die großartigen Möglichkeiten des Social Web ganz anders und viel besser nutzen können. Denn es bietet die Möglichkeit eines konstruktiven Diskurses. Ob diese Möglichkeit genutzt wird, liegt allein am Verhalten eines jeden einzelnen der Millionen Nutzer. 

Ein revolutionäres Unterfangen, das den Grundsatz „form follows function“ als Befreiungsformel von den Schönheitsmaßstäben einer bürgerlichen Gesellschaft verstand, die dem 19. Jahrhundert entstammte. Und die anstrebte, bessere Wohn- und Lebensverhältnisse für alle Menschen zu schaffen.

Gibt es ein Nonplusultra?

Innerhalb eines Jahrzehnts wurde ein neuer, moderner, klarer Stil entwickelt. Dabei wurden die eigenen Gestaltungsgrundsätze zum absoluten Maßstab und Nonplusultra für alles erklärt, was Design, Kunst, Handwerk und Architektur betraf und manche Anhänger des Bauhauses sehen das auch heute noch so.

Ich sehe das differenzierter. Ja, das Bauhaus war ein Fortschritt im Kontext der Zeit, weil es neue Denk- und Gestaltungsräume erschlossen hat. Und ja, das Bauhaus war wichtig, vielleicht sogar notwendig, um ein neues Verständnis von wesentlichen Aspekten und Dingen des Lebens zu gewinnen. 

Doch wenn ich mir anschaue, was sich in der Tradition des „Form Follows Function“ und unter Berufung auf die Prinzipien des Bauhauses in den letzten 60 Jahren an Stadt- und Wohngestaltung ausgebreitet hat, dann sehe ich hier eine gewaltige Diskrepanz zwischen diesem einst absoluten Anspruch und dem, was in der Realität daraus geworden ist .

Was folgte war Normierung und Standardisierung unter dem Maßstab der Ökonomisierung – quadratisch, praktisch, gut. Öde und gleichförmige Wohnlandschaften, die kein wirkliches Zusammenleben ermöglichen. Gigantische Silos, in denen Menschen an Stadträndern in aufgetürmten Schuhschachteln leben..

Zugegeben – im Vergleich zu primitiven Altbauwohnungen im Hinterhof ohne Zentralheizung und sanitäre Grundausstattung waren diese Bauten tatsächlich ein Fortschritt. Doch mit einem ästhetischen Anspruch auf gestalterische Schönheit, die der Funktion folgt, haben sie nichts gemeinsam. 

Die Schönheit der architektonischen Bauhaus-Ästhetik, die es aus meiner Sicht in den originalen Bauten wirklich gab und noch immer gibt, beschränkt sich heute auf einige, zum Teil luxuriöse Ausnahmebeispiele. In der massenhaften Anwendung hat sich das einstige Versprechen jedoch nicht bewahrheitet. Hier braucht es heute ganz andere, neue Konzepte, wie sie in lokalen und regionalen Projekten – ohne Absolutheitsanspruch – ja auch realisiert werden.

Gab es eigentlich auch Frauen im Bauhaus?

Doch nicht nur das, was in Fortsetzung der Grundgedanken des Bauhauses nach dem Zweiten Weltkrieg das Bild unserer Städte geprägt hat, gibt Anlass zur kritischen Hinterfragung.

Noch ein ganz anderer Aspekt bringt mich in eine distanzierte Haltung zum Absolutheitsanspruch des Bauhauses und seiner Gründer. Obwohl es sehr viele weibliche Mitglieder gab – phasenweise waren sogar mehr Frauen als Männer am Bauhaus tätig – sind sie bis heute weitestgehend unbekannt geblieben. Denn bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten war das Bauhaus eine durch und durch männlich dominierte Organisation. 

Vor allem dem 100jährigen Jubiläum ist es zu verdanken, dass die Frage nach den Frauen im Bauhaus nun zum ersten Mal öffentlich beleuchtet wird. So auch in einem sehr interessanten Bericht über „Die Frauen im Bauhaus“,  der vor kurzem auf Arte TV ausgestrahlt wurde. Wenn man diesem sorgfältig recherchierten Bericht folgt, wurden selbst begabteste und ambitionierte Frauen bewusst von relevanten Leitungsfunktionen ausgeschlossen und auch von den öffentlichkeitswirksamen Aufgaben ferngehalten. Stattdessen wurden sie vorzugsweise den handwerklichen Bereichen, allen voran der Weberei zugeteilt. Umso interessanter zu erfahren, dass die Bauhaus-Frauen aus der ihnen verordneten Nische heraus mit ihren Teppichen, Möbeln und  Kinderspielzeug damals nicht nur gestalterisch, sondern auch ökonomisch ausgesprochen erfolgreich waren.

Was die Akzeptanz qualifizierter Frauen im Bauhaus als gleichwertige und gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe betrifft, waren dessen männliche Gründer und Protagonisten dann doch noch eher dem 19. Jahrhundert zugewandt als einer revolutionären Grenzüberschreitung in die Zukunft. 

Ein neues Konzept fürs 21. Jahrhundert?

Heute ist gemieteter Wohn- und Lebensraum vor allem zu einer Frage von Menge, Preis und Rendite geworden. Das Thema wurde politisch lange vernachlässigt, wenn nicht gar ignoriert. Nun fehlt es akut und massiv an bezahlbarem Wohnraum. Da tauchen plötzlich Enteignungsfantasien auf, doch Gestaltungsfragen wie sie einst vom Bauhaus gestellt wurden, spielen schon seit langem keine Rolle in der öffentlichen Diskussion. Das halte ich für einen großen Mangel. Deshalb würde ich mir – trotz aller Widersprüche, die dem Bauhauskonzept innewohnten – dann heute doch eine so radikal umdenkende und zukunftsorientierte Kraft wünschen wie sie das Bauhaus mit seinen Impulsen vor 100 Jahren für die damalige Gesellschaft war. 

In Zentraleuropa begann zunächst mit der Besiedlung durch die Römer auch hier der Aufstieg der Baukunst, die sich im Mittelalter mit der Entstehung von Städten weiter ausbreitete. Die romanischen Dombauten entlang des Rheins und die Vielzahl gotischer Kathedralen, die in den Zentren der aufblühenden Städte errichtet wurden, sind bis heute Monumente menschlicher Gestaltungs- und Schaffenskraft.

 

Was in der damaligen Zeit meist mehr als 200 Jahre brauchte, um erbaut zu werden, kann seither jederzeit durch ein Feuer binnen Stunden in Schutt und Asche zerfallen. In Zeiten des Krieges haben Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg derartige  Zerstörungen immer und immer wieder erlebt und müssen sie in manchen Regionen dieser Welt noch heute erleben. Der Kaiserdom von Speyer wurde im Laufe der Geschichte mehrmals niedergebrannt, doch immer wieder aufgebaut und steht in seiner schlichten Schönheit noch heute. Nun aber traf ein solches Schicksal vor zwei Wochen die große Kathedrale von Notre Dame auf der Île de la Cité in Paris, mitten im Frieden und aus heiterstem Himmel.

 

Notre Dame in Flammen. Menschen auf der ganzen Welt konnten live dabei zusehen, wie sich die Flammen im Dachstuhl ausbreiteten und sich mit rasanter Geschwindigkeit vorwärts in Richtung der Haupttürme bewegten wie eine Sturmwelle im Ozean.  „Ein schwieriger Brand, schwer zu löschen“, sagt die Feuerwehr, die mit bewundernswertem und höchst professionellem Einsatz das Feuer nach fünf Stunden unter Kontrolle bringt und damit das Allerschlimmste verhindert. Sie leistet in diesen Stunden Schwerstarbeit – so wie einst die vielen Menschen, die diese Kathedrale über 200 Jahre hinweg mühselig und beharrlich erbaut haben. Allein diesen Generationen von Menschen ist es zu verdanken, dass dieses Gebäude überhaupt jemals existierte. Und allein der Leistung dieser vierhundert Feuerwehrleute ist es  nun heute zu verdanken, dass die Leistung der Erbauer nicht in Schutt und Asche versinkt. Dass die Struktur des Gebäudes überlebt und für den Wiederaufbau erhalten bleibt: das Hauptschiff steht, die beiden vorderen Türme stehen. Das ist schon viel angesichts der totalen Zerstörung, mit der ich rechnete, als ich die ersten Bilder des lichterloh brennenden Gebäudes sah.

 

Fünf Stunden später gibt es erste Bilder vom Innenraum. Oben im Gewölbe  brennt es noch, eher Glut als Flammen. Unten steht das Kreuz und strahlt. Die Fenster sind zerborsten, aber die Mauern stehen. Das sind tröstliche Bilder für mich.

 

Dieses wunderbare Gebäude wurde schwer getroffen und verletzt. Aber es steht noch. Es ist nicht kollabiert, liegt nicht in Schutt und Asche. Es hat dank Menschenhand, die es einst erschaffen hat, diese schwerste Prüfung aller Zeiten überlebt und wird durch Menschenhand irgendwann in neuem Glanz  wiederauferstehen. Ob ich das erleben werde, weiß ich nicht, aber dennoch freue ich mich darauf. Denn solch ein Gebäude ist  – wie alle Bauwerke, die unsere Vorfahren errichtet haben – mehr als Stein, Mörtel und Baukunst.

 

Notre Dame ist  – wie alle Kulturdenkmäler auf der ganzen Welt – ein Symbol für die Anstrengungen unserer Spezies, etwas zu schaffen, was über sie hinausweist. Somit ist sie ein Ausdruck von Selbstbewusstsein ebenso wie von Demut. Und sie ist einfach wunderschön. Perfekt in den Proportionen, hoch und hell im Innern, eine der großartigsten Orgeln der Welt beherbergend. Ihre Schönheit von außen ist umwerfend, weil ihre Türme nicht typisch gotisch-spitz in den Himmel ragen, sondern von schlichter Geradlinigkeit sind – flach. Deshalb liebe ich Notre Dame und alle Gebäude, die eine derartige Qualität haben, wo auch immer auf der Welt sie stehen mögen und aus welcher Kultur heraus sie auch immer entstanden sein mögen. Deshalb liebte auch OUBEY diese Gebäude. Und deshalb trifft mich die absichtliche Zerstörung solcher Gebäude und Kulturstätten durch fanatisierte Bilderstürmer unserer Zeit ebenso wie ein fahrlässig entstandener Brand oder deren schleichender Zerfall durch mangelnde Fürsorge.

 

Es ist der Respekt für die kulturelle Leistung unsere Vorfahren, der uns in den westlichen Kulturen zunehmend abhanden zu kommen scheint. Damit einher geht der Verlust des Respekts vor Kulturen anderer Völker, die uns nicht ebenbürtig zu sein schienen und die wir deshalb versklavten, unterdrückten oder zumindest verachteten. Wir erliegen allmählich  einer immer maßloser werdenden Selbstüberschätzung. Wir halten uns für die Besten, die es je gab in der Evolutionsgeschichte. Wir erobern, beherrschen und bereisen die Welt und degradieren dabei die Monumente der beeindruckenden Schaffenskraft unserer Vorfahren zu touristischen Attraktionen. Verwenden sie als neue Art der Trophäe, Hintergrund für Selfies, die man im Social Web teilt, um ein paar Likes zu bekommen. Damit stellen wir die kulturelle Leistung unserer Vorfahren in eine Reihe mit Disneyland, In-Restaurants und sonstigen angesagten Spots. Wir konsumieren unser Erbe als wäre es selbstverständlich.

 

Ich würde mir wünschen, dass der Brand der Notre Dame ein wenig dazu beitragen wird, den Respekt vor der Leistung von Menschen wiederzubeleben, die lange vor unserer Zeit lebten und weder reich noch berühmt wurden oder je werden durch das was sie getan und geschaffen haben. Sie sind namenlos verschwunden im großen Schlund der Geschichte, in dem auch jeder von uns eines Tages verschwinden wird. Mit dem was sie getan und  geschaffen haben, gaben sie anderen Menschen weit über ihre eigene Zeit hinaus etwas Großartiges, woran sie sich erfreuen und woraus sie geistige und seelische Kraft und Stärke beziehen können.

 

Ohne Liebe und Respekt für das, was unsere Vorfahren vor hunderten und tausenden von Jahren mit vergleichsweise primitiven Mitteln geschaffen haben, werden wir an den Herausforderungen und  Entwicklungen der Zukunft zerschellen wie ein Boot, das im Sturm der Ozeanwellen auf einen Fels aufläuft. Deshalb und nicht zuletzt auch mit Blick auf die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz brauchen wir einen gesellschaftlichen Diskurs über die historischen und ethischen Grundlagen sowie den globalen und kosmischen Zusammenhang unseres Denkens und Handelns.

 

 

 

Er ist ungefähr einhundert Jahre alt und wird Vladimir Iljitsch Lenin zugeschrieben, der als Revolutionär in Russland einst den Boden bereitete für das ihm folgende totalitäre Kontrollsystem des Stalinismus, das auf paranoide Weise allen und jedem misstraute und unzählig vielen Menschen das Leben kostete.

Jedes Kontrollsystem basiert auf Misstrauen. Jede gute menschliche Gemeinschaft basiert auf Vertrauen. Manchmal ist Misstrauen angebracht und notwendig, manchmal ist es völlig fehl am Platz – wo verläuft die Grenze?

Die Sicherheit im Ungewissen

Dies in einer konkreten Situation herauszufinden, ist nicht immer einfach. Aber es ist wichtig, sich dieser Frage zu stellen und nicht im ersten Fall einer Unsicherheit sofort in den Kontrollmodus zu verfallen – sei es zwischenmenschlich oder gesellschaftlich. Ich kann nachvollziehen, dass viele Menschen sich heutzutage nach Sicherheit und einer damit verbundenen Kontrolle sehnen. Doch die entscheidende Frage in diesem Kontext ist, wann Kontrolle für unser Zusammenleben wirklich notwendig und angebracht ist und wann sie schadet.

Selbstkontrolle und Selbstvertrauen

Ich glaube, dass es für das ganze Leben beides braucht: Kontrolle UND Vertrauen. Das schließt für mich auch Selbstkontrolle und Selbstvertrauen ein. Wer sich selbst nicht vertraut, kann auch anderen nicht vertrauen. Wer sich selbst nicht kontrollieren kann, kann auch andere nicht sinnvoll kontrollieren.

Jahrelang war ich selbst Führungskraft im Top Management. Meine MitarbeiterInnen zu kontrollieren, hat für mich schon damals keinen Sinn gemacht. Ich wusste, dass sie ihr Bestes geben wollen und dass sie das nur können, wenn sie das entsprechende Vertrauen und einen eigenverantwortlichen Handlungsspielraum bekommen. Es ging nicht um Verhaltenskontrolle, sondern darum, dass am Ende das Ergebnis stimmt. So waren wir über viele Jahre hinweg gemeinsam sehr erfolgreich.

Menschen brauchen Vertrauen, um ihre Fähigkeiten entfalten und  eigenverantwortlich handeln zu können. Das sollten auch Eltern in der Erziehung ihrer Kinder nie vergessen. Die Führung durch entmündigende Kontrollsysteme in Unternehmen und Organisationen treiben dieses Vertrauen leider allzu oft aus. Hier herrscht oft noch das Gedankengut des frühen 20. Jahrhunderts.

Kontrolle gezielt einsetzen

Die Notwendigkeit von Kontrolle hängt zusammen mit der Frage von Sicherheit und Risiko. Möchte ich Qualitätssicherung in meinen Lebensmitteln? Natürlich. Möchte ich, dass der Straßen- und Flugverkehr zur Sicherheit des Allgemeinwohls kontrolliert wird? Auf jeden Fall. Möchte ich, dass Tiere gut leben und Müll korrekt entsorgt wird? Unbedingt. Möchte ich, dass die Klimaschutzziele eingehalten werden? Ja! 

Kontrolle ist also per se nichts Schlechtes. Doch nur durch das richtige Maß an den richtigen Stellen wird Kontrolle sinnvoll und nützlich. Hier gibt es für jeden einzelnen von uns, für die Zivilgesellschaft und auch für die Politik und Wirtschaft noch einiges zu korrigieren.

In diesen Tagen tauchen gerade sehr viele Wünsche nach Kontrollen und Verboten auf. Hier sollten wir alle gemeinsam sehr genau hinschauen und nicht auf Anhieb der nächsten Kontroll- oder Verbotsidee folgen. Manchmal muss es sein. Manchmal geht es aber auch viel besser auf dem Weg des Vertrauens. 

Mit offenen Augen durch die Welt 

Ich bin alles andere als ein Kontrollfreak. Aber ich bin auch kein Mensch, der blind vertraut. Ich schaue genau hin, sammle meine eigenen Eindrücke, hinterfrage und überprüfe meine Wahrnehmung und dann ziehe dann meine eigenen Schlussfolgerungen. Ich bin aufmerksam in allen Lebenslagen und lebe nicht nach dem Motto „Einmal vertraut ist immer vertraut“. Ich versuche für mich das richtige Maß zu finden.

Und mal ehrlich: Würde ich den ganzen Tag alles nur anzweifeln, kontrollieren und selbst machen wollen, wäre da gar kein Platz mehr für all die guten Ideen und Vorschläge anderer, die mich inspirieren und voranbringen und mit denen ich so gerne und gut vertrauensvoll zusammenarbeite. Das würde mir wirklich fehlen.

Eigentlich ein unbedeutender Austausch, der mich dann aber doch ins Nachdenken darüber brachte, wie unterschiedlich Menschen ihre Lebenssituation empfinden und bewerten. Und wie manchmal gerade diejenigen, denen es richtig gut geht, am lautesten jammern über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, während andere, die tatsächlich kein einfaches Leben haben, dennoch eine innere Zufriedenheit ausstrahlen.

Jammern tut gut – wirklich?

Vielleicht denken Sie jetzt, dass es manchmal hilft, wenn man über seine Gedanken und Gefühle mit einem anderen Menschen sprechen kann, und dass es gut tut, wenn man jemanden hat, der zuhört. Da stimme ich Ihnen zu. Doch das nenne ich nicht Jammern. 

Echtes Jammern ist wie eine gedankliche Endlosschleife. Es dreht sich im Kreis und findet kein wirkliches Ende, denn es hat nicht gar das Ziel ein Ende zu finden. Es ist Ausdruck einer seltsamen Lust am unzufrieden Sein oder – anders herum betrachtet – am Nichtzufriedensein wollen. Es ist nie genug und nie gut genug. 

Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen in den Wohlstandsgesellschaften im Schnitt deutlich unzufriedener mit ihren Lebensverhältnissen sind als Menschen in ärmeren Ländern. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich möchte hier nicht den Zustand der Armut romantisieren. Es geht mir um das „Jammern auf hohem Niveau“, wie Lothar Späth es einmal zurecht genannt hat.

Wenn ich alles schlecht rede und dauernd an das denke, was andere haben, ich aber nicht habe, dann geht es mir letztlich irgendwann auch schlecht – nicht materiell, aber geistig. Denn diese Lebenseinstellung verbreitet negative Energie, macht krank und ändert nichts an der Situation, führt nicht zu einer positiven Entwicklung oder Lösung. Jammern hilft nicht. Das Einzige, was hilft, ist  es zu ändern – und seien die ersten Schritte auch noch so klein.

Die gefährliche Frage nach dem „Warum“

Und wenn man eine Situation nicht ändern kann? Wenn eine Naturkatastrophe die Lebensgrundlage zerstört oder der unerwartet plötzliche Tod eines geliebten Menschen die Welt ins Wanken bringt? Natürlich kann ich verstehen, wenn Menschen in einer solchen Situation auch jammern, weil sie erkennen, dass sie dieses „Schicksal“ nicht ändern können. Den Schmerz, die Trauer und auch die Wut über die eigene Ohnmacht in einer solchen Situation kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. 

Und doch habe ich die eine Frage, die mich ins Jammern hätte führen können, nie gestellt und das ist die Frage nach dem „Warum“. Warum musste OUBEY so jung sterben? Diese Frage führt ins Nichts, denn auf sie gibt es keine Antwort – jedenfalls nicht in dieser Welt. Wir können unser Leben in vielerlei Hinsicht sehr wohl beeinflussen und gestalten, aber manche Dinge haben wir einfach nicht in der Hand. Das akzeptieren zu können hilft. Wir haben die Unwägbarkeiten des Lebens nicht verstanden, wenn wir davon ausgehen, dass wir von Schicksalsschlägen verschont bleiben, während andere davon getroffen werden. Das ist nicht selbstverständlich. 

Deshalb sollten wir dankbar sein für die guten Erfahrungen und die schönen Zeiten, die wir schon erlebt haben und immer noch erleben dürfen. Wer dankbar ist, der kennt kein Jammern.

Die Wahrnehmungsfalle

Wer jammert, befindet sich in einer Wahrnehmungsfalle: Man sieht gar nicht mehr die guten Dinge, nur die schlechten. Und wenn man immer nur über die schlechten Dinge redet, gibt es einen verstärkenden  Rückkopplungseffekt – sie erscheinen immer noch schlechter. Das Jammern lebt also vom Jammern. Aber es ist eine Beschwerde ohne Adressaten, es richtet sich an niemand Konkreten. Es ist eine Form, Verantwortung abzugeben. Wer laut jammert, bekommt Aufmerksamkeit, muss aber nichts ändern. Manche wollen das vermutlich auch gar nicht. 

Es ist wie es ist

Ich halte mich an die Menschen, die zuerst einmal die Realitäten anerkennen so wie sie sind, ohne darüber zu jammern. Das bedeutet ja keineswegs, sich mit allem abzufinden – im Gegenteil: Es ist wie es ist bedeutet nicht, dass es so bleibt wie es ist. Für mich ist das lediglich eine Ausgangsbasis, von der aus ich sehen und überlegen kann, was ich aus dem Hier und Heute machen kann, wie es sich entwickeln und verändern lässt. So entstehen neue Möglichkeiten, das Leben bleibt interessant und spannend.

Solange wir leben, können wir immer etwas ändern – und sei es das eigene Verhalten. Es gibt die unglaublichsten Geschichten über Menschen, die aus scheinbar ausweglosen Situationen wieder herausgefunden haben und ein gutes Beispiel dafür sein können, was möglich ist, wenn man nicht jammert, obwohl das Leben einen an die eigenen Grenzen bringt. 

So versuche ich zu leben. Und das wünsche ich Ihnen – und der Dame am Nebentisch – auch.

Musik ist eine besondere Kunst. Sie ist auf Anhieb in der Lage, Gefühle unterschiedlichster Art in uns hervorzurufen. Je nach Tonart, Rhythmus, Instrumentierung oder gesanglicher Koloratur schickt sie uns Schauer über den Rücken, ergreift uns, versetzt uns in glückliche Hochstimmung, erzeugt gute Laune oder die Lust zu tanzen, kann uns zu Tränen rühren, uns beruhigen oder in einen Zustand tiefer Entspannung entführen. Dabei ist Musik in ihrem Kern nichts anderes als reine Mathematik. Durch Musik verwandelt sich Mathematik auf wunderbare Weise in Gefühl. Wie ist das möglich?

Die Antwort beginnt mit einer Frage: Wie entsteht ein Klang? Mit dieser Frage setzte sich auch OUBEY auseinander und brachte seine Gedanken hierzu einmal in einer Trilogie von Zeichnungen zum Ausdruck, die er in den frühen Morgenstunden des 2. Dezember 1983 innerhalb einer bloßen halben Stunde zu Papier brachte.

Dieser künstlerische „musikalisch-topographische Versuch“ einer Antwort ist eine reflektierende Betrachtung der „Ordnung, Struktur und Organisation des Bewusstseins“ und des Zusammenspiels von „Rhythmischem und Amorphem“, wie er es selbst im Blatt 1 dieser Trilogie notiert hat.

OUBEYs Skizzen geben uns einen sehr persönlichen und nahen Eindruck von der Art und Weise, wie seine Gedanken, also sein Innerstes, durch seine Hand eine für die Außenwelt wahrnehmbare, inspirierende Gestalt annehmen. Etwas, das in jedem seiner Bilder und wohl auch in jedem Kunstwerk überhaupt enthalten ist, wird hier erkennbar offengelegt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb gerade diese Zeichnungen bisher so viele Betrachter ganz besonders faszinieren.

Doch wie lautet die Antwort aus der Perspektive wissenschaftlicher Forschung? Wie ist es möglich, dass aus einer Schallwelle tatsächlich ein musikalischer Klang entsteht? Die Frage beschäftigt Mathematiker und Physiker ebenso intensiv wie Musikwissenschaftler, Musiker und Hirnforscher.

Am Anfang steht ein vergleichsweise einfach ausgestattetes Organ: das Ohr. Es verwandelt die Schallwellen in elektrische Impulse. Über das Trommelfell werden die winzigen Luftdruckschwanbkungen registriert, über die Gehörknöchelchen verstärkt und dann auf eine Membran am Anfang des flüssigkeitsgefüllten Innenohrs übertragen. Das schneckenförmige Sinnesorgan vollbringt dann die erstaunliche Leistung, den Schall in seine einzelnen Frequenzen aufzuspalten.

Von nun an besteht das Gehörte nur noch aus Nervenimpulsen, die durchs Hirn rasen, wo dann die „reine Physik“ in schier unfassbar komplexe, hochgradig emotional gefärbte Wahrnehmung transzendiert wird. Und das ist es, was für viele das Faszinosum der Musik ausmacht. Sie ist eine – im wahrsten Sinne des Wortes – sensationelle Leistung des menschlichen Gehirns.

Doch damit nicht genug. Unser Ohr kann nicht nur Schallwellen unterschiedlicher Frequenzen in musikalischen Klang verwandeln. Neue Erkenntnisse der „Psychoakustik“ sprechen davon, dass unser Ohr sogar singen kann.

Brian Connolly hat diese Kunstfähigkeit unseres Ohrs wie folgt beschrieben: Unser Innenohr hat die Fähigkeit sich wie ein Instrument zu verhalten, das seine eigenen Klänge erzeugen kann. Viele Experimentalmusiker haben diese Fähigkeit des menschlichen Ohrs genutzt, um die Ohren ihrer Zuhörer zu beteiligten Leistungsträgern bei der Realisierung ihrer Musik zu machen.

Eine der spannendsten Spielarten musikalischer Kreativität ist das psychoakustische Phänomen, das unter dem Namen „otoakustische Emission“ bekannt. Dabei handelt es sich um Töne, die im Innenohr erzeugt werden, wenn es bestimmte Klänge wahrnimmt wie zum Beispiel die Emission der „difference tones“. Sie kommt zustande, wenn zwei klare Frequenzen ins Ohr eindringen, sagen wir z.B. 1000 Hz und 1200 Hz und der Zuhörer hört, wie zu erwarten, diese zwei Töne, dann erzeugt das Innenohr noch seine eigene dritte Frequenz von 200 Hz, die der mathematischen Differenz zwischen den beiden originalen Tönen entspricht. Das Ohr sendet exakt einen 200 Hz Ton zurück und hinaus, der mit einem Ohrmikrofon aufgenommen werden kann. Wenn Ärzte Hörtests mit Babies machen, wenden sie diese Prozedur/Messung als integralen Bestandteil ihrer Untersuchung an. Das bedeutet, dass Komponisten bestimmte Töne in ihrer Komposition erzeugen können und vorhersagen, dass die Ohren der Zuhörer ihre eigene zusätzliche Klangdimension hinzufügen/ergänzen, wenn sie das Musikstück hören. Bei einer bestimmten Lautstärke und innerhalb bestimmter Frequenzbreiten können die Zuhörer sogar fühlen wie es in ihren Ohren als Resonanz auf die stimulierenden Töne „buzzing“/summt! Es ist wirklich erstaunlich, wozu unser Ohr in der Lage! Diese Erkenntnisse bringen eine sehr spannende neue Ebene ins Machen und Hören zeitgenössischer Musik. Wenn man das Ohr nicht nur als Hörorgan, sondern auch als Instrument versteht und einsetzt, kann man als Zuhörer Erfahrungen mit Klang und Musik machen wie nie zuvor.

Wäre dies alles nicht wissenschaftlich so eindeutig erklärbar – man wäre geneigt von einem Wunder zu sprechen. Wir würdigen es, indem wir dem Geschenk des musikalischen Klangs unsere Aufmerksamkeit und Liebe schenken, wann immer dies passend und  möglich ist.

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Wer mehr über diese Dimension der Fähigkeiten unseres Ohr erfahren und selbst auch einige Hörbeispiele kennen lernen möchte, dem empfehle ich den ausführlichen Originalbeitrag von Brian Connolly, dem auch die hier genutzten Informationen entnommen sind:

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­https://acoustics.org/5amu1-the-inner-ear-as-a-musical-instrument-brian-connolly/

www.soundcloud.com/brianconnolly-1

Wer nicht fragt bleibt dumm

Dabei geht doch nichts über eine gute Frage, denn jeder Lern- und Erkenntnisprozess beginnt mit der Neugier, aus der eine Frage entsteht, die nach einer Antwort sucht. 

Das wusste bereits Sokrates, der im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung seine philosophische Schule gründete und seine Studenten lehrte, kluge Fragen zu stellen. „ Ich weiß, dass ich nicht weiß“ heißt sein berühmter Ausspruch, mit dem er alles hinterfragte, was allgemein als Wissen und selbstverständlich galt. 

Für ihn war klar, dass wirkliche Weisheit nur Derjenige erlangt, der sich mit Demut und Neugier in die Welt hinaus begibt. Wer fragt und hinterfragt, der kann zu echten Erkenntnissen kommen. Deshalb ist die Ausgangslage des „Nicht-Wissens“ einer der Grundpfeiler seiner Denkschule. 

Neugier als Schlüssel zur Vielfalt

Ich bin überzeugt, dass Sokrates Recht hat. Die Fülle der ungelösten Fragen  dieser Welt und des Universums, dessen Teil wir sind, ist so groß, dass jede neu gefundene Antwort auf eine Frage bereits eine nächste Frage auslöst. So geht das jedenfalls den forschenden Wissenschaftlern, denen wir einiges an Erkenntnissen und Entwicklungen verdanken. Zu glauben, ein Einzelner könne auf alles eine Antwort haben, begrenzt den Horizont der Fragen auf ein überschaubares Feld. Wer glaubt, dass es nichts Neues mehr unter der Sonne gibt, hört auf, die Welt zu entdecken und dabei auch sich selbst zu erkennen. Er bleibt stehen und hört damit auf, sich weiterzuentwickeln.

Leben bedeutet aber Bewegung und Vielfalt. Und ist nicht genau dafür die Kunst des Fragens ein elementares und zutiefst kluges Werkzeug für unser Leben? Neugier ist ein Schlüssel, um die Tore zu einer Welt der Vielfalt aufzuschließen.

Raum für Entdeckung

Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die  Kunst kann dieses Fragen, Staunen und Entdecken auslösen. OUBEY war der Kunst ebenso verbunden wie der Wissenschaft. Er war ein fragender, forschender Künstler. Seine Bilder stellen Fragen, sie geben aber auch Antworten, die ihrerseits zu neuen Fragen führen. Das macht sie so spannend. 

Dass OUBEYs Bilder diese Qualität haben, konnte ich in den Encounters immer wieder erleben. Die Betrachter stehen nachdenklich, fasziniert, überrascht und mit fragendem Blick vor seinen Werken. Sie begeben sich auf eine Entdeckungsreise in die Bilder hinein. Voller Neugier lassen sie sich auf die Fragen ein, die die Bilder in ihnen auslösen. Und suchen, emotional berührt, in ihrem Inneren nach Antworten.

Was beim Betrachten von OUBEYs Bildern nicht hilft, ist ein scheinbar allwissender Gelehrter, der sie auf eine Erklärung reduziert.. Sie brauchen einen weiten, offenen Raum der Begegnung mit Menschen und mit der Welt. Dann kommen die Fragen und die Antworten auf die Fragen wie von selbst. Aus dem Innersten der Betrachter.

1983 befanden sich die Großmächte USA und Russland in einer Phase nuklearen Wettrüstens. Die Stimmung war angespannt und feindselig. Was geschah?

Alarmstufe „Rot“

Am Abend des 26. September 1983 meldete das System der sowjetischen Satellitenüberwachung einen Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR. Der ersten Meldung folgten in kurzen Abständen die Meldungen von vier weiteren Raketen.

Eine Explosion dieser amerikanischen Raketen auf russischem Boden würde hunderttausenden von Menschen das Leben kosten. Der Abschuss dieser Raketen durch einen sowjetischen Gegenschlag könnte zwar deren Explosion auf russischem Boden verhindern, würde jedoch mit Sicherheit einen darauf folgenden Angriff der USA auslösen und damit vermutlich einen atomaren Weltkrieg von unvorstellbar verheerendem Ausmaß. Eine Katastrophe schien unvermeidbar.

Was tun? Die Antwort auf diese Frage wurde nicht im Kreml gegeben, sondern vor Ort in der Kommandozentrale durch Oberstleutnant Stanislaw Petrow, den in dieser Nacht diensthabenden Offizier.

Gehorsam oder Mut?

Er ignorierte die Vorschriften genauso wie die Meldungen des Radarsystems.

Gehorsam zu verweigern ist keine einfache Sache und erfordert schon im alltäglichen Privat- oder Berufsleben innere Stärke und einen gewissen Mut. In totalitären Systemen wie der Sowjet-Union gilt solcher Mut als Widerstand, steht unter Strafe. Ist mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden, das Menschen, die in einem funktionierenden Rechtsstaat leben, zum Glück nicht kennen.

Doch innerhalb des Militärs gilt das Prinzip von Befehl und Gehorsam über alle politischen Systemgrenzen hinweg. Eine derart eigenmächtige Entscheidung auf der operativen Ebene wie die des Stanislaw Petrow am 23. September 1983 ist in keinem militärischen System dieser Welt vorgesehen. Ein US-amerikanischer Offizier hätte sich im umgekehrten Fall deshalb ohne Frage in einem ähnlichen Entscheidungskonflikt befunden.

Einsame Entscheidung

Stanislaw Petrow gab die Verantwortung nicht wie vorgesehen nach oben ab. Er blieb ruhig, dachte nach, kombinierte logisch und kam zu dem Schluss, an der Richtigkeit der Daten zu zweifeln. „Ich traue diesem Computer nicht“, sagte er und unternahm nichts.

Eine mutige Entscheidung, die vermutlich hunderten von Millionen Menschen das Leben gerettet hat. Denn er behielt Recht. Der Alarm, den er ignorierte, war tatsächlich ein Fehlalarm, ausgelöst durch einen sowjetischen Spionagesatelliten, der aufgrund fehlerhafter Software einen Sonnenaufgang und Spiegelungen in den Wolken als Raketenstart der USA interpretierte.

Ein fast vergessener Held

Die Peinlichkeit, dies zugeben zu müssen, wollte das „fehlerfreie System“ der UdSSR sich ersparen. Deshalb wurde Petrow nicht geehrt, sondern disqualifiziert, unehrenhaft aus dem Dienst entlassen und wäre in vollkommene Vergessenheit geraten, wenn das totalitäre System der Sowjet-Union Bestand gehabt hätte. Dank Perestroika und Glasnost kam der Fall jedoch ans Licht der Öffentlichkeit. Eine Rehabilitation hat es dennoch nie gegeben.

Petrow selbst sah sich nicht als Held. Für ihn war das, was er getan hatte, selbstverständlich. Obwohl er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, erhielt er ihn nie. Doch dank einer ausführlichen Dokumentation ist sein Beispiel auch über seinen Tod hinaus lebendig geblieben.

Entscheiden ist Handeln in Unsicherheit

Petrows Entscheidung hätte auch falsch sein können. Nichts gab ihm in diesem Moment die Sicherheit, richtig gehandelt zu haben. Er traute seinem Verstand mehr als dem Computer. Wäre sie falsch gewesen, hätte das genau die verheerenden Folgen gehabt, die er mit seiner Entscheidung verhindern wollte. Eine Garantie gab es nicht. Heute wissen wir, dass seine Entscheidung richtig war und sind dankbar.

Das Schwierige an jeder anspruchsvollen Entscheidung ist, dass sie immer einen Rest an Unsicherheit in sich trägt. Denn wie richtig oder falsch eine Entscheidung war, stellt sich erst heraus, wenn die Folgen – früher oder später – erkennbar und spürbar werden. Die Folgen sind irreversibel.

Wer frei entscheidet, wer auf sich, sein selbständiges Denken und seine eigene Perspektive vertraut, statt sich blind auf Richtlinien und Vorschriften zu verlassen, der begibt sich auf unsicheren Grund. Da trägt kein Regelwerk mehr.

Also lieber auf der sicheren Seite bleiben?

Eine halbe Antwort auf eine schwergewichtige Frage

Die Antwort auf diese Frage muss jeder für sich selbst geben. Doch die Geschichte ermutigt uns durch das Beispiel unzähliger kleiner wie auch zahlreicher großer Beispiele mutiger und richtiger Entscheidungen – vom bei der Wahrheit bleiben trotz öffentlichem Druck bis zum zivilen Ungehorsam; von der Verweigerung militärische Befehle auszuführen, die gegen Menschenrecht und Genfer Konvention verstoßen bis hin zur ebenso machtbewussten wie konsequenten Entscheidung eines amerikanischen Präsidenten in der Kubakrise 1961.

Fortschritt wie Rückschritt auf dieser Welt beruhen auf Entscheidungen – im Kleinen wie im Großen. Jeder Mensch trifft jeden Tag Entscheidungen, die Auswirkungen auf andere haben. Jeder trägt die Verantwortung für das, was er denkt und tut. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist genug. Finden Sie nicht auch?

Sich das immer wieder klar und bewusst zu machen, ist schon die halbe Antwort auf die schwergewichtige Frage vom Ende des vorigen Abschnitts. Finde ich.

Kinderkram

Es gab eine Zeit, in der galten Comics unter Erwachsenen bestenfalls als Kinderkram, unter strengen Pädagogen als minderwertiger Schund. Dank meiner Mutter, die für mich irgendwann die „Micky Maus“ abonnierte, hatte ich entgegen dem damaligen Zeitgeist jahrelang das Vergnügen, jede Woche ein neues Heft im Briefkasten zu finden, das ich mit größtem Vergnügen las. Das habe ich ihr bis heute nicht vergessen.

Es war die Zeit, in der die Trennungslinie zwischen „E“ und „U“, also zwischen ernsthafter Kunst einerseits und vergnüglicher Unterhaltungskultur andererseits streng gezogen wurde. Vor allem, wenn die Unterhaltung aus Amerika kam. Der trivial-unterhaltsame Bereich, zu dem neben Comics auch die englischsprachige Pop- und Rockmusik gehörten, wurde ausgegrenzt und fand seine Heimat zunächst nur in den eigenen Welten der Jugend – und der Subkultur.

Kunst

Inzwischen haben Comics nicht nur längst Einzug in die Erwachsenenwelt gehalten, sondern sind auch – zurecht wie ich finde – als Teil der Kultur und Ausdrucksform von Kunst anerkannt. OUBEY sah das schon immer so. Seine Comic Sammlung war schon immer beachtlich und wuchs im Laufe der Jahre kontinuierlich an. Darin finden sich unter anderen auch viele der wunderbaren Publikationen des Zeichners Jean Giraud, der sich selbst Moebius nannte, sowie die Bände der japanischen Comic Serie „Akira“. Sie zeichnen sich nicht nur durch ihre herausragende zeichnerische Qualität aus, sondern ebenso durch die philosophischen Themen, die in Geschichten wie „Die luftdichte Garage“ behandelt werden. Der Band „Zu den Sternen“, dessen Coverbild Sie im Header dieses Beitrags finden, ist „eines der faszinierendsten Science Fiction Abenteuer, die Moebius je zu Papier gebracht hat“, kommentierte der Verlag bei dessen Veröffentlichung. Moebius wurde hierfür im Jahr 1984 vom französischen Kulturminister Jack Lang mit dem Großen Staatspreis Frankreichs für Graphische Künste ausgezeichnet.

Kommerz

Spätestens seit Stan Lee die Comic-Helden der Marvel-Welt auf die große Leinwand brachte, gehört das Genre zum Mainstream. Heute kommt kaum ein Kinogänger mehr an ihnen vorbei. Und mit dem zugehörigen Merchandising werden Milliarden erwirtschaftet. Stan Lee, ein Superheld des Marketing. Ist es allein dem gekonnten Marketing eines Stan Lee zuzuschreiben, dass die einst verpönten Comics nicht zuletzt dank ihrer aufwendigen Verfilmungen zum „Kulturgut“ wurden?  

Eine uralte Sehnsucht

Wohl auch, aber da gibt es aus meiner Sicht noch einen anderen, tieferliegenden Grund. Die Grenzen haben sich aufgeweicht, das Denken wurde offener und die Sehnsucht der Menschen nach fabelhaften und fantastischen Heldengeschichten hat in vielen Comics eine neue Ausdrucksform gefunden. 

Diese Sehnsucht ist nicht neu. Sie fand ihren Ausdruck bereits in den alten Götter- und Heldensagen und zeigt sich heute, im Spiegel der Zeit, in neuem Gewand. Der Fantasie, die in diesen unwahrscheinlichen Geschichten mit ihren unverwüstlichen Helden lebendig wird, liegt ein Bedürfnis nach der Unbesiegbarkeit des Guten zugrunde. Dieses Bedürfnis wird in den Comics auf sehr unterhaltsame Weise befriedigt. Die rationale aufgeklärte Welt findet hier ihren vergnüglichen Gegenpart, der gelegentlich auch durchaus politische Anspielungen enthält. Das gilt übrigens nicht nur für die sich irgendwie alle ähnelnden Helden der Marvel Comics. Das galt und gilt auch noch immer für sehr viele andere Comic-Serien, die vielleicht etwas in die Jahre gekommen sind wie z.B. Asterix & Obelix oder das ebenso winzige wie allgewaltige Marsupilami.

„Aber was daran ist nun Kunst?“ werden Sie vielleicht fragen. 

Freiheit der Fantasie

Diese Frage werde ich hier sicher nicht beantworten können. Aber ich sehe Gemeinsamkeiten zwischen dem, was Kunst genannt wird und dem, was man Comic nennt. 

Die Idee, diesen Beitrag zu schreiben, kam in einem Gespräch auf, das ich vor einiger Zeit mit jemandem über OUBEY führte. Aufgrund der zum Teil sehr tiefgründigen, vielschichtigen Bilder und Zeichnungen, die er von OUBEY kannte, war er sehr erstaunt, als ich im Gespräch irgendwann erwähnte, dass OUBEY auch gerne mal Comics zeichnete.  

Bereits als Schüler verfasste und produzierte er selbst eine eigene Comicserie: „Die Abenteuer des André Noir“. Da es damals noch keine öffentlichen Kopiergeräte gab, er aber möglichst viele Exemplare herstellen und verkaufen wollte, zeichnete er jedes einzelne Heft mit der Hand.   

In der Kunst ist alles möglich. Das gilt ganz besonders auch für Comics. Hier werden neue Wesen, neue Welten und neue Universen geschaffen und visualisiert. Das Denken bekommt Flügel und entführt sich selbst in den freien Raum der Fantasie. Wenn ich mir manche Bilder und Zeichnungen von Paul Klee anschaue, der ohne Frage ein wirklich großer Künstler war, dann wird der Zusammenhang für mich klar erkennbar. Mit einem Teil von OUBEYs Werken geht mir das genauso.

Aus meiner Sicht ist es ein Fortschritt, dass die Grenzen nicht mehr so dogmatisch gezogen werden. Kunst erweitert ihr Spektrum und das, was Spaß macht, wird nicht mehr per se ausgegrenzt.

Starre Grenzen sind für den Geist eine Herausforderung, die er überwinden will. Dass das immer wieder und immer öfter gelingt, finde ich sehr gut, sehr erfrischend und eine wertvolle Entwicklung.

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Headerfoto: Moebius – Zu den Sternen (Cover), Schwermetall Band 5, 1987

Kunst ohne Schutzraum

Popularität ist etwas, von dem viele Künstler zunächst träumen, solange sie noch unbekannt und wenig erfolgreich sind. Erreicht einer dann den Status eines Superstars oder wird gar zur Ikone, dann wird diese Popularität oft zur Last, denn sie macht es schwer möglich, ein „normales“ Privatleben zu führen – belagert von hysterischen Fans oder gejagt von wild gewordenen Paparazzi. Selber schuld – das ist eben der Preis des Ruhms, mögen Sie vielleicht denken. Dafür leben diese Stars immerhin ein Leben im Luxus und haben keine anderen Sorgen. 

Ich sehe das nicht so. Viele Künstler werden getrieben von Erwartungen, die Presse und Fans an sie stellen. Wie geht man als Mensch mit solchen Erwartungen um? Wie kann man sie steuern oder sogar unbeirrt und frei seinen eigenen Weg gehen? Viele schaffen das nicht und scheitern daran wie seinerzeit beispielsweise Elvis Presley, oder der von Kindheit an zur Leistung auf der Bühne getrimmte Michael Jackson. Sie haben uns großartige Musik geschenkt, waren megaerfolgreich und sind bis heute im kollektiven Gedächtnis der Weltöffentlichkeit, doch waren sie in ihrem Leben wirklich glücklich? 

Im Scheinwerferlicht, auf der Bühne oder am Set mag ein Glück möglich sein. Da zählt die Kunst und die Rollen sind klar. Doch was passiert, wenn der Künstler den Schutzraum der Bühne verlässt und auf sich selbst gestellt ist? Oder wenn er den Erwartungen der Menge nicht (mehr) genügt? Wer sieht den Menschen abseits der Bühne und vor allem: wer respektiert ihn?

Viele sind daran zerbrochen, denn der Erfolg ist kein Garant dafür, dass man auch als Mensch glücklich wird. Wenn Erfolg ein bestimmtes Stadium des Ruhms erreicht, fordert er einen sehr hohen Preis. 

Der Öffentlichkeit ausgesetzt

Für Künstler ist zu allererst einmal die Kunst, die Bühne oder das Studio ein Ort der Heimat. Und auch ihr Zufluchtsort. Hier können sie sich ausdrücken, wie sie sind. Und hier sind sie zunächst sicher, denn in ihrem Entstehungsprozess ist die Kunst nicht angreifbar. Angreifbar wird der Künstler erst, wenn er an die Öffentlichkeit geht, sich und sein Werk exponiert.

Gute Kunst offenbart das Innerste und ist deshalb immer zutiefst persönlich. Das schafft Ängste und kostet Energie. Wenn die Öffentlichkeit ins Spiel kommt, versucht sie dann, etwas aus dem Menschen hinter dem Werk zu machen, was er vielleicht gar nicht ist.

Manche zerbrechen daran, andere entwickeln eine Resilienz – allein, in der Band oder weil sie eingebettet sind in ein familiäres Umfeld, das sie schützt. Wie ein stabiles Boot, das sie durch das wogenden Meer der Öffentlichkeit Wahrnehmung steuert. 

Standing strong

Meine absolute Nummer eins als Künstler und auch als unbeugsame, willensstarke Persönlichkeit war immer Bob Dylan, seit Jahren besuche ich seine Konzerte. Er wurde von seinen Fans, die in ihm den Folksänger oder politischen Rebell sehen wollten, als „Verräter“ ausgebuht und beschimpft, als er 1966 erstmals mit elektrischer Gitarre und Orgel seine neueste Komposition „Like A Rolling Stone“ auf der Bühne spielte. Für ihn war dieser neue Sound eine Entdeckung und Erweiterung seiner künstlerischen Möglichkeiten. Dafür hatten die selbst erklärten Fans kein Verständnis. Sie wollten ihm ihr Bild von ihm aufzwingen und machten damit deutlich, dass er ihnen sowohl als Künstler wie auch als Mensch Bob Dylan egal ist.

Wie er sich damals dabei fühlte, weiß nur er. Aber dass er sich davon nicht beeindrucken ließ, sondern bis zum heutigen Tag unbeirrt immer das getan hat, was er gut und richtig fand – notfalls „against all odds“ – das weiß inzwischen jeder. Bei Konzerten verändert er seine Lieder nach Belieben, versetzt „Blowin´ in the Wind“ schon mal in den Walzertakt, wenn er Lust dazu hat. Als ich ihn zum ersten Mal live spielen hörte, konnte ich keinen einzigen Song auf Anhieb erkennen. So etwas habe ich nie vorher und auch seither nie bei einem anderen Künstler erlebt. Das führte jedoch erstaunlicherweise nicht zu einer Enttäuschung des Publikums. Im Gegenteil: Irgendwann ging der ganze Saal nur noch mit, folgte dem Sound und dem Rhythmus und hatte einen großartigen, unvergesslichen Abend – mich eingeschlossen.

Was Bob Dylan von sich preisgeben will, drückt er in seinen Texten und seiner Musik aus. Interviews mit ihm sind eine Rarität. Das wirkt auf mich sehr kongruent, stark und ehrlich und ist – mit allen damit verbundenen Ecken und Kanten – dann auch noch sehr erfolgreich. Ein Glücksfall. Mensch und Künstler sind eine Einheit – und seine Fans akzeptierten das seit Langem. Er hat sich durchgesetzt und sie respektieren ihn und seine Persönlichkeit. 

Diese Haltung spiegelt nicht nur meine Einstellung gegenüber jedem Künstler, sondern auch jedem Menschen überhaupt  – und sie spiegelt dabei immer auch mein Verhältnis zu OUBEY.

OUBEY – Der Mensch im Künstler

Prominent oder nicht – ich sehe immer auch den Menschen im Künstler. 

Deshalb fiel es mir nie schwer, OUBEY genauso zu akzeptieren wie er war. Auch er war ein großartiger Künstler mit einem starken und unbeugsamen Charakter, ging konsequent seinen eigenen Weg. Er brauchte großen Freiraum für eigenes Denken und Tun und genauso brauchte er die liebevolle Rückendeckung eines Menschen – beides gab ich ihm gerne.

Ich liebe den Künstler und verehre ihn, doch ich sehe immer auch den Menschen, der Mitgefühl und Respekt verdient. Den übergriffige Penetranz in seiner freien Entfaltung einschränkt und der niemanden braucht, der sich neugierig in sein Leben drängen will. Darum war es umso schöner, dass OUBEY mich in sein Leben einlud und mich teilhaben ließ an seinem Werk.

 

 

„Marilyn Monroe – Die Unbekannte“, Ausstellung Historisches Museum der Pfalz in Speyer.

 

 

Photo credit: wikimedia/creative commons

Sie denken, das sei eine hypothetische Frage? Keineswegs. Denn dieser unbekannte Mensch war ich, zu Beginn des MINDKISS-Projekts.

Was aus meinen E-Mails dieser Art entstand, ist außergewöhnlich: Encounters mit OUBEY.

Camera on!

Die Idee der „Encounters“ ist folgende: Ein Mensch begegnet einem ihm bis dahin unbekannten Bild von OUBEY und erzählt, welche Gedanken und Gefühle dieses Bild in ihm hervorruft – vor laufender Kamera. Niemand weiß, welches Bild da kommt. Und das Bild bleibt so lange verhüllt, bis die Kamera läuft. Eine ganz neue Form der spontanen Interaktion zwischen Bild und Betrachter – frisch, unbefangen, ursprünglich.

Ich bin bis heute erstaunt und begeistert über die Gedanken, Erkenntnisse und Entdeckungen, die aus den 25 Encounters zu OUBEYs Bildern hervorgegangen sind. Der Paläoanthropologe Prof. Friedemann Schrenk vom Senckenberg Institut der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt zum Beispiel kam zu der Aussage, dass 7 Millionen Jahre der Menschheitsgeschichte in diesem Bild stecken. Das ist eine beeindruckende Aussage, auf die weder ich noch irgendein anderer Mensch vermutlich je gekommen wäre – einzigartig und großartig.

Neue Dimensionen

Als ich mit den Encounters begann, war mir klar, dass diese Unternehmung mit ihren vielen und weiten Reisen zu Menschen auf der ganzen Welt ein großes und aufwendiges Projekt sein würde. Zugleich bot es eben diese großartigen, einzigartigen Möglichkeiten – für OUBEYs Kunst, aber auch für mein eigenes Leben.

Denn die Encounters sind nicht nur Begegnungen anderer Menschen mit einem von OUBEYs Bildern, sie sind immer auch spannende Begegnungen mit diesen interessanten Menschen für mich. Ich lernte Wissenschaftler und Forscher, Musiker, Tänzer und Extremsportler kennen und damit verbunden auch ganz neue Perspektiven auf OUBEYs Kunst. Mein Leben erweiterte sich in kürzester Zeit um viele Dimensionen.

Die MINDKISS Idee

Welche das sind und wie ich überhaupt auf die Idee des MINDKISS-Projekts kam, lesen Sie in meinem E-Book „MINDKISS: Auf OUBEYs Spuren“. Der Download ist kostenlos.

In der Kombination aus dem allen neigen wir dazu, das, was groß, laut und sichtbar ist, in seiner Bedeutung für uns zu überschätzen und das, was klein, unhörbar und unsichtbar ist, in seiner Bedeutung für uns zu unterschätzen.

Wenn man sich die technologische und industrielle Entwicklung der letzten 250 Jahre anschaut, und hierbei dann insbesondere die der letzten zwanzig Jahre ins Auge fasst, dann gewinnt dieser Sachverhalt eine brisante Bedeutung.

Als ich einmal mehrere Stunden im „Museum of Science and Industry“ in Manchester verbrachte, wurde meine bisherige Vorstellung von dem, was die „Erste industrielle Revolution“ in Europa, insbesondere und zuerst in England vor 150 bis 200 Jahren genannt wird, auf eine neue Erlebnisbasis gestellt.

Gigantische Maschinen, mehrere Meter hoch und viele Meter lang, angetrieben zunächst durch Dampf, später durch elektrische Energie, reihen sich dort in der riesigen „Power Hall“ aneinander. Es sind ausgewählte gut erhaltene Exemplare, die repräsentativ für hunderte ihrer Art stehen, die damals in den sich ausbreitenden Fabriken immer öfter zum Einsatz kamen.

Wie mag der Anblick solcher Maschinen wohl auf Menschen im 19. Jahrhundert gewirkt haben, die nie zuvor etwas Ähnliches gesehen hatten? Die bis dahin eigenständig ihr „Handwerk“ verrichtet hatten – sei es in der Landwirtschaft, in ihrer eigenen Werkstatt oder in einer Manufaktur. Wie fremdartig und furchterregend muss die erste Begegnung mit dem monströsen Getöse von Maschinen dieser Art gewesen sein und wie lange mag es gedauert haben, bis Menschen sich an diese neue Substanz in ihrem Leben gewöhnt hatten – ganz unabhängig von den damit verbundenen Arbeits- und Lebensverhältnissen, für die bis heute der Begriff des „Manchester Kapitalismus“ steht.

Diese Veränderung war radikal und sie war brutal. Vor allem aber war sie substanziell physisch erlebbar. Was sich veränderte, war sichtbar, laut und groß und insofern entsprach es dem Wahrnehmungssystem des Menschen wie er es seit zigtausenden von Jahren entwickelt hatte. Eine gigantische Dampfmaschine war als das erkennbar, was sie ist.

Heute stehen wir am Beginn einer anderen Revolution, in der eine neue Art von Technologie und Maschinen herrschen. Das sind nicht mehr die großen sichtbaren Ungetüme, die Dampf und Hitze verbreiten und uns ihren Rhythmus aufzwingen. Es sind Algorithmen, unsichtbare, unhörbare, aber ungeheuer wirkungsvolle Mechanismen, auf die unser Wahrnehmungssystem nicht eingerichtet ist. Virtuelle, substanzlose Welten entstehen. Wir erkennen sie nicht auf den ersten Blick als das was sie sind. Sie zwingen uns nicht, sie verführen uns. So tappen wir von einer Falle in die nächste und fühlen uns dennoch frei und gut in der vermeintlichen Komfortzone.

Unsere Spezies hat sich eine Welt geschaffen, die von zunehmendem Substanzverlust lebt. Was aber bedeutet das? Hier kommt der Philosoph Ludwig Wittgenstein ins Spiel, dem dieser Beitrag seinen Titel verdankt: „Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist. Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.“  (Aus: Tractatus logico-philosophicus, 2.0211/2.0212).

Als Paul Watzlawick sein ebenso kluges wie unterhaltsames Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ schrieb, ahnte er nichts von Wirklichkeitskonstruktionen dieser Art. Auf eine physisch nahezu unmerkliche, sehr leise, unsichtbare, aber dennoch ungeheuer wirkungsvolle Weise stellt uns diese neue Revolution vor die Frage, wie gut und wie schnell wir unser Wahrnehmungssystem und unser Bewusstsein schärfen und weiterentwickeln können, um mit den scheinbar unmerklich und zugleich rapide wachsenden Veränderungseinflüssen intelligent und selbstbewusst umgehen zu können. Im großen Verwirrspiel um Wahrheit und Fake entsteht eine bisher nicht gekannte Art von Realitätsverlust. Die Matrix lässt grüßen. Dass wir fortlaufend Informationen und Daten abgeben, lässt sich heute schon gar nicht mehr verhindern. Doch das Wissen und das Bewusstsein von dieser Entwicklung wächst. Und solange Menschen im Spiel sind, entsteht niemals eine Kraft ohne eine Gegenkraft zu erzeugen.

Das neue Zeitalter ist noch jung. Vor uns liegen einige Dekaden, in denen Weichen gestellt werden.

 

 

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