Menschen können Vieles. Ob sie je einen solchen Stoff erschaffen werden, scheint zumindest fraglich. Menschen sind aber, wenn auch erst seit wenigen Jahrhunderten, gerade dabei, eine Membran ganz anderer Art zu erschaffen. Sie ist nicht kosmischer, sondern irdischer Art. Der Stoff, aus dem diese Membran gewebt ist, nennt sich Zivilisation. Er besteht aus den Erfahrungen und Erkenntnissen, die in winzigen Dosen über zigtausende von Jahren hinweg gewonnen wurden. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder und wieder leichtfertig verspielt. Respekt ist der Grundstoff dieses menschlichen Gewebes. Ein langwieriger und mühseliger Prozess. Das Ende ist nicht absehbar.
Die Decke der Zivilisation, die uns vor den Spielarten der Barbarei und Tyrannei wie wir sie seit Jahrtausenden kennen, schützt, ist genauso hauchdünn wie die Erdatmosphäre, die unseren Planeten vor den tödlichen Strahlen der Sonne schützt. Doch im Unterschied zur Erdatmosphäre umhüllt dieser Stoff bisher immer noch nicht den gesamten Planeten mit all den unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften, die auf ihm existieren.
Menschen, die heute in demokratischen Rechtsstaaten aufwachsen, mögen dazu neigen, diesen Status für selbstverständlich zu halten. Eine gefährliche Haltung, denn er ist alles andere als das. Es ist und bleibt nur eine hauchdünne, verletzliche Membran, die uns von dem trennt, was Generationen vor uns in Europa leidvoll erlebt haben: Entrechtung, Unterdrückung, blutgetränkte Böden. In anderen Teilen dieser Welt heute noch traurige Realität.
Blicken wir über den Horizont unserer eigenen Lebenswelt hinaus, dann sehen wir, dass die Zivilisation des aufgeklärten Westens bis heute keine Hemmungen kennt, das fortzusetzen, was einst durch missionarischen Fanatismus in Verbindung mit geld- und machtgierigem Kolonialismus außerhalb des europäischen Abendlands angerichtet wurde – einst unter dem Deckmantel der Zivilisierung, heute mit anderen Mitteln. Geldgeschäfte mit Waffen an allererster Stelle.
Das Wachstum des lebensbedrohlichen Ozonlochs in der Erdatmosphäre konnte allen Aussagen der Wissenschaft zufolge in den zurückliegenden vier Jahrzehnten durch konsequentes politisches und praktisches Handeln gebremst werden. Wie wäre es, wenn sich das immer noch große Zivilisationsloch auf der Erde im Laufe dieses Jahrhunderts durch konsequentes politisches und praktisches Handeln endlich irgendwann schließen würde?
Viele Menschen bezweifeln bis heute den Sinn und Nutzen der Raumfahrt. Dass wir über ein kollektives Wissen von dieser hauchdünne Membran der Erdatmosphäre verfügen, ist jedoch allein den Aufnahmen der Apollo Astronauten zu verdanken, durch die sie fast genau auf den heutigen Tag vor 51 Jahren für die gesamte Menschheit zum allerersten Mal sichtbar wurde.
OUBEY begeisterte sich für die Erforschung des Weltraums und die Raumfahrt. „Je mehr wir über das Universum wissen, desto mehr wissen wir über uns selbst“, sagte er einmal. Das Universum war für ihn Teil seines Heimatgefühls genauso wie die Erde. Evolutions-, Wissenschafts- und Naturgeschichte beschäftigte ihn intensiv. Und immer wieder auch die Geschichte von den fundamentalen Erschütterungen früherer Gesellschaften durch Kriege wie den 30-jährigen Krieg in Europa oder den amerikanischen Bürgerkrieg. Es war ein hoher Preis, den unsere Vorfahren in diesen und vielen anderen kriegerischen Auseinandersetzungen für das gezahlt haben, was am Ende erreicht wurde: Frieden und auf dieser Basis eine Entwicklungsbewegung hin zu dem, was wir heute eine zivilisierte, d.h. von Bürgern in Selbstbestimmung und Rechtsstaatlichkeit getragene Gesellschaft nennen.
Heute befinden wir uns nun an der Schwelle zum dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Alles scheint möglich. Rückschritt und Fortschritt. Parallele kontrovers wirkende Kräfte. Keine einfache Zeit. Aber wann war die Zeit jemals einfach?
Wenn ich mir, an dieser Schwelle stehend, etwas für die kommenden achtzig Jahre dieses Jahrhunderts wünsche, dann ist dieser Wunsch dem Traum, von dem Martin Luther King seinerzeit vor mehr als fünfzig Jahren sprach, sehr verwandt. Es könnte so einfach sein, wenn wir nicht so wären wie wir sind. Aber es kann vielleicht auch genau nur deshalb möglich sein, weil wir so sind wie wir sind.
Die Geschichte wird es zeigen.
In seiner Eröffnungsrede nannte er dieses Museum „ein lebendiges Haus, das bewohnt wird und dessen Pforten den Völkern der ganzen Welt offenstehen, ein Ort, an dem sich jeder repräsentiert fühlen kann, weil die Kirche niemanden ausgrenzt, keine Ausnahmen macht.“
Dass die katholische Kirche, die fürs Ausgrenzen seit Jahrhunderten bekannt ist, ein solches Signal sendet, überrascht. Dass sie dies unter ihrem derzeitigen Papst Franziskus tut, der seit Beginn seiner Amtszeit bereits für einige Überraschungen sorgte, verwundert weniger. Als erster Papst nichteuropäischer Herkunft, aus Südamerika stammend, ist ihm die frühe wie auch die heutige Kunst außereuropäischer Kulturen vertraut.
Die frühen Hochkulturen der Mayas, Inkas und Azteken waren der europäischen Kultur über Jahrhunderte hinweg weit voraus. Bis ihre Heimat von den Europäern zunächst entdeckt und dann mit brutaler Gewalt in Besitz genommen wurde, damit einhergehend eine selbstherrliche Missionarisierung, die die ungläubigen Heiden zu vermeintlich besseren Menschen machen sollte.
Dieser Teil der Kirchengeschichte, der zugleich auch ein Teil unserer westeuropäischen Geschichte ist, wurde in unseren Geschichtsbüchern jahrhundertelang als glorreiche Geschichte dargestellt.
Insofern erkenne ich in dem Ansatz von Papst Franziskus eine gewisse Einsicht und vielleicht auch etwas, das man Demut nennen könnte: Die Korrektur einer ebenso überheblichen wie überholten Sichtweise nicht nur der katholischen Kirche, sondern der gesamten westlichen Welt. Ein Zeichen des Respekts gegenüber all den Völkern der Erde, die der Westen im Zuge der Kolonialisierung zum Zweck der wirtschaftlichen Ausbeutung wie auch der Unterwerfung im Namen und Interesse der Kirche als unterentwickelte primitive Völker betrachtete und dementsprechend behandelte. Ein Versuch des Zueinanderfindens in einem „lebendigen Haus“ der Versöhnung also?
Keiner weiß, wo die Seele im Menschen beheimatet ist. Sie ist kein physisches Organ, sondern geistiger Natur. Philosophen von Aristoteles bis Leibniz waren davon überzeugt, dass es sie gibt und dass sie nicht nur dem Menschen, sondern allem was lebt eigen ist. Dieser Überzeugung war auch OUBEY, zumal er sich mit beiden Philosophen intensiv beschäftigt hat.
In seiner Kunst findet diese „Seele der Welt“, die ein Teil seines innersten Wesens war, ihren unmittelbaren Ausdruck. Und da diese Kunst frei ist von allen sprachlichen Grenzen, die uns Menschen oft voneinander trennen, wird sie erlebbar für Menschen unterschiedlichster Kulturen. Diese beglückende Erfahrung konnte ich auf meinen Reisen OUBEYs Bildern rund um den Globus immer wieder machen.
So zum Beispiel als Maori, denen ich in Neuseeland begegnete, beim ersten Anblick von OUBEYs Bildern spontan zu mir sagten: „Diese Bilder beginnen sofort mit Dir zu sprechen, sobald Du sie nur anschaust.“
In Momenten wie diesen wurde offensichtlich, dass OUBEYs Vision von der universalen Sprache seiner Bilder sich bewahrheitet, wenn man sie reisen lässt. Deshalb bin ich bis heute froh, dass ich 2010 erstmals meinen gelben Koffer packte, um mit OUBEYs Werken um die Welt zu reisen. So konnte ich die überwältigende Erfahrung machen, dass seine Kunst eine universale Bedeutung hat. Sie berührt die Menschen in ihrem Inneren, ob sie nun in Uganda oder in Neuseeland leben, ob sie nie zur Schule gegangen oder Wissenschaftler sind.
So fremd Kunst uns im ersten Moment manchmal vielleicht auch erscheinen mag, sie erreicht uns – und das nicht nur im Kopf. Dies gilt für alle Kunst, aber ganz besonders für die Kunst, die ohne Worte auskommt: Musik und Malerei. Und es gilt insbesondere auch für all die Gemälde und Sinfonien, auf die das Publikum seiner Zeit ignorant oder ablehnend reagierte, die inzwischen jedoch längst zum wertvollen Schätzen unseres Lebens wurden.
Kunst ist Ausdruck der „Anima Mundi“ und belebt sie zugleich. Führt sie hinaus – zurück in alte und voran in neue Welten der Erkenntnis und Selbsterkenntnis. So war es in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte und so ist es bis heute. Sie kann uns innere Erlebnisse schenken wie es außer ihr nur die Liebe kann. Sie weitet unsere Seele, öffnet unser Herz, kann Barrieren überwinden.
In einer Zeit, in der wir zwar den Fall der Berliner Mauer feiern, zugleich aber ans Errichten neuer Grenzzäune und Mauern denken, ist dieser Gedanke mehr als nur ein weihnachtlicher. Ich höre die Botschaft in der Eröffnungsrede von Papst Franziskus und ich hoffe, sie zeigt Wirkung mit Konsequenz: „Kunst überwindet alle Barrieren“. Und dabei geht es vielleicht zu allererst um die Barrieren, die wir in uns selbst errichtet haben.
Inzwischen sind die damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse von Galileo, Kopernikus und Kepler über den Lauf der Gestirne längst zum Allgemeinwissen geworden. Heute weiß ein jeder, dass die Erde sich sowohl um ihre eigene Achse als auch um die Sonne dreht. Von der Erde als Mittelpunkt des Universums ist schon lange keine Rede mehr. Und doch ist etwas geblieben von der alten Sichtweise, dass die Sonne sich um die Erde bewegt und nicht umgekehrt.
Sie findet ihren sprachlichen Ausdruck bis heute und überall auf der Welt in allen Sprachen. Und zwar immer dann, wenn wir mit größter Selbstverständlichkeit vom Auf- oder Untergang der Sonne reden. Am Morgen geht sie auf, dann wandert sie im Tagesverlauf um die Erde herum und abends geht sie wieder unter. Die Erde steht in diesem Sprachmodell immer noch still. Obwohl wir alle wissen, dass es nicht so ist. Das ist bemerkenswert.
Wie kann es sein, dass wir seit mehr als 500 Jahren noch keinen adäquaten sprachlichen Ausdruck für diesen kosmischen Sachverhalt gefunden haben? Dass wir im 21. Jahrhundert täglich über das Verhältnis zwischen Erde und Sonne so reden als würden wir im 12. Jahrhundert leben?
Vielleicht liegt es an unserem Wahrnehmungsapparat. Wir spüren nichts von der Erddrehung, sondern leben in der Illusion eines fest stehenden Planeten, nur weil der Ort, an dem wir leben, immer im gleichen Kreuz von Längen- und Breitengrad bleibt. Unsere Alltagswahrnehmung lässt uns hin und wieder vielleicht sogar glauben, die Erde sei flach, da wir auf ihr immer problemlos geradeaus laufen können ohne jemals etwas von ihrer Krümmung zu spüren.
Dieser subjektiven Wahrnehmung schafft die großartige Zeitrafferaufnahme von Aryeh Nirenberg. In 55 Sekunden macht sie sowohl die Rotation der Erde als auch deren Krümmung sichtbar, indem sie die Milchstraße als Referenzpunkt nimmt und die Landschaft in Bewegung bringt. Unbedingt sehenswert.
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Die Tatsache, dass wir bis heute den Sprachgebrauch einer Zeit pflegen, in der all dies noch nicht bekannt war, zeigt wie sehr wir in unserem tiefen Inneren noch am geo- bzw. anthropozentrischen Weltbild hängen. Und solange wir keinen zutreffenden Ausdruck für die wahren kosmischen Sachverhalte gefunden haben, wird uns unsere Sprache auch in diesem geistigen Zustand gefangen halten. Solange leben wir in einem permanenten Widerspruch zwischen dem, was die Astrophysik uns lehrt und dem, was unsere sinnlich erlebbare Alltagsrealität uns einredet – und das unbewusst. Unsere Alltagssprache bringt nicht das astrophysikalische Wissen zum Ausdruck, sondern die erlebte Illusion.
Erst wenn wir einen sprachlichen Ausdruck dafür gefunden haben, dass wir die Sonne am Horizont auftauchen sehen, sobald sich unsere Erde lange genug um sich selbst gedreht hat und dass wir sie am Horizont verschwinden sehen, sobald sich unsere Erdkugel dementsprechend weitergedreht hat – erst dann werden wir wirklich ein kosmozentrisches Verständnis von uns selbst und unserer Welt entwickelt haben, das im alltäglichen Denken verankert ist. Erst dann werden wir die tatsächlichen Verhältnisse in unserem Sonnensystem wirklich begriffen haben.
Ob uns das helfen wird, besser mit unserer Rolle auf diesem Planeten klarzukommen, sei dahingestellt. Doch die Tatsache, dass die Wahrnehmung die Sprache und die Sprache das Denken prägt und umgekehrt, ist unbestreitbar. Und wie es sich mit der Wechselwirkung von Wahrnehmung, Sprache und Denken auch immer verhalten mag – ich wüsste zu gerne wie ein adäquater Begriff für das, was wir heute einen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang nennen, lauten könnte.
Vielleicht wird es ja mit Hilfe Künstlicher Intelligenz, befreit von der Selbstbezogenheit unseres Bewusstseins und den Wahrnehmungseinschränkungen unseres menschlichen Gehirns, einen solchen Begriff irgendwann geben. Ich hoffe allerdings, dass uns damit dann nicht auch zugleich die Romantik verlorengeht, die wir mit dem wunderschönen Anblick dessen verbinden, was wir heute noch den Auf – oder Untergang der Sonne nennen.
Dieser einseitigen Sicht möchte ich heute etwas entgegensetzen. Statistisch betrachtet verbringt der Mensch ein Viertel bis ein Drittel seiner Lebenszeit im Schlaf. Das hat die Natur so eingerichtet. Wer glaubt, diese Zeit sei „verlorene Zeit“, der irrt sich. Ich halte es für kein Gütesiegel eines produktiven Menschen, dass er so lange wie möglich wach bleibt und so wenig wie möglich schläft.
„Ich brauche nur vier Stunden Schlaf!“, hörte ich einmal den Vorstandsvorsitzenden eines großen Unternehmens in einer Gesprächsrunde mit jungen Nachwuchsmanagern mit stolzer Selbstverständlichkeit von sich sagen. Die implizite Botschaft dazu lautete „Erstens: Ich bin so wichtig und damit eine derart wertvolle Ressource, dass ich zwanzig Stunden am Tag arbeite und mir das Schlafen nahezu abgewöhnt habe. Und zweitens: Wenn Sie nach oben kommen und genauso wichtig werden wollen wie ich, dann gewöhnen auch Sie sich das Ausschlafen am besten möglichst bald ab.“
Im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart startete im Oktober eine Ausstellung mit Werken von 40 Künstlern zum Thema Schlaf. Der Titel der Ausstellung lautet „Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a Life“ (Mit Tiefenwirkung schlafen, von einem Leben träumen). Die Kuratorin Ruth Noack weist darauf hin, dass dem Schlaf in unserer Gesellschaft nur das notwendige Minimum als Platz eingeräumt wird.
Ich finde es gut, dass hier auch einmal auf künstlerische Weise der Blick auf diesen wichtigen Aspekt menschlichen Lebens gerichtet wird. Denn der Mensch ist mehr als eine Ressource, die an ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und Verwertbarkeit zu messen ist. Schlaf ist dementsprechend kein notwendiges Übel, wie es den Anschein hat, wenn er auf die rein ökonomische Funktion reduziert wird.
Alles was lebt, muss schlafen. Jede Pflanze, jedes Tier und jeder Mensch. Das ist ein Naturgesetz. Manche von ihnen sind nachtaktive Wesen. Sie schlafen dann am Tag. Aber auch sie schlafen irgendwann. Die gesundheitlichen Probleme, die durch dauerhafte Arbeit in Wechselschicht entstehen können, zeigen, wie viel Kraft es kosten kann, den Schlaf an ökonomische Gesetzmäßigkeiten anzupassen. Und Schlafentzug ist nicht umsonst eine besonders perfide Foltermethode im breiten Arsenal menschlicher Schlechtigkeit, zumal ihre dramatischen Folgen keine offen erkennbaren Spuren hinterlassen.
Unser Geist, unser Bewusstsein, unsere Kreativität und Schaffenskraft sind auf den Schlaf angewiesen, auf das Sortieren und Verknüpfen von Erlebtem. Auf die Möglichkeit des Träumens. Das Ausruhen ist wertvoll – zu welcher Tages- oder Nachtzeit auch immer es stattfindet. Der Mensch hat sich durch künstliches Licht und geheizte Räume die Möglichkeit geschaffen, sich von den Jahreszeiten und dem natürlichen Tag- und Nacht-Rhythmus zu verabschieden. Er kann die Nacht zum Tag zu machen, wenn er will und hat damit grundsätzlich die Freiheit, seinen eigenen individuellen Rhythmus zu leben – soweit ihm sein privates oder berufliches Umfeld dies erlaubt. Wer in einer Organisation tätig ist, in der es um Zusammenarbeit geht, wird nicht umhin kommen, tagsüber wach und aktiv zu sein und seinen Rhythmus darauf einstellen. Wer ein Baby oder Kleinkind großzieht, wird zumindest für einige Zeit auf geregelten Nachtschlaf verzichten müssen.
OUBEY hat vor allem und am liebsten nachts gearbeitet, ungestört vom Trubel der geschäftigen Außenwelt des Tages. Es war ein Moment seiner Freiheit und zugleich eine wichtige Grundlage für seine Schaffenskraft, dass er den eigenen, für ihn guten Rhythmus finden und leben konnte. Vielen Schriftstellern, Malern und Musikern geht es ganz ähnlich. Der Welt, die sich im „normalen“ Rhythmus der Mehrheit befindet – und das nicht immer freiwillig – ist diese Arbeits- und Lebensweise vielleicht suspekt.
Für mich aber war es immer selbstverständlich, OUBEYs Rhythmus zu respektieren – auch wenn mein eigener aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit seinerzeit ein ganz anderer war. Genauso respektiere ich den Rhythmus in der Lebens- und Arbeitsweise eines jeden anderen Menschen..
So seltsam es vielleicht auch klingen mag: Das Schlafen ist für mich ein Element und Zustand nicht nur der Erholung, sondern auch der Freiheit und in gewisser Weise sogar des Glücks.
Deshalb: Genießen Sie Ihren Schlaf!
Heute nennen wir das, was wir an diesen Wänden vorfinden Kunst – prähistorische Kunst, um genau zu sein. Es ist eine Kunst, die dem heutigen Betrachter ebenso fremd wie nah erscheint. Fremd, weil sie frei ist von allem, was den Entstehungsprozess von Kunst in den letzten 3000 Jahren beeinflusst hat und was vor allem den heutigen Kunstbetrieb antreibt. Nah, weil sie vielleicht genau aus diesem Grund so unmittelbar, lebendig und berührend erscheint als sei sie gerade eben erst entstanden.
Der einzig mögliche Raum, in dem diese Kunst seinerzeit entstehen konnte und der seinerzeit vor allem ein Schutz- und Lebensraum für unsere Vorfahren war, wurde bereits wenige Jahrzehnte nach der Entdeckung der ersten Höhlenmalereien auch zum Schutzraum für diese Kunst. Im Unterschied zu aller anderen, später in der Sesshaftigkeit entstandenen Kunst, die auf irgendeine Weise meist beauftragte staatliche, aber immer auch öffentliche Kunst war, entstand diese frühe prähistorische Kunst unserer Vorfahren ohne Auftrag oder Bezahlung, zweckfrei aus dem Leben heraus im Verborgenen. In einem Raum geschützter Intimität.
Auch wenn es nicht um den Schutz dieser Intimität, sondern um den Schutz und Erhalt dieser originalen Wandmalerei geht, erscheint es dennoch nur konsequent, dass sie den Blicken der Öffentlichkeit bis heute und auch weiterhin verborgen bleibt. Denn die Höhlen, in denen diese originalen Wandmalereien zu sehen sind, bleiben verschlossen – zum Glück und zum Schutz dieser Kunst. Wäre das nicht so, dann würde sie vermutlich am Ansturm der Massen, dem heute alles ausgesetzt ist, was sehenswert und „instagramtauglich“ ist, elendiglich zugrunde gehen. Was für ein wunderbarer Ausnahmezustand für Kunst in diesen Zeiten!

Links: Paul Klee, Witterndes Tier, 1930; Rechts: Joseph Beuys, Hirsch, 1956
Allein die fotografischen und filmischen Abbildungen dieser Malereien reichten aus, um Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts mehr als nur zu inspirieren. Dazu gehören so großartige Künstler wie Pablo Picasso, Paul Klee, R.A. Penck, Joseph Beuys. Sie haben sich am „Vorbild“ unserer Vorfahren abgearbeitet, und in diesem Prozess sind wunderbare Bilder und Zeichnungen entstanden. Und doch konnte kaum einer von ihnen die Unmittelbarkeit und faszinierende Einfachheit der Reduktion aufs elementar Lebendige, das den originalen Höhlenmalereien zu eigen ist, je wirklich erreichen. Wie sollte das auch möglich sein? Selbstverständlich nicht deshalb, weil es ihnen dazu an malerischen Fähigkeiten gemangelt hätte. Sondern deshalb, weil sie in einem Kontext tätig waren oder sind, in dem es eine Freiheit des Tuns, die vergleichbar mit der unserer Vorfahren vor 30.000 Jahren wäre, längst nicht mehr gab bzw. gibt – jedenfalls nicht solange ein Künstler beabsichtigt, im Kunstbetrieb erfolgreich zu sein indem er seine Werke verkauft.
Die Kunst eines Vincent van Gogh oder die Street Art eines Keith Haring oder Banksy kommen dieser lebensnahen Freiheit der Kunst vielleicht auf eigene Weise sehr nahe. Doch selbst hier ist mittlerweile der Vermarktungskontext in Gestalt von Prominenz an die Stelle der für uns anonym bleibenden Urheberschaft dieser prähistorischen Werke getreten. Diese Freiheit unserer Vorfahren, die einherging mit für uns nicht mehr vorstellbaren alltäglichen Herausforderungen der Existenzsicherung, ist für uns heute lebende Menschen nicht mehr erreichbar – weder im Alltag noch in der Kunst.
Wie gut, dass wir uns dem Vergleich mit unseren Vorfahren auch heute, mehr als 30.000 Jahre später, auf unterschiedlichsten Ebenen immer noch aussetzen können. Das sollten wir auch tun.
Dieser Beitrag basiert unter anderem auf den Inspirationen und Erkenntnissen, die ich aus meinem Besuch der Ausstellung „Préhistoire – Une énigme moderne“ mitgenommen habe, die im Sommer dieses Jahres im Centre Pompidou in Paris zu sehen war.
Kunst und Kultur werden in der Moderne vor allem als Ausdruck der individuellen Gedanken und Inspirationen einzelner Künstler verstanden. Sie waren und sind aber noch immer zugleich auch Ausdruck des Weltverständnisses und Wertesystems einer Gesellschaft. Die Kultur der nordamerikanischen Indianer war – wie die Kultur in den meisten vorindustriellen Gesellschaften außerhalb Europas – geprägt von einer sehr engen Verbundenheit und einem tiefen Respekt vor der Natur.
Als ich zehn war, las ich einen Roman von Karl May nach dem anderen. Darin begegnete mir weniger die ursprüngliche indianische Kultur oder – wenn doch – dann eher in den Klischeevorstellungen eines belesenen und fantasiebegabten Deutschen, der selbst niemals in Amerika gewesen war. Doch was mir in den Geschichten immer authentisch schien und mein Verhältnis zur indianischen Kultur Nordamerikas sehr früh beeinflusst hat, war die von Karl May beschriebene ignorante und skrupellos brutale Vorgehensweise der weißen Einwanderer bei der Durchsetzung ihrer Interessen in der „Neuen Welt“: Macht, Land, Gold und später dann auch Öl.
So fragte ich mich mit zehn Jahren zum ersten Mal, was aus den Ureinwohnern Nordamerikas inzwischen geworden ist, wo und wo sie leben, welche Rolle sie in der amerikanischen Gesellschaft spielen und was von ihrer Kultur übrig geblieben sein mag. Im Laufe der Jahre erfuhr ich immer mehr über dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte, das im innersten Kern ja auch ein Stück europäischer Geschichte in sich trägt, denn die Eroberer waren Europäer, wie man weiß. Ich erfuhr vom Untergang vieler Stämme und ihrer Kultur, aber auch vom Überleben indianischer Tradition und Weisheit in den Reservaten bis zum heutigen Tag.
Dass es nun im Jahr 2019 eine Ausstellung über die Kunst der Indianer im wohl renommiertesten Kunstmuseum der USA gibt, ist aus meiner Sicht ein erster, seit Jahrzehnten längst überfälliger Schritt hin zu historischer (Selbst)Erkenntnis. Dass sie – wie von indianischer Seite wohl zurecht kritisiert wird – von einem weißen Kurator ohne Einbeziehung indianischer Vertreter konzipiert wurde, zeigt, dass der lebensalltägliche praktisch wirksame Respekt vor dieser Kultur noch immer nicht dort angekommen ist, wo er hingehört. Wie die Ausstellung wohl ausgesehen hätte, wenn sie in einer Kooperation entstanden wäre?
Was sie zeigt, ist dennoch sehenswert. Im „American Wing“ des Museums sind Werke der Native Americans in einer enormen Bandbreite ausgestellt – vom meisterhaften Handwerk der Alltagskunst bis hin zu rituellen Masken und Kultgegenständen. Die Schönheit und Sorgfalt, mit der alles, vor allem auch die Alltagsgegenstände, liebevoll und kunstfertig hergestellt wurden – Körbe, Köcher, Schuhe, Jacken, Kleider, Tragegestelle für Babys – ist eindrucksvoll und geht nah. Denn sie ist Ausdruck eines Verhältnisses nicht nur zur Natur, sondern auch zur Zeit und zum Leben, das uns in der zivilisierten hektischen Welt des 21. Jahrhunderts weitgehend abhanden gekommen ist.
Die Ausstellungsstücke sprechen für sich. Zugleich empfand ich die erläuternden Texttafeln hier sehr aufschlussreich, denn sie brachten den Respekt vor der Resistenz und Resilienz der nordamerikanischen Indianer im Kampf um den Erhalt ihrer Lebensräume und ihrer Kultur an dieser Stelle explizit zum Ausdruck. Eine Kultur, die sich die Erde nicht untertan machen wollte, sondern sich selbst als Teil dieser Erde verstand. Der hemmungs- und besinnungsloser Raubbau fernlag. Das Abschießen von abertausenden von Büffeln zum puren Spaß war der Vorbote für den Untergang ihrer eigenen bisherigen Lebensweise.
So hatte ich, während auf dem UN Klimagipfel debattiert, wütend gestritten, und um Argumente und Geld gerungen wurde, das Klimathema auf ganz andere Weise anschaulich und positiv vor Augen – am Beispiel einer beinahe untergegangen Kultur, die dem Planeten Erde das entgegenbrachte, was er heute mehr denn je braucht: Wertschätzung und Respekt.
Insofern werte ich diese Ausstellung trotz der erwähnten Kritik als einen späten, aber dennoch guten Anfang, als Zeichen von Wahrnehmung und Wertschätzung. Vielleicht wird es in zehn oder zwanzig Jahren eine gemeinsam kuratierte Ausstellung im Hauptgebäude des „Metropolitan Museum of Art“ geben, die dann von einer sehr viel größeren Zahl an Menschen besucht und wahrgenommen wird? Ich würde sie mir auf jeden Fall sehr gerne anschauen.
Um Missverständnissen zuvorzukommen: Natürlich sind auch die Indianer keine besseren Menschen gewesen. Das Idealbild des „edlen Wilden“ wie er von Karl May in der Figur des Winnetou erfunden wurde, möchte ich hier nicht bedienen. Aber in der Betrachtung ihrer Kunst und Kultur steckt aus meiner Sicht dennoch ein wertvoller Ansatz für unseren heutigen Umgang als Spezies mit dieser Erde, auf der und von der wir leben: das eigenverantwortliche, bewusste Handeln und Gestalten von Leben auf der Grundlage von Einsichten in die ursprünglichen Zusammenhänge unseres Daseins auf diesem Planeten.
Das so wichtige Klimathema, der Respekt vor unserer Erde und der Zukunft der kommenden Generationen, erfährt aus meiner Sicht in diesen Tagen endlich die Aufmerksamkeit, die ihm in den Industriegesellschaften seit mehr als einhundertfünfzig Jahren immer mehr verloren gegangen ist. Durch die schlichte Erkenntnis, dass wir nicht die Herren des Ökosystems sind, sondern einfach nur ein Teil desselben.
„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ (Weisheit der Cree). Dieser ikonische Gedanke uramerikanischer Weisheit wird durch die Kunst der Native Americans positiv erlebbar. Respekt.
Einige Bilder aus dieser Ausstellung finden Sie hier:
Sie kennen TED noch nicht? Der Name steht als Abkürzung für „Technology- Entertainment-Design“. Es begann in den 80er Jahren mit einer alljährlichen Innovationskonferenz in Kalifornien. Seit im Jahr 2002 Chris Anderson, vormaliger Chefredakteur des Magazins WIRED, die Leitung übernahm, entwickelte sich TED kontinuierlich weiter. Seit vielen Jahren werden die besten Vorträge auf der „TED-Talks“-Website veröffentlicht und erreichen auf diesem Weg Millionen von Menschen auf der ganzen Welt – kostenfrei, versteht sich.
Immer wieder sehe ich mir hier Vorträge zu unterschiedlichsten Themen an – die Bandbreite ist einfach faszinierend. Auch Stefan Sagmeister, der das OUBEY MINDKISS Buch gestaltet hat, trat bereits mehrfach auf TED-Konferenzen auf und sprach dort z.B. einmal über die Frage, ob Design glücklich machen kann. Und über Glück im Zusammenhang mit TED möchte ich heute sprechen.
Denn TED ist durch und durch positiv. Die Geschichten, die erzählt werden, sind zwar manchmal durchaus existenziell und dramatisch. Doch sie enden nie in einer Ausweglosigkeit. Sie zeigen immer einen Weg, eine Idee, durch die ein Problem gelöst oder eine Frage beantwortet werden konnte.
Das finde ich wohltuend und erfrischend. Denn wir werden tagtäglich mit so vielen schlechten Nachrichten und Problemen dieser Welt konfrontiert, dass man meinen könnte, alles werde immer schlimmer. Das liegt nicht zuletzt an einer der Grundregeln von Medienkommunikation, die besagt: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Schaltet man den Fernseher oder das Radio ein, um Nachrichten zu sehen oder zu hören, dann entsteht leicht der Eindruck, dass es kontinuierlich bergab geht mit der Welt.
Ist das die Wahrheit? Ist das die Realität? Ganz bestimmt nicht. Dennoch denken viele Menschen so. Der Blick auf das Positive, das Ermutigende, erscheint ihnen als Verleugnung der Realität. Und so haben viele Menschen den Eindruck, dass die Dunkelheit in der Welt wächst.
Natürlich geschieht viel zu viel Schreckliches und es gibt jede Menge Probleme. Aber es geschieht jeden Tag mindestens ebenso viel Gutes und täglich werden Probleme gelöst oder es wird zumindest an deren Lösung gearbeitet. Auch das ist Realität, wenngleich darüber nicht oder nur wenig berichtet wird.
Entwicklung braucht positive Impulse. Positive Impulse inspirieren uns, ermutigen uns, spornen uns an. Sie setzen Kräfte frei. Genau das tun die „TED-Talks“, wenn man erfährt mit wieviel Erfindungsreichtum, Intelligenz und Mut Menschen eine schwierige oder sogar ausweglos scheinende Situation gemeistert haben. Wir lernen ganz normale und doch zugleich erstaunliche Menschen kennen, die uns ein Beispiel sein können. Vielleicht inspiriert uns ein Ex-Präsident der USA. Oder ein Künstler, der über Glück spricht. Mich beeindruckte ganz besonders ein kleiner afrikanischer Junge, der die Viehherde seines Dorfes vor den um sich greifenden nächtlichen Überfällen durch Löwen schützen wollte, ohne die Raubtiere zu töten. Er kam auf die Idee eine Lichtanlage zu bauen, die sich in der Nacht einschaltet, wenn die Löwen sich nähern und sie vertreibt. Er setzte diese Idee in die Tat um und es funktionierte. Und er zeigte den Erwachsenen seines Dorfes, dass man nicht unbedingt schießen und töten muss, um sich zu schützen. Deshalb hat mich diese Geschichte besonders beeindruckt. Denn diese Wirkung war genauso wichtig wie der Schutz der Herde, denn sie führte zu einem neuen Denken im Dorf. Man muss nicht mächtig oder reich sein, um etwas positiv zu verändern. Man muss nur die Idee haben und die Fähigkeit sowie den Mut, sie auch umzusetzen – und sei es mit den einfachsten Mitteln.
„Ideas Worth Spreading“ lautet der Untertitel der TED-Talks – Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden. Ich finde, von solchen Ideen kann es gar nicht genug geben. Und man braucht für ihre Verbreitung auch nicht unbedingt eine Internetplattform. Allerdings ist TED ja auch selbst ein wunderbares Beispiel einer guten und innovativen Idee, die dazu beiträgt, die Welt ein wenig besser zu machen, indem sie dem Positiven einen Raum und eine Stimme gibt. Vielleicht sind Sie neugierig geworden und schauen mal rein – so wie ich vor vielen Jahren, nachdem ich zum ersten Mal davon gehört hatte? Es würde mich freuen.
Es ist die großartige Vision von herausragenden Astronomen und Ingenieuren auf der ganzen Welt. Das größte Projekt aller Zeiten: Interstellare Raumfahrt zu einem erdähnlichen Planeten. Es könnte tatsächlich realisierbar sein – in ein- bis zweihundert Jahren.
Wie soll das gehen, werden Sie fragen. Das habe ich mich auch gefragt und habe auf diese Frage eine Menge plausibler Antworten gefunden. Von Ingenieuren der Raumfahrt und Astronomen, die wissen wovon sie reden. WissenschaftlerInnen, denen exaktes Analysieren und Planen oberster Maßstab ihres Denkens und Handelns ist. Die z.B. den Mars Rover Curiosity entwickelt, gebaut und im Jahr 2004 erfolgreich aktionsfähig auf unserem Nachbarplaneten gelandet haben. Oder dafür gesorgt haben, dass im Juli 2015 die Raumsonde „New Horizons“ den Planeten Pluto am Rande unseres Sonnensystems passiert hat. Von Voyager 1 und 2 ganz zu schweigen. Doch dies alles, sagen sie, war nur der Anfang.
Diese Menschen bringen die Erfahrungswerte und Forschungsergebnisse ihrer bisherigen Arbeit gedanklich bereits heute in ein Projekt ein, das es noch gar nicht gibt. Auf das sie aber hoffen und für das sie brennen, wenngleich sie wissen, dass sie den Fortschritt der Realisierung und die Ergebnisse der Mission selbst nicht werden miterleben und feiern können.
Und doch entwickeln sie bereits heute Konzepte und finden theoretische Antworten auf Fragen, die zur Realisierung eines derart gigantischen Projekts beitragen werden. Allein die Fragen machen deutlich, welche Dimensionen von Herausforderung mit einem solchen Unternehmen verbunden sein werden. Das sind zum Beispiel Fragen wie diese:
Auf alle diese Fragen gibt die Physik bereits heute theoretische Antworten. Die Theorie zur Lösung der Aufgabe ist vorhanden. Wer sie kennenlernen will, der möge die großartige Dokumentation über das Projekt „Minerva“ anschauen. Das Projekt ist realisierbar. Allein die Realisierung wird Zeit brauchen und eine weltweite Zusammenarbeit erfordern.
Steigt man in die Konkretisierung der Vision ein wenig tiefer ein, wird es atemberaubend spannend: Nach 25 Jahren der Beschleunigung auf einen Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit von 0,3% und 25 weiteren Jahren, die der Vorgang des Abbremsens im Vakuum des Raums erfordert, würde das Schiff den avisierten erdähnlichen Planeten erreichen, und die Künstliche Intelligenz an Bord würde veranlassen, dass die Parabolantenne ausgefahren wird, um die Nachricht von der erfolgreichen Landung an die Erde zu übermitteln. Dieses Funksignal würde viereinhalb Jahre später auf der Erde ankommen. Von da an würde die Künstliche Intelligenz an Bord regelmäßig wissenschaftliche Daten an die Erde funken. Was dann passieren könnte, wenn solch ein von Menschen gebaute Raumschiff auf dem fiktiven erdähnlichen Planeten „Minerva B“ gelandet sein wird, bleibt einstweilen unserer Fantasie überlassen.
Der Gedanke, dass die Menschheit aufgrund ihres heute erreichten Stands an Wissen und Können einen nächsten Meilenstein in ihrer Geschichte erreichen kann, indem sie das eigenen Sonnensystem verlässt und auf einem erdähnlichen Planeten in einem anderen Sonnensystem unserer Galaxis eventuell fremdes Leben entdeckt, beflügelt sie.
Mit solchen Gedanken war OUBEY bereits unterwegs, als er noch lebte. Ich liebte es ihm zuzuhören, wenn er hin und wieder über die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unterfangens sprach und fest davon überzeugt war, dass es keine dreihundert Jahre brauchen würde, bis solch ein Unternehmen tatsächlich stattfinden kann. Zu erfahren, dass ernstzunehmende Wissenschaftler sich nun bereits auf den Weg machen, diesen Gedanken einen Schritt hin zur Realisierung zu bewegen, würde ihn beflügeln und möglicherweise zu neuen Ufern seiner Arbeit führen, wenn er noch leben würde. Seit ich vor kurzem auf Arte TV eine erste Dokumentation über dieses fiktive Projekt „Minerva B“ gesehen habe, beflügelt diese Idee auch mich aufs Neue.
Wir leben in einer Zeit, in der sich das Leben in seiner begrenzten Zeit für viele Menschen immer mehr und für manche nur noch um sich selbst, um Selbstoptimierung, Karriere, öffentliche Aufmerksamkeit und Gelderwerb zu drehen scheint. Dass es in dieser Zeit eine spezielle Art unter den Menschen gibt, der das vollkommen egal ist, weil ihr nichts wichtiger ist als an der Realisierung einer Vision mitzuarbeiten, die weit über sie selbst und ihre eigene Lebenszeit hinausweist, ist in meinen Augen ein Hoffnungszeichen der Evolution. Das ist großartig.
Nein. Bereits am Tag danach war für mich klar, dass sein Lebensende für mich den Beginn einer neuen, anderen gemeinsamen Zeit bedeutet. Ich akzeptierte OUBEYs Tod, aber ich akzeptierte nicht, dass sein Tod auch das Ende für seine Kunst bedeuten sollte. Doch wie und durch wen sollte sie weiterleben und wirken? Einen Künstler, den noch niemand kennt, der nicht mehr lebt, dessen Werk erst noch erschlossen werden muss nun posthum ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen – ohne die Bilder verkaufen zu wollen: Wer außer mir würde wohl bereit sein, das zu tun? Ich wartete nicht, bis sich vielleicht irgendwann jemand finden würde, der diese Aufgabe übernehmen will, sondern gab mir die Antwort selbst, indem ich mit der Arbeit begann. Auf welchen Weg mich diese ersten Schritte in der Zukunft noch führen würden, ahnte ich nicht einmal.
Im ersten Jahr durchlebte ich ein Wechselbad der Gefühle: Der Schock saß tief. Doch auf Momente von großem Schmerz folgten immer länger werdende Phasen der Freude durch die Beschäftigung mit ihm und seiner Kunst. Und auch mit dem, was wir in unserer gemeinsamen Zeit getan und erlebt hatten. Doch selbst wenn man den Tod eines geliebten Menschen akzeptiert, braucht es viel Zeit und Seelenkraft, bis man tatsächlich begreift, dass dieser Mensch nie wieder durch die Tür treten wird. OUBEY war der Mensch, mit dem ich in der gemeinsamen Zeit, die uns vergönnt war, nahezu jeden Tag meines Lebens verbracht hatte und mit dem ich auf symbiotische Weise verbunden war.
Dass ich nie mit dem Schicksal gehadert habe, nie die Frage stellte, warum er so jung und tragisch sterben musste, hat mir sehr geholfen. Denn diese Frage führt in den dunklen Abgrund des Nichts, weil es auf sie niemals eine Antwort geben wird.
Stattdessen war ich entschlossen, das zu tun, was OUBEY tun wollte, nun aber selbst nicht mehr tun konnte: der Öffentlichkeit die Begegnung mit seiner Kunst zu ermöglichen.
Ich hatte keine Ahnung, wie das gehen könnte, aber ich wusste, dass ich einen Weg finden würde. Ich wusste, dass wir trotz allem eine gemeinsame Zukunft haben würden, zumindest solange ich lebe. Und ich war bereit, alles Notwendige zu tun, um seine Kunst in die Welt zu bringen und Menschen in aller Welt für seine Kunst zu begeistern.
Denn ich war mir sicher, dass die Begegnung mit seiner Kunst für Menschen auf der ganzen Welt ein Erlebnis sein würde, das ihnen Freude und auch manche gute Erkenntnis bringt. Also begann ich, mit den Bildern zu Menschen auf der ganzen Welt zu reisen. Es wurde eine fantastische Entdeckungsreise – für die Menschen, die OUBEYs Bildern begegneten genauso wie für mich selbst. Und sie ist noch nicht zu Ende.
Sehr gerne nehme ich Sie in Gedanken auf meine Reise der besonderen Art mit – in meinem kostenlosen E-Book „MINDKISS. Auf OUBEYS Spuren“.
Geht es hier um bloße Effekthascherei oder wirklich um ein Kunsterlebnis von besonderer Qualität, fragte ich mich. Und wollte es wissen. Also habe ich mir das Ganze vor Kurzem einmal mit meinen eigenen Augen angeschaut.
Man muss eine Weile mit der Metro fahren, bis man im 11. Arrondissement ankommt, wo das Atelier des Lumières liegt. Und doch nahmen an diesem Tag außer mir so viele Menschen diese Fahrt auf sich, dass am Eingang eine lange Schlange darauf wartete, ein Ticket zu bekommen – und das abends um 19 Uhr. Ich hatte mir glücklicherweise vorab mein Ticket bereits online gebucht und konnte gleich hinein.
Was mich drinnen erwartete, war erst einmal Dunkelheit und, gemessen an der großen Zahl an Menschen, die sich in der Halle aufhielten, erstaunliche Stille. Und dann: eine Mischung aus Museum und Kino. Gemälde, die vom Künstler seinerzeit einmal schlicht mit Ölfarbe auf vergleichsweise kleinen Leinwänden erschaffen worden waren, erscheinen hier in bewegten Bildern, riesengroß, fragmentiert, herangezoomt – eine gigantische optische Sensation. Dazu kein menschlicher Kommentar, keine Erklärungen oder Interpretationen, aber … begleitende Musik. Wer die Macht der Musik über die Gefühle von Menschen kennt, weiß, wie manipulativ die Verbindung von Bild und Musik wirken kann – auch oder gerade wenn es um Kunst geht.
Filmmusik zeigt das in aller Deutlichkeit. Doch Filmmusik wird vom Produzenten bzw. Regisseur beauftragt und somit in gewisser Weise vom Erschaffer kontrolliert. Hier dagegen haben Menschen des 21. Jahrhunderts den Bildern eines van Gogh aus dem 19. Jahrhundert eine musikalische Begleitung verordnet, auf die der Erschaffer dieser Bilder keinen Einfluss mehr nehmen kann. Jazz, Klassik, Unbekanntes und auch ein Popsong sind dabei.
Also tatsächlich eine Mischung aus Museum und Kino. Das muss bei dieser Art der Präsentation wohl so sein, denn sie verträgt nicht die Stille, die die Betrachtung des Originals geradezu verlangt. Eine derart überwältigende Optik würde sich ohne akustische Begleitung im Raum verlieren und somit niemals die intensive Wirkung entfalten können, die sie hier entfaltet.
Vielleicht stellen Sie sich beim Lesen gerade in diesem Moment diese Frage. Ich habe sie mir gestellt. Und für mich ist das auf keinen Fall eine moralische Frage.
Die Betreiber des Atelier des Lumières werden selbstverständlich alles tun, um möglichst viele Menschen in ihre Präsentationen zu locken, und das gelingt ihnen ganz offensichtlich ja auch sehr gut.
Menschen, die sich ohnehin für Kunst oder in diesem Fall für van Gogh interessieren, mag diese Art der Präsentation vielleicht fragwürdig erscheinen. Doch da gibt es ja auch viele Menschen, denen die etablierte akademisch-museale Präsentation von Kunst fremd ist. Sie besuchen die spektakuläre „Show“ im Atelier des Lumières aus Neugier auf die Andersartigkeit der überdimensionalen digitalen Präsentation. Sie kommen mit ihrer Familie, ihren Kindern und Babies, suchen sich ihren Platz im Raum, lassen sich nieder und genießen die „Show“. Wenn sie damit einen eigenen Zugang zur Kunst oder zu van Gogh finden, der ihnen womöglich Lust auf Mehr macht, dann wäre allein das aus meiner Sicht schon großartig. Und dass die Babies, die ich beobachten konnte, hellauf begeistert von den Farben und Formen waren, die sich an den Wänden zeigten, spricht für sich.
Das Atelier des Lumières ist eine noch junge Einrichtung, seit rund einem Jahr hat der Ausstellungsort geöffnet. Klimt, Hundertwasser, Jugendstil, Art Deco waren die bisherigen Schwerpunkte der Ausstellungen, wobei mittels 140 Videoprojektoren die Kunstwerke auf eine gigantische Oberfläche von 3.300 m² projiziert werden.
Die Wände sind 10 Meter hoch, die Räumlichkeit hat wegen ihrer Größe, der Höhe, der Raumtiefe, etwas Sakrales. Es ist dunkel, ganz dunkel, damit die überwältigenden Videoprojektionen ihre volle Wirkung entfalten können – in gewisser Weise ein Ehrfurchtsraum.
Die Ausstellung erreicht tatsächlich viele Menschen, quer durch alle Altersklassen, quer durch die Nationalitäten. Das schafft sie nicht nur durch die Brillanz der Projektionen, sondern auch durch ihre „Sprachlosigkeit“.
Es gibt keine Headsets, kein Museumsführer, der den Menschen ins Ohr flüstert, was sie über die Kunstwerke wissen müssen oder denken sollten. Das Atelier des Lumières ist kein Ort des Expertenwissens. Es ist ein Ort, an dem die Menschen auf eine neue Weise durch Kunst erreicht und unmittelbar berührt werden. Und das ist meiner Auffassung nach immens wichtig: Neue Wege beschreiten und Technologien einsetzen, um ein Kunsterlebnis zu ermöglichen, dass den Raum für eigene Gedanken, Assoziationen und Interpretationen öffnet.
Deshalb freut es mich, dass das Atelier des Lumières augenscheinlich erfolgreich ist. Es macht Spaß, sich dort aufzuhalten. Die Menschen sind sehr konzentriert, saugen die Bilder förmlich in sich auf. Nur ihrer eigenen Sinneswahrnehmung überlassen.
Diese neu geschaffene Möglichkeit eines rein emotionalen Resonanzraums ist für die gezeigte Kunst ebenso interessant wie für die Menschen, die den Raum besuchen. Sie schafft ein Gegengewicht zur ökonomisierten Kunstwelt einerseits und zur akademisierten Kunstwelt andererseits. Das ist gut und wichtig. Als Gegengewicht kann sie aber nur erfolgreich sein, wenn es auch weiterhin andere Präsentationsformen gibt, von denen sie sich unterscheidet. Präsentationsformen, die zum Beispiel interaktiv angelegt sind, die mehr zum (Hinter)Fragen einladen als zum Konsumieren oder die es auch mal wagen zu provozieren. Die Frage nach dem „gut“ oder „schlecht“ findet somit ihre Antwort in einem „sowohl als auch“. Ein Besuch lohnt sich aus meiner Sicht auf jeden Fall.
Auch die Zahlen zeigen, dass meine Beobachtung in Paris keine Ausnahme mehr ist: In der Juni-Ausgabe von brandeins können Sie nachlesen, dass 40% der britischen Millennials ihren Urlaubsort danach auswählen, wie gut er sich auf Instagram präsentieren lässt – natürlich am besten immer zusammen mit einem Portrait von sich selbst
Das Phänomen des Sightseeing-Tourismus mit der dazugehörenden Fotografiersucht ist nicht neu. Je weniger Zeit ich habe, um einen Ort wirklich zu erleben und kennenzulernen, desto wichtiger ist es, wenigstens im Foto festzuhalten, dass ich tatsächlich dort war. Doch die rasant steigende Zahl an Selfies, die in den sozialen Medien veröffentlicht werden, ist für mich Ausdruck einer neuen Qualität des Umgangs mit der Wirklichkeit, dem Leben und sich selbst.
Sie erinnert mich an die Geschichte von Narziss, dessen Eitelkeit damit bestraft wurde, dass er sein Spiegelbild in einer Wasseroberfläche sieht und sich so sehr in dieses Bild verliebt, dass er gar nicht genug vom Anblick seines Antlitzes bekommen kann – ohne je zu wissen, dass es sein eigenes Spiegelbild, d.h.er selbst ist, in den er sich verliebt hat. Das ist die Strafe. Wahrscheinlich weiß kaum noch jemand, dass Selbstverliebtheit in der Antike als Strafe galt. Nemesis – oder nach anderen Quellen Artemis – verdammte Narziss zu dieser unstillbaren Liebe zu seinem Spiegelbild.
Die alten Griechen sind uns in manchen ihrer Erkenntnisse bis heute mindestens ebenbürtig. In dieser sind sie uns vielleicht sogar überlegen. Denn auf die Idee, dass Eitelkeit mit Selbstverliebtheit bestraft wird, käme heute wohl niemand mehr. Umso interessanter finde ich diese antike Geschichte, wenn ich über die Selfie-Manie unserer Tage nachdenke.
Im Falle der Selfies benutzen wir die Kamera quasi als Spiegel, in dem wir uns selbst sehen. Dabei sollte sie, wie Wim Wenders es so schön gesagt hat, ein Auge sein, durch das ein Mensch die Welt sieht.
Nur gehen wir noch weiter: Wir wollen uns nicht nur ständig selbst sehen, wir teilen diese Bilder von uns auch pausenlos mit der ganzen Welt. Der Blick auf die Welt rückt dabei in den Hintergrund, denn die Welt bin ich. Und sie ist besonders schön, wenn ich von möglichst vielen anderen gesehen werde, die mir möglichst viele Likes schenken, versteht sich.
Natürlich kann das jeder so machen, wie er möchte. Aber ich frage mich schon, was der Bedeutungsrahmen dieser Selfie-Kultur ist.
„In der Zukunft wird jeder einmal für 15 Minuten lang berühmt sein.“, sagte Andy Warhol in den 1960er Jahren voraus. Er hatte damals bereits erkannt, dass wir uns in ein Medienzeitalter hineinbewegen, in dem jeder sich wie ein Star fühlen kann, nur weil er mal kurz im Fernsehen zu sehen ist. Heute spielt das Fernsehen hierbei zwar auch immer noch eine gewisse Rolle. Doch durch das Internet kann heute jeder allen auf der ganzen Welt jederzeit mitteilen: Schaut her, wie toll ich bin und was ich alles Tolles mache.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich finde es großartig, dass heute jeder seine Ideen in Blogs oder Podcasts und Videos auf YouTube oder anderen Plattformen teilen kann. Davon profitieren insbesondere viele junge Menschen, die künstlerisch, technisch oder praktisch etwas drauf haben, was andere begeistert oder ihnen im Alltag konkret weiterhilft. Dieses ganze Wissen und Können blieb früher nur allzu oft im privaten Umfeld stecken, wurde von Verlagen und Agenturen einfach ignoriert und kam deshalb nie ans Licht der Öffentlichkeit. Gut, dass das heute anders ist!
Doch ob ich nun gerade irgendwo auf der Welt einen Latte Macchiato trinke oder Sushi esse – mal ehrlich: wer muss das denn wirklich wissen? Wen interessiert das? Die Nachwelt ganz sicher nicht. Wohl aber die, die genauso unterwegs sind und mit ihrem eigenen nächsten Selfie noch eins draufsetzen? So stellt die Überflussgesellschaft ihren Lebensstil ungebremst und selbstverliebt öffentlich zur Schau. Selbstverliebt ohne zu erkennen, dass sie nur sich selbst liebt. Narziss lässt grüßen.
Welche Motivation auch immer dahinter steckt – eines geht in der Selfie-Manie auf jeden Fall verloren: Der Genuss an der Vergänglichkeit des schönen Augenblicks und das Vertrauen darauf, dass das Beste immer nur das ist, was uns im Gedächtnis bleibt.
Schon immer haben Menschen ihre Erlebnisse, wichtige Ereignisse oder interessante Personen in Bildern festgehalten – angefangen von den großartigen Höhlenmalereien unserer Vorfahren vor mehr als 30.000 Jahren bis hin zu den Gemälden, Portraits und Zeichnungen eines Dürer, da Vinci, Brueghel, Bosch oder Goya. Bis dann vor rund 150 Jahren die Fotografie erstmals ganz neue Möglichkeiten eröffnete, die für uns heute längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind.
Doch wenn Menschen heute einen großen Teil ihrer Lebenszeit damit verbringen, sich selbst optimal in Szene zu setzen und das beste Selfie-Motiv zu finden, und wenn ihr Blick sich nur noch selten vom Display ihres Smartphones löst, dann geht ihnen die Freiheit verloren, diesen Moment einfach nur zweckfrei und intensiv zu erleben. Vereinfacht gesagt, schlägt dann das Digitale das Analoge.
Ich finde, dass wir die Möglichkeiten des Internets und der Digitalisierung bewusst und gezielt nutzen sollen. Ich glaube aber auch, dass wir – je mehr wir in die digitalisierte Wirklichkeit hineinwachsen, ein ebenso großes Bedürfnis nach Erlebnissen in der analogen Welt entwickeln. Und ich habe den Eindruck, dass die Lust auf das Original, auf das Authentische grundsätzlich wieder wächst. Das macht mich hoffnungsfroh – auch in Zeiten der Selfie-Manie.
Nehmen wir zum Beispiel das Entstehen von Leben: Zufall oder Bestimmung? Welcher Samen welches Ei findet und befruchtet, dürfte angesichts ihrer ungeheuren Zahl von Zufall sein. Doch in der Millisekunde, in der dieser Zufall seine Wirklichkeit findet, verwandelt er sich in Bestimmung. Im Moment der Befruchtung sind Bestimmung und Zufall nichts Getrenntes mehr. Sie sind ein und dasselbe. Jedes Lebewesen ist mit seiner ganzen genetischen Ausstattung, seinem späteren Aussehen, seinem Werden genau in solch einem einzigen winzigen singulären, einzigartigen und irreversiblen Moment entstanden, in dem Bestimmung und Zufall eins miteinander waren. Die Frage woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen, beantwortet sich unter dieser Betrachtung immer wieder neu.
Genauso ist es mit der Liebe, genauso ist es mit dem Tod. Und genauso ist es mit der Kunst.
In der Liebe, im Tod und in der Kunst können wir solch einen Moment der unerklärlichen Berührung zwischen Bestimmung und Zufall erleben. Wenn man Beethovens Mondscheinsonate immer und immer wieder hört, kann man einen leisen Hauch dieser Singularität spüren. In ihrem Klang spiegelt sich ein Hauch von Unendlichkeit.
„Die Unendlichkeit existiert nur im Augenblick“ sagte OUBEY einmal. Bis heute bringt mich diese Aussage von ihm immer wieder ins Denken. Hin und wieder, in manchen Momenten, kann ich die Bedeutung, die in diesen wenigen Worten liegt, erahnen. Dann ist es einfach nur die Faszination dieses Moments, die mich bewegt. Das ist nicht planbar. Es geschieht einfach unerwartet und dass es genau in diesem Moment geschieht, ist vielleicht selbst schon solch ein singuläres Ereignis, in dem sich diverse Energien aus unterschiedlichen Richtungen und in unterschiedlicher Stärke für einen Moment treffen. Solche Momente anzunehmen, auszukosten und zu genießen, ruft in mir ein kurzes, aber lange nachschwingendes, großes Glückserleben hervor.
Irgendwann berühren sich Bestimmung und Zufall vielleicht auch in unserer nächsten Existenzform noch einmal. Vielleicht im Moment des Todes. Das ist eine sehr schöne Vorstellung, die verrückter klingen mag als sie tatsächlich ist.
Wir Menschen trachten danach, für alles, was wir nicht verstehen, ein Wort, eine Erklärung, eine Ordnung zu finden, in der Hoffnung, damit dem Verstehen zumindest einen Schritt näher zu kommen. Das ist einerseits gut so, ist zugleich aber immer auch ein Irrtum. Und es ist ein großes Glück, wenigstens für einige kurze Momente, von diesem Irrtum befreit, den wahren Grund allen Seins, allen Werdens und allen Vergehens zu erahnen. Solch einem glücklichen Moment sind diese Gedanken entsprungen. Sie erheben nicht den Anspruch, gültig zu sein. Doch in einem subjektiven Sinn sind sie wahr.
Und dass ich diese Gedanken an dieser Stelle genau heute, am 2. August 2019, öffentlich teile, hat seinen Grund. Denn heute vor fünfzehn Jahren, am 2. August 2004, verlor OUBEY, von dem der innerste Gedanke dieses Beitrags stammt, durch einen kuriosen Unfall auf unvorhersehbare und tragische Weise im Alter von sechsundvierzig Jahren sein Leben. Bestimmung oder Zufall? Oder beides vereint im Bruchteil einer Sekunde? Ein Augenblick, in dem für ihn die Unendlichkeit begann.
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Das Bild von OUBEY entstand im Stadtpark von Aberdeen während unserer Schottlandreise im August 2002.
Die Idee, ein Buch über OUBEY und seine Kunst zu veröffentlichen war die erste Idee, die mir nach seinem Tod durch einen Verkehrsunfall im Jahr 2004 in den Sinn kam. Doch wie müsste ein Buch konzipiert und gestaltet sein, das ihm und seiner Kunst gerecht wird? Schnell war klar, dass der Gedanke zwar gut und naheliegend war, aber noch seine Zeit brauchte. Ich stellte die Buchidee erst mal zurück und entschied mich für den damals sehr innovativen Weg übers Internet. Mit einer Website über OUBEY und seine Kunst würde ich wesentlich mehr Menschen erreichen können und interaktiv wäre sie obendrein auch noch.
Zu diesem Zeitpunkt lernte ich durch einen glücklichen Zufall den Grafikdesigner Stefan Sagmeister kennen und fragte ihn, ob er eventuell das Design für den Internetauftritt von OUBEYs Kunst entwerfen würde. Seine Antwort: „Ich mache keine Websites, nur Bücher.“ „Ein Buch brauche ich auch“ erwiderte ich spontan. Er lächelte. So landete ich bei der Suche nach einem Webdesigner zu meiner Überraschung ein Jahr später dann wieder bei der Buchidee.
Die Frage, ob es tatsächlich Zufall gibt oder nicht, hat schon viele Philosophen beschäftigt. In meinem Fall ist klar, dass ich meine erste Begegnung mit einem der besten und inzwischen wohl auch berühmtesten Grafikdesigner der Welt nicht dem Zufall verdankte, sondern vielmehr dem Zusammenwirken einiger gut vernetzter Menschen, die ihre Freude daran hatten, das Ganze hinter meinem Rücken zu arrangieren. Sie schleusten mich in eine Reisegruppe von Kunstmäzenen auf deren Reise nach New York ein, und ließen mich wissen, wann und wo diese Gruppe Herrn Sagmeister treffen würde – drei Tage später in New York.
Also flog ich drei Tage später zum ersten Mal in meinem Leben nach New York. Als ich ihn dort tatsächlich traf, hatte ich noch immer keine Ahnung, wer er eigentlich war, welch tolle Projekte er bereits für Stars wie Lou Reed, die Talking Heads oder die Rolling Stones gemacht hatte und schon gar nicht, dass er dafür mit dem Grammy und anderen großen Preisen überhäuft worden war. Ein Star unter den Designern. In unbeschwerter Ahnungslosigkeit ging ich auf ihn zu und fragte. Sein freundliches Lächeln ermutigte mich.
„Bevor ich Ja oder Nein sage, muss ich erst einmal Arbeiten von OUBEY sehen. Ich übernehme nur Projekte, von denen ich selbst absolut überzeugt bin“, war seine Reaktion. Das schreckte mich nicht, ganz im Gegenteil: Von diesem Moment an war ich mir sicher, dass er der Richtige für dieses Buchprojekt sein würde. „Dann komme ich in ein paar Monaten noch einmal mit Bildern von OUBEY im Gepäck“ meinte ich. Und so war es dann auch.
Als ich ein halbes Jahr später mit meinem Laptop voller Bilder bei ihm im Studio saß, schaute er sie sich in aller Ruhe an. Ich spürte, dass er sie interessant fand und fragte ihn zum zweiten Mal. Seine Antwort war weder Ja noch Nein. Stattdessen fragte er mich einfach: „Was halten Sie von fünf Bänden in einem schönen Schuber?“
Ich war auf Anhieb begeistert. Mit wenigen Blicken auf einige Bilder hatte er sowohl die Vielfalt als auch die Konsistenz in OUBEYS Kunst erkannt. Beides fand schließlich im MINDKISS Buch seinen kongenialen und sensationellen Ausdruck: Fünf zierliche Bände, die die Unterschiedlichkeit und Eigenständigkeit von OUBEYs Arbeit zum Ausdruck bringen, vereint in einem grandiosen Schuber, der zeigt, das alles miteinander verbunden ist.
Ein ganzes Jahr war ich damit beschäftigt, die Bilder für die verschiedenen Bände auszusuchen und die Reihenfolge ihres Erscheinens in jedem Band zu entscheiden. Auf dieser Basis begannen Stefan und sein Team, allen voran Roy Rub und Seth Labenz, mit der Ausgestaltung. Im Innern bekam jeder Band sein eigenes Farbklima, im Cover waren sie sich alle gleich: strahlend metallisches Silber. Selbst eine eigene Schrift wurde für dieses Buch entwickelt – sehr mathematisch und zugleich von großer Transparenz und Leichtigkeit. Rätselhaft für jeden, der sie zum ersten Mal sieht, aber dennoch lesbar. Auf dem Buchrücken jedes Bands eine Ansammlung kleiner Pixel. Wenn die Bände in einer bestimmten Reihenfolge zusammenstehen, dann ergibt sich das Wort „OUBEY“. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus und als dann ein Paket mit dem Prototyp des Schubers bei mir ankam, war ich sprachlos. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen.
Erst als wir soweit gekommen waren, ging für mich die Textarbeit los.
Ich wandte mich an einen renommierten Texter, der auf der Grundlage meines Inputs für jeden Band einen längeren Einführungstext schrieb. Sehr gute Texte. Doch ich spürte, dass sie nicht das waren, was ich für das Buch wollte.
Während einer hochspannenden Diskussion half mir dann die unlängst verstorbene Annemarie Monteil aus Basel, Kunstkritikerin und Freundin, auf die Sprünge: „Weißt du, Dagmar, das Beste an den Texten sind die Originalzitate von OUBEY. Alles andere schmälert die Kunst, weil es ihr nur Kleider überzieht, die sie nicht braucht.“
Wow, das saß. Denn wir waren mit den Texten zu diesem Zeitpunkt eigentlich fertig. Aber ich wusste sofort, dass sie Recht hat. Und ich bin, wenn es notwendig ist, radikal und konsequent genug, um etwas vollkommen neu zu überdenken. Das Bessere ist der Feind des Guten.
Die Texte schrieben im konventionellen Stil von Kunstbüchern und Katalogen über OUBEYS Kunst. Da schrieb jemand dem Leser vor, wie er die Bilder zu finden hat. Aber OUBEYS Kunst sollte jeder für sich selbst entdecken. Die Menschen sollten seiner Kunst so frei begegnen wie möglich, und nicht schon durch die honorige Stimme eines Dritten irgendeinem Interpretationsschema folgen.
Also war klar: Wir brauchen neue Texte!
Stefan Sagmeister war ein bisschen geschockt. Er begann wohl langsam daran zu zweifeln, ob das Buch jemals fertig werden würde. Doch zum Glück war durch die mehrjährige Zusammenarbeit mittlerweile so viel Vertrauen entstanden, dass er mir abnahm, dass ich gute Gründe für diese Kehrtwendung hatte und am Ende etwas Besseres dabei herauskommen würde. Natürlich sind solche radikalen Entscheidungen immer auch mit einem Risiko verbunden. Doch ich war mir nun absolut sicher: OUBEYS Kunst sollte nicht beschrieben, erklärt oder interpretiert werden. Nicht in diesem Buch und auch in keiner anderen Produktion des Projekts. Diesem Grundsatz bin ich bis heute treu geblieben.
So gibt es in den fünf Bänden des Buchs jeweils nur drei kurze Texte: Ein Originalzitat von OUBEY selbst, ein Stück Text aus einem Buch oder ein Gedicht, das OUBEY viel bedeutet hat, und am Ende noch ein kurzer Text von mir, in dem es aber ausschließlich um Hintergrundgeschichten zur Entstehung der Bilder geht.
Diese neue Textstruktur zu entwickeln, hat noch einmal ein paar Monate gedauert – und mir dabei viel Freude bereitet. Auf meiner Odyssee zu dem, was MINDKISS ausmacht, war ich an einem Punkt großer Klarheit angelangt, nicht nur für das Buch.
2010 war es dann endlich soweit. Das Buch erschien im Deutschen Kunstverlag – limitierte Auflage, 1000 einzeln nummerierte Exemplare, und es erhielt auch bald drei bedeutende Preise für sein herausragendes Design. Gemeinsam mit der ersten Version der Website www.oubey.com und dem Film „OUBEY Experience“ wurde es im ZKM Karlsruhe am 23. März 2010 der Öffentlichkeit präsentiert. Noch sind nicht alle Exemplare verkauft, doch es wird definitiv keine Neuauflage geben. So wie die Geschichte dieses Buchs einzigartig ist, wird auch das Buch einmalig bleiben.
Oft werde ich gefragt, ob ich eins von OUBEYs Bilder verkaufen würde. Und viele, die einen Encounter mit einem seiner Bilder erlebt haben, hätten dieses Bild gerne bei sich behalten. Aber da ich ja keines von OUBEYS Bildern verkaufe und die Bilder nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen sind, wurde das Buch zu einer Möglichkeit, wie Menschen OUBEYS Kunst nicht nur kennenlernen, sondern auch mit nach Hause nehmen können.
Und wenn mir glückliche Besitzer des Buches dann gelegentlich ein Foto zuschicken, auf dem das Buch in einem Regal, einer Vitrine, auf dem „Lesetisch“ oder im Schaufenster des eigenen Geschäfts zu sehen ist, dann freue ich mich darüber, dass der lange und sehr ungewöhnliche Entstehungsprozess dieses Buches zu einem Ergebnis geführt hat, das nicht nur bedeutende Preise eingebracht hat, sondern auch Menschen wirklich begeistern kann. Von meinem eigenen Lernprozess in dieser Geschichte einmal ganz abgesehen.
Ich jedenfalls hatte diesen Traum in den Weltraum zu fliegen schon als Kind. „Peterchens Mondfahrt“ war mein Lieblingsmärchen. Wie Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt war ich später dann ebenso fasziniert wie berührt von der legendären Aufnahme, die William Anders aus der Apollo 8 heraus machte: Die strahlend blaue Erdkugel, frei im Dunkel des Weltraums schwebend. Und durch die Begegnung mit OUBEY entdeckte ich auch mein Interesse an der Science-Fiction mit ihren fantastischen Geschichten über menschliche Expeditionen in die Weiten des Alls, wie sie beispielsweise Perry Rhodan als Held der einzigartigen gleichnamigen Serie erlebt. Kennen auch Sie diese Sehnsucht?
Auch wenn wir heute enorm viel über das Universum, seine Struktur und seine Entstehungsgeschichte wissen und erklären können, bleibt der Blick hinauf in den Nachthimmel zum Mond und den Sternen doch noch immer etwas Wunderbares, das wir in seiner Größe und Bedeutung nicht wirklich verstehen, das uns zugleich aber anzieht und beschäftigt wie wenig anderes. An Orten wie Ayers Rock in Australien, an denen es meilenweit kein elektrisches Licht gibt, erstrahlt der Nachthimmel in einem ganz besonders intensiven Glanz. Menschen, die dort eine Nacht verbracht haben, berichten, dass dieses Erlebnis ihre Seele tief berührt hat.
In solchen Momenten spüren wir unsere tiefe Verbindung zum Weltall. Der Anblick allein eröffnet uns Zugang zu dem unbewussten Wissen, dass wir dort herkommen und dort wieder hingehen. Jeder Astronaut, der im Weltall war, sagt, dass er verändert wieder zurückgekommen ist.
Und natürlich ist da auch die Neugier, unbekannte Welten zu entdecken und zu erobern, Grenzen zu erproben und zu überschreiten – im Kopf wie auch in der Realität. Die Erde tatsächlich zu verlassen, um auf dem Mond oder einem anderen Planeten zu landen, wurde spätestens seit Jules Verne zu einer so starken Idee, dass sie nur hundert Jahre später von Menschen tatsächlich realisiert wurde. Eigentlich kaum zu glauben, aber doch wahr.
So wie die Entdecker und Abenteurer einst die heimischen Häfen Europas verließen, um in die Neue Welt überzusetzen, so verlassen Menschen in der Zukunft vielleicht ihren Heimatplaneten ganz, um ein neues Zuhause im Weltall zu finden.
Die Besiedlung des Weltraums – eine aufregende Idee, die auch OUBEY bereits während seines Architekturstudiums im Rahmen eines Projekts zur „Gestaltung Prototypischer Raumkolonien“ beschäftigte. Technische, architektonische, biologisch-ökologische und psychologisch-soziale Fragen wurden auf wissenschaftlichem Niveau bearbeitet und, im Rahmen der Möglichkeiten, beantwortet. Die Projektdokumentation ist heute noch interessant zu lesen.
Ein Gedanke dahinter war der: „Durch einen glücklichen Zufall hat es uns wie auch vielfältigstes Leben anderer Art hierher geweht. Wir Menschen haben als Spezies auf dieser Erde im Laufe der Evolutionsgeschichte eine sehr erstaunliche Entwicklung genommen. Dabei haben wir uns vor allem in den letzten zweihundert Jahren geradezu rasant vermehrt und immer mehr Raum eingenommen. Das tut der Erde nicht gut. Deshalb sollten wir sie in Ruhe lassen und uns da draußen eine neue Heimat schaffen. Wie könnte oder sollte dieser neue Raum aussehen?“
Was für eine herausfordernde Aufgabenstellung, an der Ermöglichung dieser Ideen zu arbeiten.
Der Schritt von einer Raumfahrt, die ausschließlich ausgebildeten und ausgewählten Astronauten offensteht, hin zur Möglichkeit eines Weltraumtourismus steht uns nun jedenfalls schon mal sehr konkret bevor. So weit, so gut, so schön …?
Sehnsuchtsorte der Menschheit gibt es ja schon lange. Bis vor sieben oder acht Jahrzehnten waren vor allem die weit entfernt liegenden Sehnsuchtsorte nur für Menschen mit entsprechendem Vermögen erreichbar. Indem sich dann mit dem Aufkommen des Massentourismus immer mehr Menschen ihren Traum vom paradiesischen Urlaubsziel erfüllen konnten, trat umgekehrt ein Prozess der Zerstörung dieser einstigen Sehnsuchtsorte ein. Denn wenn jeder, der sich einen einsamen Palmenstrand wünscht, ihn auch bekommt, ist der Strand die längste Zeit einsam gewesen. Von anderen unerwünschten Nebenwirkungen einmal ganz abgesehen.
Ein Ausflug zur ISS wird erst einmal nur für Reiche möglich sein, die eine solche Ausgabe schmerzfrei entbehren können. Der Tourismus dorthin wird deshalb und aufgrund der Tatsache, dass die ISS nur einer sehr kleinen Zahl von Besuchern Raum bietet, begrenzt bleiben. Ob überhaupt und, wenn ja, wann diese Grenzen in Richtung eines Massentourismus gesprengt werden, ist nicht absehbar. Was passieren würde, wenn der Weltraumtourismus sich so entwickeln sollte, dass er für Normalverdiener erschwinglich wird, bleibt also erst mal eher Science-Fiction.
Die Fantasie lässt viele Szenarien zu. Würde uns ein Weltraum-Tourismus als Menschheit weiterbringen, indem wir unser Bewusstsein schärfen, die Zusammenhänge zwischen Kosmos, Erde und Mensch besser zu erkennen und uns in diesen Zusammenhängen neu einzuordnen? Oder würden wir als Touristen den Weltraum genauso behandeln, wie wir es bisher mit den Sehnsuchtsorten und Sehenswürdigkeiten auf dieser Erde getan haben?
Die Lust an hemmungsloser Expansion in diesem Sektor nimmt auf der Erde immer noch zu und hat mit den gigantischen Kreuzfahrtschiffen, die seit einigen Jahren beispielsweise täglich die Lagune von Venedig okkupieren, einen nächsten Höhepunkt erreicht. Tausende von Menschen werden entladen, fallen einen halben Tag über die Stadt her und wenn alle am Abend wieder an Bord sind, geht es weiter zum nächsten Station. Wer die Bilder gesehen hat, weiß, wovon ich spreche.
Ich bin und bleibe begeistert von der Erforschung des Weltraums durch Astronomen und Astronauten, die zugleich Experten unterschiedlichster Wissenschaftsrichtungen sind. Ich finde die Idee einer Besiedlung anderer Planeten in künstlich angelegten Weltraumkolonien nach wie vor faszinierend. Die Fortschritte bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz eröffnet hier ganz neue Perspektiven, die bis vor zehn oder zwanzig Jahren nur als Science-Fiction vorstellbar waren, nicht aber als immer realistischer werdende Option. Doch ich bin auch skeptisch, wenn ich an mögliche Begleiterscheinungen und Konsequenzen denke, die hierbei durch die bekannten Verhaltensmuster und Einstellungen unserer Gattung hervorgerufen werden können. Sind wir in der Lage, diese selbst erstellte Herausforderung nicht nur technisch und physisch zu meistern, sondern auch ethisch?
Was meinen Sie?
Diese geradezu poetische Aussage über das, was es bedeutet, Künstler zu sein stammt von Dennis Hopper. Nein, nicht von Edward, dem Maler, sondern von Dennis, dem Filmschauspieler und Regisseur, der auch ein sehr guter Fotograf war und auch selbst malte.
Er gehörte wohl zu den exzentrischsten Persönlichkeiten, die Hollywood je erlebt hat. Wurde berühmt durch Easy Rider (1969), in dem er auch Regie führte, und 1rbeitete mit den weltbesten Regisseuren in legendären Filmen wie, Apocalypse Now (1979), Blue Velvet (1986), Speed (1994) und Waterworld (1995). Wim Wenders und Bruno Ganz waren bei den Dreharbeiten zu „Der amerikanische Freund“ einst wohl kurz davor, an seinen Attitüden zu verzweifeln, als sich die Zusammenarbeit in einer langen gemeinsamen, alkoholbegleiteten Nacht der beiden Schauspieler dann glücklicherweise zum Positiven wendete.
Cineasten, die wir waren, verband OUBEY und mich von „Blue Velvet“ an – dem ersten Film mit Dennis Hopper, den wir gemeinsam im Kino gesehen haben – eine Begeisterung für diesen großartigen Schauspieler. Vor zwei Jahren entdeckte ich dann zufällig den ausgezeichneten und sehr intensiven Dokumentationsfilm „Uneasy Rider“ von Hermann Vaske über Dennis Hopper. Darin finden sich, neben dem Eingangszitat dieses Beitrags, so viele substanziell kluge Gedanken über Kunst, Leben und Tod, dass ich einige seiner Gedanken heute hier unkommentiert teilen möchte.
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Finde Deine Antwort und folge ihr
Frage Dich in den stillsten Momenten Deiner Nacht: Muss ich schreiben? Gehe tief in Dich, um diese Frage zu beantworten. Und wenn die Antwort positiv sein sollte, und wenn Du dieser ernsten Frage mit einem starken „Ich muss“ entgegnest, dann gestalte Dein Leben so, dass es zu dieser Notwendigkeit passt.
Ganz allein in sich selbst
Es geht immer ums Austragen und Gebären. Jeden unvollkommenen Eindruck und jeden unvollkommenen Keim eines Gefühls zur Vollendung kommen zu lassen, ganz allein in sich selbst, im Dunkel, im Unsagbaren, im Unbewussten jenseits der Reichweite eigener Intelligenz/des Verstandes in großer Demut und Geduld abwarten. Die Geburtsstunde einer neuen Klarheit. Das allein (und nichts anderes) ist das Leben eines Künstlers.
Die Kunst ist eine Art zu leben
Auch die Kunst ist eine Art zu leben. Darum schütze Dich vor diesen allgemeinen Dingen und gehe denen nach, die Dein tägliches Leben Dir bietet; beschreibe Deine Sorgen und Sehnsüchte, vorüberziehende Gedanken, den Glauben an eine Art von Schönheit – beschreibe all das mit liebevoller, stiller, bescheidener Aufrichtigkeit und nutze es, um selbst einen Ausdruck für die Dinge in Ihrer Umgebung zu finden, für die Bilder aus Deinen Träumen und die Gegenstände Deiner Erinnerung.
Das ist Kunst
Mir gefällt was Duchamp einmal über “den Künstler der Zukunft” sagte, „der ein Mann sein wird, der mit dem Finger zeigt und sagt `Das ist Kunst´ und dann wird es Kunst sein.
Der Künstler muss eine Welt für sich sein
Vielleicht kommt es soweit, dass man Dich einen Künstler nennt. Dann nimm´ dieses Schicksal an und trage es, seine Last und seine Größe, ohne je zu fragen, welchen Lohn Du dafür von der Außenwelt bekommst. Denn der Künstler muss eine Welt für sich sein und alles in sich selbst und in der Natur finden, mit der er selbst verbunden ist.
Der einzige Mut, der von uns gefordert ist
Das ist im Grunde der einzige Mut, der von uns gefordert ist: den Mut zu haben für das Seltsamste, Einzigartigste und Unerklärlichste, dem wir möglicherweise begegnen. In diesem Sinn ist die Menschheit feige gewesen, hat dem Leben endloses Leid angetan. Erfahrungen, die „Visionen“ genannt werden, die ganze sogenannte Welt des Geistes, der Tod und all diese Dinge sind so nah, sie gehören zu uns.
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Hopper´s Aussagen stehen und sprechen für sich. Sie brauchen weder einen Kommentar noch eine Erklärung. Doch sie passen ins Spektrum der „Thoughts&Insights“ auch wegen ihrer Artverwandtschaft mit OUBEYs Haltung, mit seinen Gedanken und Gefühlen in diesen Fragen, die mich sofort erstaunt und berührt hat, als ich „Uneasy Rider“ zum ersten Mal sah.
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Die Dokumentation „Uneasy Rider“ läuft übrigens auf Arte TV am 29. Juli 2019, leider mal wieder sehr spät in der Nacht.
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Photo credit: OUBEY – Summer Day